„Alt zu werden gehört zum Leben dazu“

Die Generationsbrücke Deutschland gibt es auch in Berlin

 

03.06.2016 | Rocco Thiede | Social Entrepreneurship

An der John-F.-Kennedy-Schule in Berlin-Zehlendorf gibt es einen Ableger der Generationsbrücke Deutschland, bei dem ganze Schulklassen an den Treffen mit Senioren teilnehmen. Dabei kooperiert die Schule erfolgreich mit Heimen der Umgebung. Die Rituale und Methoden der Generationsbrücke werden auch hier angewendet.

Publikation über die Generationsbrücke

Gemeinsam mit dem Herder Verlag hat die BMW Stiftung Herbert Quandt ein Buch über die Generationsbrücke Deutschland veröffentlicht. Diese Publikation gibt erstmals Einblicke in die Arbeitsweisen, Strukturen und Potenziale des ersten Generationen verbindenden Sozialunternehmes Deutschlands und zeigt ein zukunftsweisendes Modell, das es verdient flächendeckend umgesetzt zu werden. In Interviews und emotionalen Porträts, die nichts beschönigen aber alles loben, was zum Sinn des Lebens in der Dritten Lebensphase gehört, berichtet Autor und Mitherausgeber Rocco Thiede von Beispielen, die vor allem eines zeigen: Wie das Miteinander von Alt und Jung gelingt. Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch, das im Fachhandel und online erhältlich ist. 

Es ist ein warmer Frühlingstag. Die Sonne strahlt. Auf dem Campus der John-F.-Kennedy-Schule in Berlin-Zehlendorf wird für die Grundschüler an diesem Dienstagvormittag gerade die Pause eingeläutet. Entsprechend groß ist das Gewusel in den Klassenräumen und auf dem Schulhof. Einige ältere Schüler nutzen den Basketballkorb für gelungene Wurfkombinationen. Andere haben den braunen, ovalen Rugbyball unter dem Arm und gehen in Richtung einer grünen Wiese unweit der Schule. Schon von weitem sieht man Holger Schmidtke mit seiner leicht grauen Kurzhaarfrisur lächeln.

Heute gehen die Viertklässler in die umliegenden Heime zu ihren Bewohnerpartnern – es ist Generationsbrückentag. Verschiedene Gruppen mit ihren Lehrern machen sich auf den Weg zu den Senioren. Es gehört bei dem Berliner Ableger der Generationsbrücke zum Konzept, die Begegnungen in den Unterricht zu integrieren. „Da vorne laufen übrigens die jüdischen Kinder die nehmen entsprechend am jüdischen Religionsunterricht teil“, sagt Holger Schmidtke und weist auf eine Gruppe, die an der Ampelkreuzung einen anderen Weg einschlägt als wir. „Unsere Gruppe – das sind evangelische Schulkinder“.

Im Eingangsbereich des Heimes angekommen desinfizieren sich die Erwachsenen und Kinder die Hände. „Das passiert zwei Mal an diesem Tag – beim Kommen und beim Gehen“, erklärt Helga Albrecht-Thiele, eine Lehrerin im Ruhestand, die das Projekt unterstützt. „Denn wir wollen weder Keime reinbringen, noch etwas mit herausnehmen.“ Die Schüler kennen das Ritual.


Gleich hinter dem Empfang im Erdgeschoss befindet sich der große Speisesaal. Hier werden das Frühstück und das Mittagessen gereicht und gelegentlich finden in diesem großen Raum, der eine lange, helle Fensterfront zum begrünten Innenhof hat, auch Tanzveranstaltungen, Vorträge oder Gymnastik statt. Heute warten hier die Heimbewohner auf die Kinder. Sie sitzen bereits im Stuhlkreis und freuen sich auf ihren Besuch aus der Schule. Alle Anwesenden – es sind bis auf einen Mann Frauen – werden von Holger Schmidtke und Helga Albrecht-Thiele per Handschlag begrüßt. „Guten Tag Frau Mahler, Guten Tag Frau Kirchner ...“, hört man im Raum, während alle ihr Plätze einnehmen.

Die Begrüßung und Verabschiedung sind wichtige Elemente der Begegnungen. „So wie sich heute die Kinder und Jugendlichen untereinander begrüßen, mit High Five oder Umarmungen, das geht mit vielen Bewohnern nicht“, erklärt Holger Schmidtke. „Für sie ist es einfacher, den Kindern zu begegnen, wenn diese auf sie zukommen, ihnen in die Augen schauen und dabei die Hände schütteln“. Beim Abschiednehmen wird jeder Bewohner von allen Schülern per Handschlag verabschiedet.

