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Heather Cameron

Young Leaders Interview
Heather  Cameron

Heather Cameron wurde 1969 in London geboren und wuchs in Vancouver auf. Sie studierte Philosophie und Geschichte an der Universität Toronto, erwarb ihren Magister im Graduiertenprogramm Social and Political Thought an der York University und promovierte dort mit einer Arbeit zu „Foucault, Freud and the Fate of Critique“. Sie ist Juniorprofessorin im Fachbereich Erziehungswissenschaft und Psychologie an der Freien Universität Berlin und Associate Professor Extraordinary an der University of the Western Cape in Südafrika. In ihrem aktuellen Forschungsprojekt untersucht sie Fragen zu gesellschaftlicher Innovation und sozialem Unternehmertum, Qualitätsmanagement in sozialen Projekten sowie die Grenzen und Möglichkeiten des Sports im Rahmen von sozialen Projekten, v.a. von Projekten zur Förderung der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Teilhabe von Mädchen und Frauen. Im Jahr 2005 gründete Cameron in ihrem Berliner Boxclub in Kreuzberg das Projekt „Boxgirls“. Ziel ist es, Mädchen und jungen Frauen aus benachteiligten Stadtteilen dabei zu unterstützen, ihre Stärken zu entdecken und zu Führungspersönlichkeiten in ihrem Umfeld zu werden. Das Boxgirls-Projekt hat mittlerweile internationale Schwesterprojekte in Nairobi (2007) und Kapstadt (2009). Als Partner konnte Boxgirls die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung, die Women Win-Stiftung und Comic Relief gewinnen.

Heather Cameron, was genau ist unter Integrationspädagogik zu verstehen?

Der Arbeitsbereich Integrationspädagogik an der FU Berlin schafft Wissen über neue Formen der sozialen Integration. Dazu untersuchen wir erfolgreiche Maßnahmen von gesellschaftlicher Integration und kreieren innovative Lehr- und Lernmethoden, die StudentInnen Problemlösung anhand konkreter Fälle ermöglichen. Der Fachbereich fördert besonders den internationalen Austausch über dieses Thema und trägt so zu einer generellen Internationalisierung der FU bei. Ein Beispiel dafür ist unsere Partnerschaft mit der University of the Western Cape in Kapstadt. Wir ermutigen so die StudentInnen zu reisen, und unsere akademische Gemeinschaft wird durch Gastforscher bereichert. Beides unterstützt Berlin und Deutschland, mithilfe der so genannten International Best Practices ihr Bildungs- und Sozialangebot zu erweitern. Für diese Bereiche bieten wir auch eigene Programme an, wie etwa Beratung für Stiftungen und soziale Projekte sowie Evaluationen.

Ihr Projekt „Boxgirls“ feiert international große Erfolge und ist mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet worden. Trotzdem die provokante Frage: Warum sollen Mädchen boxen? Wie wäre es denn mit Jazztanz oder Tennis?

Jeder Sport ist gut. Für Körper und Geist, für Fitness und Selbstvertrauen. Was den speziellen Anti-Gewalt-Aspekt angeht, sind Kampfsportarten und Selbstverteidigung besonders sinnvoll. Wenn sie von kompetenten Lehrerinnen geleitet werden, schaffen sie einen Rahmen, der sich nicht nur auf ein paar Körpertechniken beschränkt. Kraft hat nicht nur mit Muskeln zu tun. Beim Boxen muss man lernen, mit seinen Grenzen umzugehen. Es geht nicht nur um körperliche Fitness, sondern auch um mentale Stärke. Man muss sich selbst vertrauen und taktisch handeln. Durch Boxen wird man selbstständiger, selbstbewusster und entwickelt Führungsqualitäten. Es bereitet die Mädchen darauf vor, gesellschaftlich zu partizipieren und Verantwortung zu übernehmen. Sie wirken bei Presseterminen, Projektwochen in benachbarten Schulen, Erste-Hilfe-Kursen sowie Kiez-Events mit. Einige machen sogar ihren Trainerschein. Boxgirls vermittelt den Mädchen also eine Vielzahl von Möglichkeiten, sich aktiv in die Gestaltung ihres Umfeldes einzubringen.

