YL Community
Geoff Mulgan
Young Leaders Interview
Geoff Mulgan ist Direktor der Young Foundation und betreute 2005/6 ihre Gründung aus dem Institute of Community Studies und dem Mutual Aid Centre. Zwischen 1997 und 2004 bekleidete Mulgan verschiedene Ämter in der Regierung von Großbritannien, einschließlich als Direktor des Planungsstabes im Büro des Premierministers Tony Blair. Seine Karriere begann in der Kommunalverwaltung von London, wo er in den 80er Jahren politische Strategien entwickelte um kulturelle und kreative Unternehmen zu unterstützen, deren Modelle heute auf der ganzen Welt nachgebildet werden. Darüber hinaus arbeitete Mulgan als Journalist für BBC TV und diverse Zeitungen. Er hat in über 30 Ländern weltweit unterrichtet und ist Gastdozent an der London School of Economis, dem University College London, an der Melbourne University sowie der Chinese Executive Leadership Academy in Shanghai. Er ist Gaststipendiat an der Australia New Zealand School of Government sowie der UK National School of Government. Geoff Mulgan hat weltweit Regierungen in Fragen politischer Strategien beraten.
Die Young Foundation ist hauptsächlich im Bereich soziale Innovation aktiv. Wo liegt der Schwerpunkt und was sind die Hauptziele der Stiftung?
Die Ursprünge der Young Foundation liegen über 50 Jahre zurück, als ein gewisser Michael Young zusammen mit Kollegen ein Forschungszentrum in einem der ärmeren Londoner Stadtviertel ins Leben rief, um den dortigen Alltag zu erforschen und der Regierung und den Entscheidungsträgern darüber Rückmeldung zu erstatten.
Das Gros unserer Arbeit ist ähnlich gemischt. Zum einen erforschen wir den Alltag der Menschen - so haben wir z.B. ein sehr umfangreiches Projekt über sich wandelnde Bedürfnismuster gemacht. Aber wir haben auch Teams, die versuchen, gesellschaftliche Mängel und Missstände zu lokalisieren, neue Lösungen zu entwickeln und sie dann schnellstmöglich in die Praxis umzusetzen, anfangs in Form von Projekten und dann durch die Schaffung neuer Organisationen.
Welche Erfahrungen können Sie beispielhaft an andere Länder weitergeben?
Wir kooperieren z.B. mit einer Organisation in Portugal, die bereits in den Bereichen Forschung und soziales Unternehmertum tätig ist und die sich möglicherweise zu einem portugiesischen Ableger der Young Foundation entwickeln wird. Im Großbritannien gründeten wir vor kurzem ein Netzwerk neuer Schulen - das Modell dafür haben wir uns von Vorbildern in der ganzen Welt abgeschaut und dabei viel von Modellen aus Dänemark, Südamerika und Indien gelernt. Manche unserer Projekte sind rein international. So haben wir z.B. eine Firma namens „School of Everything", eine Online-Plattform für Lernen und Unterrichten, die jedem offen steht und somit bereits sehr international ist.
Ist es nicht ein Problem vieler gut funktionierender Organisationen, dass sie lange brauchen, bis sie an diesen Punkt kommen? Gibt es vielleicht einen effektiveren Weg, damit Organisationen voneinander lernen und auf internationaler Ebene effektiver zusammenarbeiten?
Wir haben ein Netzwerk namens „Social Innovation Exchange" (SIX) geschaffen, das derzeit rund 400 Mitglieder zählt. Diese arbeiten hauptsächlich in Organisationen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, mit Hilfe systematischer Innovationen gesellschaftliche Mängel und Missstände anzugehen. Darunter sind Mitarbeiter großer Konzerne wie Cisco oder Philips, aber auch von internationalen Regierungen, wie z.B. in Frankreich, Großbritannien, Australien und China. Manche Mitglieder des Netzwerks arbeiten für NGOs, z.B. in Korea oder Brasilien, andere für Finanzdienstleister. In Portugal starten wir in Kürze unsere erste große Methodenumfrage im Bereich soziale Innovation. Wir wollen 500 Methoden weltweit analysieren, um unseren Mitgliedern Anhaltspunkte zu geben, mit welch unterschiedlichen Methoden sich ein soziales Unternehmen aufbauen und finanzieren, ausbauen oder nachbilden lässt. Es hat seine Gründe, warum fast kein soziales Unternehmen global skaliert ist.
Sie beraten auch Regierungen. Was ist dabei die größte Herausforderung? Was ist der Schwerpunkt Ihrer Beratungstätigkeit für Regierungen?
Die Young Foundation hat zwei Hauptbereiche: Der eine Bereich ist Strategie und widmet sich der Frage, wie Regierungen langfristig effektiver handeln können - vor allem in Bezug auf große Themenkomplexe wie Umwelt, soziale Ungleichheit oder das Gesundheitswesen. Ich erarbeite dabei Optionen, wie Regierungen besser strukturiert ihre Budgets und Zielsetzungen organisieren können. In jeder Regierung gibt es strategische Kurzzeitinteressen, wobei allein auf Umfrage- oder Wahlergebnisse reagiert wird. Das lässt sich nicht vermeiden. Aber Regierungen sollten vornehmlich strategische Ziele verfolgen. Darüber hinaus berate ich Regierungen bei der Frage, wie sie Innovationen unterstützen können. Ende des letzten Jahrhunderts wurde von Regierungsseite viel Geld für Forschung und Entwicklung sowie technologische und wissenschaftliche Innovationen ausgegeben. Für die Wissenschaft werden i.d.R. ein bis zwei Prozent des BIP bereitgestellt. Wir sind der Ansicht, dass dies weiterhin von Bedeutung ist, aber dass wir in diesem Jahrhundert auch systematische Innovationen im gesellschaftlichen Bereich benötigen und dafür wiederum brauchen wir neue Regierungsstrukturen, neue Wege der Geldbereitstellung, und man muss ein System zur Ideenförderung entwickeln.