Mit dem bei der Generationsbrücke üblichen Memory-Prinzip zum Finden des Partners – die Kinder haben Namenschilder mit kleinen Bildmotiven, die Bewohner dieselben vergrößert – finden sich alle in Paaren des heutigen Tages zusammen.

Für sie ist es einfacher, den Kindern zu begegnen, wenn diese auf sie zukommen, ihnen in die Augen schauen und dabei die Hände schütteln.

Holger Schmidtke, John F. Kennedy Schule, Berlin

Nachdem sich die Schüler neben ihre Bewohnerpartner gesetzt haben, folgt das Begrüßungslied, in dem jeder einzelne Heimbewohner nach der Melodie von „Gottes Liebe ist so wunderbar“ mit seinem Namen besungen wird. Es klingt laut und fröhlich: „Frau Bernd ist so wunderbar, Frau Bernd ist so wunderbar, Frau Bernd ist so wunderbar – so wunderbar froh“. Der Reihe nach werden die Namen der Senioren in das Lied eingebaut. Alte und Junge singen gemeinsam und klatschen dabei kräftig in die Hände. Helga Albrecht-Thiele erklärt später: „Die Begrüßung dient dem Warmwerden, das Klatschen hilft darüber hinaus besonders den älteren Menschen körperlich aufzutauen, weil es ihre Durchblutung auf natürliche, mechanische Art und Weise anregt. Außerdem ist es ein Augenblick der Aufmerksamkeit für jeden einzelnen.“

Der Schüler Philipp hat heute eine andere Partnerin als sonst. Hat er ihren Namen schon herausbekommen, möchte Holger Schmidtke wissen? „Nein“, gibt Philipp offen zu. „Na, dann sage ich es dir. Helga heiße ich“, sagt die weißhaarige, ältere Dame, die ein frisch gestärktes, hellblaues Blouson trägt und heute zum ersten Mal bei den Treffen dabei ist.

Später in der Schule erzählt Holger Schmidtke, dass Philipps bisherige Partnerin vor wenigen Tagen verstorben ist. Aus Rücksichtnahme wollte er dies dem Jungen hier im Heim und in der großen Runde nicht mitteilen. „Aber wir machen das zum Thema im kommenden Religionsunterricht, denn Krankheit und Tod werden bei der Generationsbrücke nicht schamhaft ausgeblendet, sondern wir gehen ganz offen damit um. Der Tod erhält bei uns einen würdigen Rahmen.“ Er ist überzeugt, die Kinder müssen damit ihre eigenen Erfahrungen machen und jedes Kind reagiert unterschiedlich.

Der Tod erhält einen würdigen Rahmen

In der Regel bekommen die Kinder, wenn ihr Partner verstirbt, nicht sofort eine Ersatzfrau oder Ersatzmann aus dem Heim gestellt. Aber in diesem Fall wurde es anders geregelt. Schließlich wollte die Heimbewohnerin schon länger bei den Treffen der Generationsbrücke dabei sein, nur gab es bisher kein Kind ohne Bewohnerpartner aus der Gruppe der John-F.-Kennedy-Schüler. Außerdem sind bis zu den Sommerferien noch mindestens drei Treffen geplant. „Ich werde Philipp fragen, ob er sich regelmäßig mit einer neuen Bewohnerpartnerin treffen möchte. Auch mit den Eltern werde ich Rücksprache halten.“ So kann sich Philipp entscheiden, ob er allein bleiben will oder eine weitere Begegnung eingehen möchte.

Die Eltern von Philipp haben Holger Schmidtke später geschrieben, dass sich ihr Sohn zu Hause seine Geige nahm und im Andenken an seine verstorbene Bewohnerpartnerin sein Lieblingsstück auf dem Instrument spielte. „Das war wohl seine Form des Abschieds“, sagt Holger Schmidtke, „es ist eine Möglichkeit, die Trauer aufzuarbeiten und damit eine wichtige Erfahrung für das Kind“.

