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Jesse LeCavalier
Poiesis Fellow Interview
Jesse LeCavalier ist Architekt mit Abschlüssen von der Brown University und der University of California, Berkeley. Gegenwärtig schreibt er an seiner Doktorarbeit zu Einzelhandelslogistik und Stadtplanung an der ETH Zürich. Zudem ist er Fellow im Poiesis-Fellowship-Programm der BMW Stiftung. Im Sommer unternahm seine Projektgruppe eine Forschungsreise nach New York und entwarf die eigene Zeitschrift Milgram. Im Interview spricht Jesse über Google, politische Vorstellungswelten und darüber, wie Infrastruktur unser Leben verändern kann.
Jesse, Sie sind Poiesis-Fellow der BMW Stiftung und dort Mitglied der Projektgruppe “Infrapolitics”. Wie geht die Arbeit voran? Sind Ihre Erwartungen erfüllt worden?
Ich sollte vielleicht einleitend darauf hinweisen, dass wir jetzt etwas über ein Jahr an dem Projekt arbeiten und ich so die Möglichkeit habe, ein kurzes rückblickendes Fazit zu ziehen. Weil ich bereits zuvor hin und wieder interdisziplinär gearbeitet habe, war ich anfangs zuversichtlich, was die Ausrichtung des Fellowships betraf, habe mich aber gleichzeitig vor zu viel Optimismus geschützt. Es kann ziemlich schwierig sein, eine gemeinsame Sprache oder eine Basis zu finden, auf der man arbeiten kann. Am Anfang wusste ich nicht, was mich erwartet – was, wie ich denke, eines der besten Dinge an dem Projekt ist. Wir haben uns alle auf das Experiment eingelassen, und jetzt, ein Jahr später, forsche ich an „intelligenten Städten“ in Indien und Korea und tausche mich auf anregende und fordernde Weise mit Geographen, Soziologen und Wissenschaftshistorikern aus.
Vor kurzem haben Sie und drei weitere junge Wissenschaftler New York besucht…
Unsere Projektgruppe hat sich zunächst ganz allgemein die Frage gestellt, inwieweit digitale Infrastruktur in der Lage ist, politische Vorstellungswelten hervorzubringen. Wir versuchen im ersten Schritt herauszufinden, was digitale Infrastruktur ist, und wollen dann in einem zweiten Schritt untersuchen, was digitale Infrastruktur tut. In New York haben wir verschiedene Orte erforscht, die mit Googles digitaler Infrastruktur zusammenhängen. Beispielsweise haben wir uns den New Yorker Unternehmenssitz in den ehemaligen Gebäuden der Hafendirektion angesehen. Wir haben auch ein neues Datenspeicherzentrum besucht, das gerade in einer früheren Telekommunikationsschaltzentrale errichtet worden ist.
Sind Serverfarmen und Firmensitze nicht eher ungewöhnliche Forschungsobjekte?
Die unmittelbare Auseinandersetzung mit diesen Orten war sehr wichtig, um ein umfassenderes Verständnis zu erlangen. Wir hoffen durch diese Art der Forschung zu verstehen, wie digitale Infrastruktur unser tägliches Leben beeinflusst und ihre materiellen Aspekte umfassender zu begreifen. Wenn wir beispielsweise Googles Speicherzentren untersuchen, sind wir in der Lage, eine Idee wie die „virtuelle Wolke“ aus einer viel umfassenderen Perspektive zu sehen. Man erkennt, dass es dabei nicht nur um weiße Wolken in einem blauen Himmel geht – worauf die Bildung solcher Marken ja abgezielt –, sondern dass solche Veränderungen eben auch sehr materielle Konsequenzen haben. Obwohl man uns digitale Kommunikation oft als etwas Flüchtiges verkauft, manifestiert sie sich substantiell physisch. Die Infrastruktur von Suchmaschinen etwa beinhaltet natürlich Software und Programmierung, sie beinhaltet aber auch riesige Datenmengen, Leitungen, die diese Daten übermitteln, Serverfarmen, um die Daten zu speichern, und Kontrolleinheiten für die Einhaltung von bestimmten Lesbarkeitsstandards.
Sie orientieren sich in Ihrer Forschungsarbeit an Fallstudien. Sie waren bei Google in New York, demnächst wollen sie Googles Firmensitz in Kalifornien besuchen; aber auch der Besuch der Stadt New Harmony im Mittleren Westen der USA, die 1825 von dem Unternehmer Robert Owen als genossenschaftlich organisierte Kolonie gegründet wurde, ist angedacht.
Wir verstehen diese Fallstudien als Beispiele von Infrastruktur oder infrastrukturellem Denken im weiteren Sinne. Man kann sie auch als Manifestationen von Organisationssystemen auffassen oder als Auswüchse bestimmter Ideen oder Möglichkeiten. Unser Vorhaben, Googles Firmensitz in Mountain View, Kalifornien, zu besuchen, zielt weniger darauf ab, die Infrastruktur dort zu entdecken als darauf, herauszufinden, wie sich fortschreitend allgegenwärtige Informationen physikalisch und räumlich abbilden. Google steht in diesem Sinn stellvertretend für andere ähnliche Organisationen, die Einfluss auf die Gestalt von Städten nehmen – aber eben auf eine viel weniger offensichtliche Weise als infrastrukturelle Akteure der Vergangenheit.
Und New Harmony?
