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VII. Munich Economic Summit

5. - 6. Juni 2008, München
“Europe in the Global Competition for Talent“

Konkret ging es in den beiden unter den Schlagworten „Brain Drain" und „Brain Gain" stehenden Panels des Summit um Zukunftsfragen für den Standort Europa: Wie können wir unsere besten Köpfe im Land halten und wie werden wir für hoch qualifizierte Zuwanderer attraktiver?

Vor dem Hintergrund eines wachsenden Fachkräftemangels - allein in Deutschland fehlen 80.000 Ingenieure - bei gleichzeitigem Bevölkerungsrückgang und hohem Fachkräftebedarf in aufstrebenden Wirtschaftsnationen wie Indien, stellt sich für Politik und Wirtschaft eine doppelte Herausforderung: einerseits die Bildungschancen im Inland in der Breite und Spitze zu verbessern und gleichzeitig die richtigen Maßnahmen für eine leichtere Zuwanderung aus dem Ausland zu treffen.

Von der bestehenden „Schieflage" in Deutschland ausgehend, die in der Abwanderung heimischer Fachkräfte ohne Kompensation durch ausländische Hochqualifizierte besteht, forderte der Vorstandsvorsitzende der BMW Stiftung Herbert Quandt, Jürgen Chrobog, in seiner Eröffnungsrede die Politik zum Handeln auf: „Nur wenn wir verstärkt auf qualifizierte Zuwanderung setzen und die rechtlichen Barrieren für den Zuzug senken, wird es uns auch gelingen, den Anspruch Hochtechnologieland zu sein, einzulösen." Dabei gelte es, in der Öffentlichkeit die positiven Aspekte einer „flexiblen, gezielten und transparenten Zuwanderungspolitik", wie sie in Nordamerika erfolgreich praktiziert werde, herauszustellen: Denn schließlich, so die Begründung des Stiftungsvorsitzenden, schafften Hochqualifizierte aus dem Ausland, dort wo sie im Inland gebraucht würden, Arbeitsplätze und Wohlstand. Die qualifizierten Arbeitskräfte, die die deutsche Wirtschaft benötige, seien eben gerade nicht aus der großen und immer noch zu hohen Zahl von Arbeitslosen in Deutschland zu gewinnen.

Auch Professor Hans-Werner Sinn, Mitveranstalter und Präsident des ifo-Instituts, sprach sich in seiner Rede für die Einführung einer selektiven und kompensatorischen Zuwanderungspolitik für Hochqualifizierte aus. Auf der Grundlage einer noch zu erweiternden Datenbasis machte Sinn in Schaubildern deutlich, dass sich in Europa Wanderungsströme in allen Richtungen in Größenordnungen von Hunderttausenden seit der EU-Erweiterung im Jahr 2004 bewegten. Diese „Migrationsströme" seien in Ausmaß und Wirkung durchaus mit der „im 4. Jahrhundert einsetzenden Völkerwanderung" in Europa vergleichbar. Den von ihm festgestellten Akademiker-Exodus aus der Bundesrepublik nahm Sinn zum Anlass, zugespitzt zu formulieren: „Deutschland ist ein Auswanderungsland geworden." Irland und Großbritannien, wie auch die Schweiz und Österreich, zögen deutlich mehr Immigranten mit höherem Bildungsabschluss an, während in Deutschland, Frankreich oder Italien niedrig qualifizierte Immigranten überwögen.

Wie stark die Emigration von Akademikern in die USA die internationale Wettbewerbsfähigkeit Europas schwächt, machte der französische Wirtschaftsprofessor Gilles Saint-Paul in seiner Untersuchung deutlich: Zwar läge der Anteil von Expatriates aus Europa nur bei 0,5 bis ein Prozent der amerikanischen Bevölkerung, aber gerade diese Gruppe mit hohem Bildungsniveau mache den Unterschied aus. Denn: Ihr Fehlen in den Ursprungsländern schwäche Europas Wachstumspotential.

An diesem Punkt setzte die Diskussion unter den Panelisten ein: Während der Münchner Unternehmensberater Roland Berger für eine Erhöhung der Zahl der Universitätsabgänger und für eine weitere Qualitätssteigerung gerade bei den Spitzen-Hochschulen eintrat, wies TU-Präsident Wolfgang Herrmann auf die Einmaligkeit und Bedeutung des deutschen dualen Bildungssystems hin, das in den internationalen Vergleichsstudien bedauerlicherweise keine Berücksichtigung fände. Für Litauen und seine Nachbarländer machte Finanzminister Rimantas Šadžius dagegen das Problem aus, dass die höheren Bildungsinstitutionen zu sehr auf staatlicher Finanzierung beruhten. Er warb daher für eine starke Beteiligung der Privatwirtschaft und trat zur Hebung des Standards für den Ausbau von Kooperationen zwischen den Universitäten des Ostseeraums ein.

Im Übrigen zeigte sich Šadžius optimistisch, was die Rückgewinnung von Hochqualifizierten aus seinem Land anlangt. Dazu müsse das Umfeld stimmen, zu dem harte wirtschaftliche Faktoren wie Steuererleichterungen für Unternehmen bei Investitionen in Forschung und Wissenschaft ebenso gehörten wie weiche Faktoren, beispielsweise die Förderung der gemeinsamen nationalen und kulturellen Identität.