Funktionierende Zivilgesellschaften aufzubauen klingt nach einer großen Herausforderung. Worüber sprechen wir hier eigentlich und was versteckt sich hinter dem Begriff der „Zivilgesellschaft"?
Für die Regierungen ist es das Wichtigste, daß wir als Berater Lösungen für soziale Probleme finden und verbreiten. Ein Beispiel aus den Vereinigten Staaten ist die Fettleibigkeit - ein riesiges, komplexes gesellschaftliches Problem, das sich auch weltweit immer mehr verschärft. Die Frage ist also, wie man das Problem angeht, wie man mit verschiedenen Lösungsansätzen experimentiert, von ihnen lernt und letztendlich die Lösung auf andere Kontexte überträgt.
Aber es gibt noch viele andere Themenkomplexe - z.B. Arbeitslosigkeit oder Bildung. In der Gesundheitsfürsorge liegt unser Hauptaugenmerk auf chronischen Krankheiten, wie Multiple Sklerose oder Diabetes, die heute mitunter die Hauptprobleme für unsere Gesundheitssysteme darstellen - zumal unsere Gesundheitssysteme i.d.R. für akute Krankheiten entwickelt werden. In der Folge fließt das Geld an Krankenhäuser. Obwohl jeder weiß, dass das nicht nachhaltig ist, wurde noch nicht genug unternommen, um ein optimaleres Gesundheitssystem zu schaffen, das auf chronische Krankheiten spezialisiert ist. Das ist global ein wichtiges Thema.
Eine andere Frage ist, wie man dafür sorgen kann, dass eine starke Zivilgesellschaft wächst und gedeiht. Manchmal liegt es am Geld, dann wieder an den Fähigkeiten. In der Folge der Finanzkrise lautet eines unserer Hauptargumente, dass jedes Land seine Zivilgesellschaft stärken muss - nicht nur seine Zivilgesellschaft, sondern auch seine Zivilwirtschaft, d.h. Teile der Wirtschaft wie Genossenschaften oder Kooperativen, um die Wirtschaft widerstandsfähiger zu gestalten, sie auf ein breiteres Fundament zu stellen sowie in längerfristigen Zusammenhängen zu denken.
Gibt es so etwas wie eine globale Vernunft, wenn es um Umweltthemen oder Armutsbekämpfung geht?
Wenn ich mir z.B. die Veranstaltungen ansehe, bei denen wir Leute aus den unterschiedlichsten Ländern zusammenbringen - Südkorea, Brasilien, Amerika oder Schweden - dann sind das sehr unterschiedliche Länder, aber die vier, fünf größten Herausforderungen sind doch für alle ähnlich. In China z.B. sind die aktuell größten Herausforderungen die Arbeitslosigkeit, die Umwelt und das Altern der Gesellschaft. China altert sehr schnell und geht im Vergleich zu Portugal oder Deutschland in seinen Antworten sehr unterschiedliche Wege. Einige der Probleme aber sind ähnlich - z.B. was die Organisation der Wohnsituation, der Gesundheitsversorgung usw. angeht. Viele Ideen bewegen sich in unterschiedlichen Richtungen über den Globus. So haben wir in England z.B. noch vor zwanzig Jahren nach Amerika, Deutschland und Frankreich geschaut. Aber heute kommen sehr gute Ideen aus Bangladesch oder Brasilien. In London gibt es beispielsweise eine Version der in Bangladesch ansässigen Grameen-Bank. Aus Bangladesch stammen darüber hinaus noch viele weitere erfolgreiche Ansätze, die in Großbritannien oder in Amerika kopiert werden. Noch vor einer Generation hätte sich niemand vorstellen können, eine Unternehmensidee von Bangladesch nach Chicago zu transportieren.
Große Bewegung herrscht auch im Bereich der urbanen Landwirtschaft und der Frage, wie man in Städten Obst und Gemüse anbaut oder Dächer und städtische Parks in Felder verwandelt. Gesellschaftlich relevante Innovationen passieren auf der ganzen Welt und die Ideen wandern von Süden nach Norden und von Norden nach Süden. Also muss alles global betrachtet werden.
In Großbritannien unter Tony Blair und in den Vereinigten Staaten unter Clinton herrschte große Indifferenz zum Kapitalismus. In der Folge wurde der Kapitalismus zu mächtig und man ließ zu, dass er außer Kontrolle geriet. Banker und Finanzfachleute sollten nicht die Leitfiguren und die Bestverdiener der Gesellschaft sein, sondern auf der gleichen Ebene stehen wie Klempner oder Straßenbauer. Ihre Funktion ist es, der Realwirtschaft, der Gesellschaft und der Umwelt zu dienen. Indem wir die Finanzkreise so übermächtig werden ließen, haben wir historisch gesehen einen riesigen Fehler begangen. Bei der sozialen Wirtschaft geht es um neue Formen gemeinsamen Eigentums und kollektiver Macht.