New Harmony, das kommunitaristische Experiment Owens, ist ein Beispiel für eine soziale Infrastruktur. Die gesellschaftliche Organisation der Stadt war verbunden mit einer speziellen Architektur, die Stadt war als Prototyp designt. Man stellte sich vor, dass jede nach diesem Vorbild errichtete Siedlung als Teil einer neuen Gesellschaft erkannt und andere zum Mitmachen ermutigen würde. Man kann diese Kommunen als Infrastruktursystem begreifen, mit dem man ein bestimmtes räumliches Gebiet organisieren kann. Was New Harmony aber vielleicht vor allem zeigt, ist die menschliche Fähigkeit, alternative politische Vorstellungswelten zu entwickeln.
In all diesen Untersuchungen zeigt sich ein sehr weites Verständnis des Begriffs „Infrastruktur“.
Infrastruktur ist mehr als die großen und kostenintensiven Bauten, an die wir bei dem Wort oft denken: Straßen, Brücken usw. Bei jedem Infrastruktursystem gibt es die für jeden sichtbare Anlage, daneben eine Institution, die die Anlage beaufsichtigt und unterhält, sowie kleinere technologische Systeme zur Kontrolle und Administration. Als die ersten Eisenbahnen in den Vereinigten Staaten gebaut wurden, gab es nur wenige Standards – etwa zur Bestimmung von Zeitzonen oder der Breite der Gleise. Erst als man bestimmte Normen und Techniken einführte, wie Zeitzonen und standardisierte Taschenuhren, funktionierte das System auf koordinierte Art und Weise. Ich denke, dass man Infrastruktur durch grundlegende strukturelle Entscheidungen charakterisieren kann, deren Einfluss nicht sofort sichtbar werden, die aber fundamental für ihre Rolle und Wirkungsweise sind. Infrastruktur organisiert unser Leben, indem sie uns vorgibt, welche Menge an Möglichkeiten uns zur Verfügung steht. Wenn man den Begriff so auffasst, dann ist Infrastruktur aber auch etwas, das wir einsetzen können, um auf direkterem Wege die Welt zu formen, in der wir leben möchten.
Wie könnte diese Welt aussehen?
Das muss man sehen. Ein Ausgangspunkt wäre aber sicher, diejenigen Entwicklungen zu identifizieren und hinterfragen, die zu einer Verdichtung von Macht und Ressourcen führen und die oft durch die Kontrolle von Infrastruktur gesteuert werden.
In Ihrem Essay „Let’s infratexture“ sprechen Sie davon, dass man sich als Architekt nicht nur einzelnen Großprojekten widmen, sondern sich mehr mit Infrastruktur beschäftigen sollte. Sie selbst haben in diesem Zusammenhang zu Walmart und dessen Expansionsstrategie geforscht.
Ich spreche mich dort für eine Form des Design aus, die sich auf der Ebene der territorialen Organisation abspielt und gleichzeitig die Fähigkeiten und Techniken des Architekten anwendet. Meinem Interesse an New Harmony und Walmart ist die Art und Weise gemein, wie diese Organisationen ihre jeweiligen Gebäudeeinheiten verstehen und verteilen. Dadurch dass sie ihr eigenes System als eine konsistente Einheit begreifen, sind sie in der Lage, ihre Ziele effektiver zu verfolgen. Diese Ziele mögen oft nicht so erstrebenswert sein, aber sie zeigen einen Weg auf, Architektur in einem neuen Licht zu sehen. In Anbetracht fortschreitender Privatisierung und Bürokratisierung sehe ich das als eine wichtige Richtung in der Stadtentwicklung. Das trifft vor allem auf die Vereinigten Staaten zu, wo mehrere Vertrauenskrisen in die Regierung dazu geführt haben, dass alle Versuche, Probleme strukturell anzugehen, sehr misstrauisch beäugt werden. Unbewusst wird eine Geisteshaltung kultiviert, die sich nicht mehr vorstellen kann oder will, dass die Dinge auch anders sein könnten. Eine gemeinsame politische Vision gibt es nicht mehr. Design ist ein mächtiges Instrument, mit denen man diesen Tendenzen entgegenwirken kann. Man experimentiert kontinuierlich mit Versionen der Welt, die es vielleicht geben könnte.
Sie sprechen davon, wie man durch Infrastruktur die Welt formen kann. Im Zentrum des Poiesis- Fellowship stehen Städte. Wie sollte die perfekte Stadt im 21. Jahrhundert designt sein?
Wir können die Dinge nur besser machen, indem wir Zeit, Energie, Geld und andere Ressourcen dem Nachdenken über und der Verbesserung von Städten widmen. Die Möglichkeiten, das zu tun, und die Themen, denen man sich dabei widmen kann, sind beinahe unendlich. Gleichzeitig bin ich nicht sicher, ob es überhaupt möglich ist, Städte zu „designen“. Was würde das bedeuten? Wie funktioniert Design und wo lokalisiert es sich in städtischen Konstellationen? Ich habe vorhin über die Faszination gesprochen, die einige utopische Projekte der jüngeren Vergangenheit auf mich ausüben. Das ist eine sehr komplizierte Beziehung, weil das Leben, das diese Projekte versprechen und die damit zusammenhängenden Bilder verführerisch sind. Aber es braucht so viel mehr als Design, um die Lebensqualität der Menschen zu verbessern.
Die Fragen stellte Matthias Ziegelmeier.