Jazztanz und Tennis bieten Mädchen (und Jungs) ebenfalls Möglichkeiten zur Entwicklung, aber keine Gelegenheit, Geschlechterrollen in Frage zu stellen, ihren Mut zu entdecken und ihre Ängste zu überwinden. Kampfsportarten ermöglichen Mädchen, Begabungen und Talente zu entdecken, von deren Existenz sie nicht einmal wussten oder die man ihnen womöglich abstritt (Mut, Stärke, Heldentum, Entschlossenheit), anstatt Geschlechterstereotypen zu bestärken. Am wichtigsten ist aber, dass jeder eine sportliche Aktivität findet, die ihr bzw. ihm Spaß macht und diese dann auch beibehält. Nicht jede ist zur Boxerin geschaffen.

Wo sehen Sie Boxgirls in zehn Jahren? Welche Partner und welche Formen der Unterstützung werden Sie in Zukunft brauchen?

In zehn Jahren sähe ich Boxgirls gern als eine starke professionelle Organisation, die in der Lage ist, Graswurzelorganisationen sowohl in Deutschland als auch weltweit mit einer breiten Palette an Dienstleistungen zu versorgen. Ich sehe uns als eine gGmbH mit einem aktiven Vorstand – nationale und internationale Führungspersönlichkeiten im sozialen Bereich, die mir als Geschäftsführerin Netzwerke und Know-how zuführen – und mit einem starken Team Frauen, das Boxgirls-Organisationen vor Ort bei der Entwicklung des Curriculums, der Medienarbeit, in Finanzierungs- und Fundraisingfragen, und in den Bereichen Startup-Hilfe, Consulting und internationale Öffentlichkeitsarbeit unterstützt. Wir brauchen Leute, die uns mit ihrer Expertise unterstützen und in unsere Projekte investieren. Darüber hinaus müssen wir mit internationalen Firmen und Organisationen zusammenarbeiten, um an neuen Standorten von deren Netzwerken zu profitieren, uns über steuerliche und juristische Fragen informieren, wichtige Politiker kennen lernen und die Risiken und Chancen verschiedener Arbeitsumfelder verstehen lernen.

Ich stelle mir vor, dass in zehn Jahren das Boxgirls-Netzwerk in vier oder fünf Ländern vertreten sein wird: Deutschland, Kenia, Südafrika, dazu vielleicht noch eine Nation auf der Nordhalbkugel wie beispielsweise das Vereinigte Königreich oder Kanada, und eine Nation im Süden – vielleicht Brasilien oder Vietnam. Ich wünsche mir starke, autarke und angesehene Projekte, die in der Lage sein werden, sowohl ehrenamtliche Mitarbeiter als auch Spender für sich zu gewinnen und ihre Programmkosten durch verlinkte Social Businesses zu finanzieren. Auf lokaler Ebene brauchen wir regionale und internationale Partner, die uns bei der Curriculum-Entwicklung und unserem Wachstum als Kleinunternehmen helfen und uns politisch und journalistisch unterstützen.

Boxgirls wurde im vergangenen Jahr auch in Kapstadt/Südafrika gegründet: Was sind die spezifischen Probleme in Südafrika und inwieweit können Sportprojekte dort den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken?

In und um Kapstadt herum sind wir vor allem mit zwei Problemen konfrontiert: Zum einen sind die Mädchen und Frauen permanent mit der Gefahr potentieller sexueller Gewalt konfrontiert. Zum anderen sind die ökonomischen Ressourcen in Kapstadt knapp, es gibt viel zu wenig Arbeitsplätze und die, die es gibt, sind meist so weit entfernt, dass es Frauen unmöglich ist, aktiv am Familienleben teilzuhaben. Während die Mütter einen Tagestrip entfernt auf die Kinder anderer Frauen aufpassen, wachsen ihre eigenen Kinder als „Arbeitswaisen“ auf. Unser Fokus liegt hier daher auf dem Ausbau von Entrepreneurship-Programmen.

Ähnlich wie in Berlin lässt sich darüber hinaus eine starke Trennung zwischen unterschiedlichen Gruppen und Schichten beobachten. In Berlin ist die Schere zwischen Arm und Reich natürlich weniger ausgeprägt. Aber genau wie wir hier in Deutschland an den soziodemografischen Daten der Universitätsabsolventinnen feststellen, dass wir noch zu wenig Integration betreiben und es zu wenig Bewegung zwischen den Bildungsschichten gibt, findet man in Südafrika viel zu wenig schwarze Frauen an den Unis. In Berlin und Kapstadt haben wir Universitäten als Partner, die uns bei unseren Programmen und deren wissenschaftlichen Auswertung zur Seite stehen.