Zurück zur Begegnung in der Residenz: Hier wird nun ein blauer Luftballon auf ein großes Tuch geworfen. „Lassen wir ihn hopsen“, fordert Holger Schmidtke die alten Menschen und seine Schüler auf. Er läuft dabei außen um den Kreis und stößt den Ballon immer wieder an. Dieser ist wohl zu leicht, träge und zu langsam. Schnell wird die Forderung nach einem richtigen Ball laut. „Der ist schneller und rollt besser“, ruft ein Junge. Ruckzuck ist eine der Mitarbeiterinnen aus dem Heim unterwegs und kommt kurz darauf mit einem gelben Gummiball zurück. Der Ballon wird ausgetauscht und der neue Ball rollt beim schnellen Heben, Senken und Ausbalancieren des Tuches zwischen allen Sitzenden – darunter auch einige Frauen im Rollstuhl – flink hin und her. Einige Male fällt der Ball vom Tuch herunter, was besonders bei den Kindern für Heiterkeit und Freude sorgt.

Große und Kleine sind füreinander da, sind füreinander da.

Lied der Generationsbrücke Deutschland

„Nach diesem aktiven Spiel ist es wichtig die Kinder wieder etwas zur Ruhe zu bringen“, sagt Helga Albrecht-Thiele. Das gelingt mit einem weiteren Lied, das alle gemeinsam anstimmen und dessen Text sie auswendig und gut kennen. „Große und Kleine sind füreinander da, sind füreinander da“ schallt es durch den Raum. Dabei fassen sich alle an den Händen und trampeln rhythmisch auf den Fußboden. Der Text wird variiert: „Gesunde und Kranke sind füreinander da“, lautet die zweite Strophe. „Sie gehen alle Hand in Hand, sie gehen alle Hand in Hand“, hört man den Text aus den jungen und alten Kehlen. „Und die dritte Strophe?“, fragt Holger Schmidtke. „Junge und Alte“, ruft ein Mädchen und der gemischte Chor stimmt sofort mit Verve in die Variation, untermauert von kräftigem Fußstampfen, ein.

Anschließend geht es mit einem weiteren festen Programmpunkt der Generationsbrücke weiter: Dem Basteln. Holger Schmidtke, der sich dazu in das Innere des Stuhlkreises stellt, hält ein weißes, beschnittenes Stück Transparentpapier mit der einen Hand in die Höhe. In der anderen hält er rote, gelbe, grüne und blaue Papierbögen. Er fragt, was das vorgeschnittene Papier darstellen könnte. Die Kinder rufen ihre Vorschläge in die Runde. Schnell erkennen mehrere gleichzeitig die stilisierte Form eines Herzens. „Richtig. Genau. Heute basteln wir gemeinsam Herzen.

Dazu gehen wir an die Tische, wo bereits Papier und Klebestifte liegen. Eure Partner dürfen das bunte Papier nach Freude und Lust zerreißen und ihr klebt dann gemeinsam die Schnipsel auf das weiße, etwas stärkere Papier auf und schneidet danach mit der Schere das Herz aus. Okay?“, fragt der Koordinator in die Runde. „Okay“, schallt es zurück und alle begeben sich in Richtung der Tische. Einige Kinder helfen ihren Partnern und schieben umsichtig und mit Bedacht ihre Rollstühle. Offensichtlich weiß jeder genau, wo er hin muss. Es geht alles planvoll zu.

Jeder weiß genau, wo er hin muss

An den Tischen, an denen die Heimbewohner normalerweise ihr Frühstück einnehmen, sitzen Alte und Junge in kleinen Gruppen und widmen sich der Aufgabe. Im Raum kehrt Ruhe ein. Konzentriert setzen die Kinder gemeinsam mit ihren Partnern das bunte Herz Stück für Stück zusammen. „Einigen älteren Damen fällt es schwer, das Papier zu zerreißen“, erklärt Helga Albrecht-Thiele, als sie den Fortschritt an den Tischen beobachtet, und das läge nicht nur daran, dass sie motorische Schwierigkeiten hätten, „sondern weil sie ein Problem damit haben, Dinge zu zerstören, auch wenn sie damit wieder etwas kreativ neu zusammensetzen. Ein gutes Stück Papier, das zerreißt man doch nicht so einfach. Das sind für mich normale Verhaltensweisen der Kriegs- und Nachkriegsgenerationen, die mit Mangel und Not groß wurden. So etwas muss bei den Treffen immer mitbedacht werden.“

Das sind für mich normale Verhaltensweisen der Kriegs- und Nachkriegsgenerationen, die mit Mangel und Not groß wurden. So etwas muss bei den Treffen immer mitbedacht werden.

