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Podium Gesellschaftspolitik 2008
9. Oktober 2008, München
"Megacities - Moloch oder Moderne?"
Sie sind komplex, vielschichtig und verändern sich mit rasanter Geschwindigkeit: die Megastädte der Welt. In den 70er Jahren prägten die Vereinten Nationen (UN) den Begriff „Megacity" als Bezeichnung für urbane Räume mit mindestens acht Millionen Einwohnern. In den 90er Jahren hob sich diese Schwelle auf zehn Millionen an und mit Eintritt in das 21. Jahrhundert hat das „Jahrtausend der Städte" begonnen.
Bereits heute lebt mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten, bis zum Jahr 2050 ist ein weiterer Anstieg auf 75 Prozent zu erwarten. Die weltweit rasant fortschreitende Verstädterung war das Thema der Podiumsdiskussion „Megacities - Moloch oder Moderne?", welche die BMW Stiftung Herbert Quandt am 9. Oktober 2008 in der BMW Welt in München mit ca. 300 Zuschauern veranstaltete.
Jürgen Chrobog, Vorsitzender des Vorstands der BMW Stiftung Herbert Quandt, wies in seiner Einführung auf die große Bedeutung von urbanen Räumen für die Entwicklung unserer Gesellschaften hin. Megacities sind nicht einfach große Städte - sie sind Kristallisationspunkte gesellschaftlicher Veränderungen mit großer Tragweite. In Megacities kann man wie unter einem Brennglas die sozialen und ökonomischen Veränderungen der Zukunft ablesen, so Chrobog.
Was macht eine Megacity zur Megacity?
Die Stadtgeografin und Megacity-Expertin Frauke Kraas verwies bei dieser grundlegenden Frage auf überwiegend qualitative Phänomene. Zwar gelten Städte generell als Megacities, wenn sie mindestens acht Millionen Einwohner haben, doch stünden Merkmale wie hohe Dynamik, großes Wachstum und hohe Bevölkerungskonzentration bei begrenzten Steuerungsfähigkeiten der Regierung im Vordergrund.
Verkehrsinfrastruktur als Herausforderung
Wolfgang Schwentker von der Universität Osaka in Japan erklärte, dass der Prozess der Stadtplanung nur bis zu einem bestimmten Grad realisierbar sei. Er verwies auf die infrastrukturelle Funktionalität japanischer Großstädte. Ihr Erfolgsrezept läge darin, dass von Beginn an ein starker Staat die Raumplanung bestimmt habe. Dabei liege das Augenmerk auf öffentlichen Bauvorhaben wie Verkehr, Brücken und Flughäfen.
Außerhalb von Japan bleibe der rapide zunehmende Verkehr in Megastädten ein zentrales Problem, so der Stadtplaner Ferdinand Stracke. Er erinnerte an chronische Überlastung, massive Versorgungsdefizite, Umweltbelastung und unzureichende planerische und politische Governance.
Sauberes Trinkwasser als zentrales soziales Problem
Beim Zugang zu sauberem Trinkwasser sind enorme Disparitäten zwischen sozialen Schichten festzustellen. In den Slums von Delhi, so Professor Kraas, ist es für die Menschen fast unmöglich, an sauberes Trinkwasser zu gelangen. Dem gegenüber läuft in sehr wohlhabenden Vierteln der Stadt vielerorts der mit Trinkwasser gespeiste Rasensprenger. In Gegenden der Mittelschicht ist sauberes Wasser erhältlich, jedoch zu einem sehr hohen Preis.
Sind Megacities noch regierbar?
Die Entstehung von Slums ist als typisches Ergebnis einer beschleunigten und unkontrollierten Migration in eine Stadt zu bewerten, deren Administration die daraus entstehenden Probleme nicht mehr bewältigen kann, erklärte Schwentker. Frauke Kraas ergänzte, dass die Administrationen wenige Möglichkeiten hätten, in die vielgestaltige Dynamik effektiv einzugreifen. Bisher mangelt es in den Entwicklungs- und Schwellenländern an ganzheitlichen Konzeptionen auf Megastadtebene.
Informeller Sektor
In diesem Zusammenhang wurde auch über die zunehmende Entwicklung des informellen Sektors in Megacities diskutiert, einem ökonomischen und sozialen System, das soziale Aufgaben erfüllt, die weder Stadt noch Staat leisten können. Frauke Kraas fügte hinzu, dass unter den gegebenen Zuständen und mit der immer deutlicher werdenden Passivität des Staates die informellen Sektoren ein überaus wichtiges Standbein für die sozial Schwächeren darstellen.
Dokumente
Redner
Prof. Dr. Frauke Kraas
Professorin für Anthropogeographie am Geographischen Institut der Universität zu Köln und Koordinatorin des DFG-Schwerpunktprogramms „Megastädte: Informelle Dynamik des globalen Wertewandels“
Prof. Ferdinand Stracke
Emeritierter Ordinarius für Städtebau und Regionalplanung an der Technischen Universität München
Ulrich Kranz
Leiter project i der BMW Group, München
Prof. Dr. Wolfgang Schwentker
Professor für vergleichende Kulturgeschichte an der Universität Osaka, Japan
Wolfgang Nowak (Moderator)
Leiter der Alfred Herrhausen Gesellschaft für internationalen Dialog der Deutschen Bank