Aktuell untersuchen Sie die Möglichkeiten, wie insbesondere die Position sowie die gesellschaftliche und wirtschaftliche Teilhabe von Mädchen und Frauen international durch Social Entrepreneurship gestärkt werden kann. Wo liegt das Problem und welche Lösungsmöglichkeiten sehen Sie für Frauen? Welche Formen von innovativen Unternehmen und Projekten brauchen wir, um die Position von Frauen zu stärken?

Das ist eine komplizierte Frage, mit der sich viele von uns beschäftigen. Manche Aspekte sind leicht zu beantworten: Wenn Frauen die Möglichkeit haben, ihr eigenes Geld zu verdienen und zu verwalten, dann verändert das ihre Rolle in der Familie und in ihrem Umfeld. Ein Mädchen, das eigenes Geld verdient, kann besser entscheiden, mit wem sie befreundet ist, ob sie studieren und wann sie eine Familie gründen möchte als ein Mädchen, das schon für die kleinsten Geldbeträge – z.B. für Handyguthaben, Bustickets, selbst Hygieneprodukte – total von den Männern in ihrem Umfeld abhängig ist. Viele Entwicklungsprojekte haben auch gezeigt, dass es der Entwicklung der Gemeinschaft förderlicher ist, in von Frauen geführte Unternehmen zu investieren – Frauen besitzen offenbar ein größeres Bewusstsein dafür, mit anderen zu teilen und sich nicht nur als Individuen, sondern als Teil einer Gemeinschaft zu entwickeln. Das ist natürlich nicht immer der Fall. An vielen Orten, an denen Boxgirls aktiv ist, gibt es keine Jobs, sondern nur Chancen, die vielleicht genutzt werden können, um einzelnen oder mit etwas Glück einer kleinen Gruppe von Einzelnen zu einem regelmäßigen Einkommen zu verhelfen. Ich kann hoffentlich einigen der Mädchen und Frauen, mit denen wir zusammenarbeiten, dabei helfen, ein Gespür für gute Social-Business-Gelegenheiten zu entwickeln und ihnen als Team –weil in einem Team mehr Talente vertreten sind – beibringen, diese Chancen zu nutzen, um sich ein Grundeinkommen zu sichern. Es bedarf einer neuen Sichtweise auf die Probleme und, sobald die ersten grundlegenden Schritte unternommen sind, Zugang zu mehr Know-how. Wir sind sehr froh, mit Stiftungen wie Comic Relief und Women Win zusammenzuarbeiten, die uns dabei unterstützen, Richtlinien zur Einkommensschaffung für Frauen und Mädchen zu entwickeln. Damit werde ich mich im kommenden Jahr intensiv beschäftigten. Danach habe ich bestimmt mehr zu berichten.

Im Mai 2010 haben Sie erstmalig an einem Forum der BMW Stiftung teilgenommen. Welche Erkenntnisse nehmen Sie aus dem 3rd European Young Leaders Forum in Istanbul mit? Welche Erkenntnisse haben Sie zu dem Thema „Gesellschaftlicher Zusammenhalt“ gewonnen?

Es war eine wunderbare Gelegenheit, in Istanbul mit anderen Young Leaders zusammenzutreffen. Wenn man eingeladen wird, einen Workshop zu halten, ist man zuerst einmal gezwungen, darüber nachzudenken, welche Probleme man als Organisation hat und wie man diese darstellen kann, um von intelligenten Leuten, die dein Projekt noch nicht kennen, Ratschläge zu bekommen. Die eigene Organisation von außen zu sehen, ist eine gute und eine wichtige, leider immer noch nicht oft genug praktizierte Übung. Darüber hinaus waren die Podiumsdiskussionen hervorragend; die Vorträge und Präsentationen von türkischen Ministern, Fernsehpersönlichkeiten, renommierten Professoren und Aktivistinnen vermittelten Einblicke in die Türkei, die ich sonst nicht erhalten hätte, und da Boxgirls in Berlin auch von vielen türkischen Familien unterstützt wird, habe ich jetzt das Gefühl, sie und meine Nachbarn in Berlin besser zu verstehen. Was das Thema „gesellschaftlicher Zusammenhalt“ angeht, habe ich nicht nur gelernt, dass Stadtsanierungsprojekte trotz bester Vorsätze auch Gemeinschaften zerstören können, sondern auch, dass es möglich ist, eine sehr vielfältige Gruppe junger Europäer über ihr soziales Engagement in einen produktiven Dialog zu bringen. Wir hatten sehr unterschiedliche Hintergründe und waren in unterschiedlichem Maße in sozialen Projekten involviert, aber die Exkursionen und Workshops schufen ein Fundament, auf dem wir alle gleichermaßen unseren Beitrag leisten konnten.

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