Wie international operierende Unternehmen sich der Herausforderung stellen, Talente zu gewinnen und zu halten - dieser Frage widmete sich der Personalvorstand von Nokia Siemens Networks, Bosco Novak: Schlüsselfaktoren sind für ihn Innovationsbereitschaft, berufliche Entwicklungsmöglichkeiten und eine verantwortliche Unternehmensführung, die sichere Arbeitsbedingungen schaffe. Zudem müsse sich der Begriff Talent auch auf die „Förderung der individuellen Möglichkeiten" jedes Einzelnen beziehen und nicht nur im Zusammenhang mit Abwanderung oder Gewinnung von Spitzenkräften gesehen werden. Grundsätzlich plädierte Novak dafür, die Migration von qualifiziertem Personal angesichts einer immer enger verflochtenen Weltwirtschaft als „Chance für alle Beteiligten" zu begreifen.

In ihrer Dinner-Rede in der Residenz München stellte Bundesministerin Annette Schavan vor dem Hintergrund des „wachsenden Fachkräftemangels" insbesondere im Bereich der Natur- und Technikwissenschaften klar: „Ohne gezielte Zuwanderung von Fachkräften werden wir in Zukunft nicht auskommen." Allerdings gebe Deutschland einer nationalen Zuwanderungslösung, die spezifische Arbeitsmarktverhältnisse berücksichtige, gegenüber einer „europaweiten, einheitlichen Blue Card" den Vorrang. Doch vor allem ginge es darum, im eigenen Land einen Aufbruch zu mehr Bildung und Qualifizierung zu erzeugen - durch Maßnahmen, wie sie die „Qualifizierungsinitiative" der Bundesregierung vorsieht: Förderung der frühkindlichen Bildung, Ausbau der Weiterbildungsstrukturen und Aufstiegsförderung von Begabten. Oberstes Ziel aller Förderungsmaßnahmen in der Breite wie in der Spitze müsse es sein, „Deutschland zu einer international anerkannten Talentschmiede" zu machen.

Wie die europäischen Arbeitsmärkte für ausländische Talente attraktiver werden könnten, darum drehte sich das zweite Panel des Summit. Gerade das Fehlen einer koordinierten europaweiten Immigrationspolitik machte der italienische Ökonom Tito Boeri für die mangelnde Attraktivität Europas verantwortlich. „Die EU ist kein großer und einheitlicher Arbeitsmarkt für Fachkräfte aus Nicht-EU-Staaten." Deshalb schneide man im Vergleich zu den USA so schlecht ab. Um dem entgegenzuwirken, schlug Boeri eine „selektive Migrationspolitik, basierend auf einem Punkte-System" vor, das auch den nationalen Arbeitsmarktstrukturen Rechnung tragen könne.

Den Forderungen der Wirtschaft, den deutschen Markt für talentierte Ausländer zu öffnen, stimmte Bundesarbeitsminister Olaf Scholz in seinen Ausführungen nur bedingt zu. Für Spitzenkräfte könne dies gelten, allerdings lasse sich der Mangel an Facharbeitern auch ohne zusätzliche Einwanderung durch vermehrte Ausbildung und gezielte Qualifikationsmaßnahmen in Deutschland selbst beheben. Zudem müsse alles dafür getan werden, die über drei Millionen Stellungslosen wieder dem Arbeitsmarkt zuzuführen und insbesondere ältere Menschen mit Erfahrung in den Arbeitsprozess zu integrieren. „Mein Horrorszenario ist, dass wir in zehn Jahren einen Fachkräftemangel beklagen und gleichzeitig eine hohe Arbeitslosigkeit unter den Geringqualifizierten", so der Minister abschließend.

Dass es besonders auf eine unbürokratische Immigrationspolitik für Hochqualifizierte ankomme, um die europäische Wirtschaft zu stärken, daran ließ der Personalvorstand von Siemens, Siegfried Russwurm, keinen Zweifel. Ebenfalls wichtige Initiativen zu „lebenslangem Lernen" reichten alleine nicht aus, davon zeigte sich Russwurm überzeugt. Aber vor allem müssten wir attraktiver werden, indem wir uns als „Trendsetter für Innovationen" aufstellten und zudem bereit zeigten, ausländische Spitzenkräfte und ihre Familien voll in die Gesellschaft zu integrieren, so der Siemens-Manager in seiner Stellungnahme. Georges Lemaître, Migrationsexperte der OECD, fasste die Situation in Europa am Ende mit dem Hinweis zusammen: Europa müsse jetzt handeln, da die grenzüberschreitende Migration zunehmen werde, ebenso wie der grenzüberschreitende Fluss von Waren, Dienstleistungen und Kapital.

Fazit:
Europa droht im globalen Wettbewerb um die besten Talente ins Hintertreffen zu geraten - gerade im Vergleich zu klassischen Einwanderungsländern wie den USA oder den gerade im Technologiebereich stark wachsenden Volkswirtschaften Asiens. Die Strategie, die Bildungschancen im Heimatland durch vielfältige Förderungsmaßnahmen für alle, insbesondere auch für dringend benötigte Hochschulabsolventen zu erhöhen, wurde grundsätzlich begrüßt. Ebenso wurde anerkannt, wie wichtig - komplementär dazu - eine aktivere Zuwanderungspolitik zur Deckung des Fachkräftemangels ist. Wie diese auszugestalten ist, ob in einem einheitlichen, europäischen Rahmen und nach welchen Kriterien und Systemen, darüber bestanden unterschiedliche Ansichten.

Am Ende stand fest: Nur durch eine Politik, die gleichzeitig auf Bildung und Zuwanderung setzt, lässt sich das in der Lissabon-Agenda formulierte Ziel verwirklichen: Europa zum wettbewerbsfähigsten wissensbasierten Wirtschaftsraum der Welt zu entwickeln.


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