Helga Albrecht-Thiele, Lehrerin der John F. Kennedy Schule im Ruhestand

Die meisten der älteren Menschen arbeiten emsig mit den Jungen und Mädchen zusammen. Eine kleine Gruppe von Frauen schaut eher zurückhaltend zu, beobachtet das Geschehen an ihren Tischen und muss immer wieder von den Sozialarbeitern ermuntert werden, mitzumachen. Es gibt einige unter den Heimbewohnern, die durch eine fortgeschrittene Demenz Schwierigkeiten mit der Bastelaufgabe haben. Aber bei dem, was sie nicht können, unterstützen die Kinder sie gerne. Und am Ende liegen 15 farbige Herzen in der Mitte des Stuhlkreises.

„Schöne Herzen habt ihr gebastelt“, lobt Holger Schmidtke die Schulkinder und älteren Menschen, „so schön bunt, bunt wie der Frühling. Ein richtiges Zeichen der Freude. Und auch ein Geschenk für den kommenden Muttertag.“ Doch wer darf die Herzen nun behalten? Schnell sind sich alle einig, dass die Heimbewohner sich die gemeinsam gebastelten Herzen mit auf ihre Zimmer nehmen sollen – als Erinnerung an diesen Vormittag. „Ich hoffe, es hat euch allen Spaß gemacht?“, fragt der Lehrer in den Raum und schaut in zufriedene Gesichter.

Es beginnt die Verabschiedungsrunde mit ihrem festen Ritual. „Auf Wiedersehen, auf Wiedersehen – bleib nicht so lange fort, denn ohne dich ist´s halb so schön“, singen alle gemeinsam und winken sich dabei zu. „Beim nächsten Mal wird’s wieder schön, das Wiedersehen mit euch…“, endet die letzte Strophe, bevor sich die Lehrer und Kinder von jedem einzelnen Heimbewohner verabschieden. „Tschüss“, sagt eine Schülerin und streichelt ihre Partnerin am Oberarm. Andere Kinder drücken ihre Partner noch einmal, bevor die Gruppe den Raum und das Heim verlässt.

Mehr Eigenständigkeit für die Heime

Nach und nach treffen auch Holger Schmidtkes Kolleginnen wieder aus den anderen Heimen in dem kleinen Fachbereichsraum der Religionslehrer in der Schule ein. Es ist eine gute Gelegenheit sich auszutauschen. Zur Besonderheit der Generationsbrücke an der JFK-Schule gehört, dass die Begegnungen Teil des Unterrichts im Fach Religion und Lebenskunde sind. Die Lehrer sind geschult und leiten die Gruppen in den Heimen. „Zukünftig möchten wir den Heimen aber mehr Verantwortung und Eigenständigkeit übergeben“, stellt Holger heraus. Die Grundlage für die Arbeit in allen Berliner Heimen ist eine Fortbildung, die je zwei Heimmitarbeiter und Lehrer besuchen. Wenn man bedenkt, dass dieser Aufwand ein komplettes Schuljahr mit den monatlichen Treffen abdeckt, ist das keine große Hürde, auch nicht in finanzieller Hinsicht.

Die Kontinuität der Treffen ist wichtig, besonders bei Menschen mit dementiellen Veränderungen

Holger Schmidtke, John F. Kennedy Schule

„Die Kontinuität der Treffen ist wichtig, besonders bei Menschen mit dementiellen Veränderungen“, gibt Holger Schmidtke seine Erfahrungen wieder, die er auch als ausgebildeter Heilpraktiker auf dem Feld machte. Organisation ist dabei relevant. „In der Arche – unserem Berliner Mutterschiff – läuft es ganz prima. Die Mitarbeiter arbeiten selbstständig und autonom. Das ist richtig klasse“, schwärmt Holger Schmidtke.

„Die Generationsbrücke macht auch etwas mit den Kindern“, ergänzt eine andere Religionslehrerin. „Verhaltensauffällige Kinder benehmen sich in den Heimen ganz anders als in der Schule. Schade ist nur, dass wir eigentlich immer zu wenig Zeit haben.“ Für Holger Schmidtke geht es hier um Grundsätzliches in unserer Gesellschaft: „Politiker bejammern immer den demografischen Wandel. Aber Altsein ist eine Form des Menschseins. Alt zu werden gehört zum Leben dazu und das sollen auch schon Kinder erkennen und damit in Berührung kommen. Doch wo begegnen sich junge und alte Menschen heute noch?“, fragt er. „Der Staat ist offensichtlich nicht bereit, für Glücksmomente alter Menschen Geld in die Hand zu nehmen“, beklagt Holger Schmidtke. „Und wie ist es für die Ausbildung von Kindern? Wir brauchen neue pädagogische Programme. Das Aufeinander zugehen muss ausprobiert und eingeübt werden, so wie es die Generationsbrücke ermöglicht“.