3rd Global Pro Bono Summit

Eine neue soziale Währung

 

16.03.2015 | BMW Stiftung | Pro bono

Zum 3rd Global Pro Bono Summit haben BMW Stiftung, Taproot Foundation und Proboneo nach Berlin eingeladen. Unternehmensvertreter und Intermediäre aus mehr als 20 Ländern wollen dem Thema pro bono – also freiwilligem Engagement von Fach- und Führungskräften für gemeinnützige Organisationen – global mehr Schub geben.

In der Presse

Tagesspiegel, 26.02.2015: SINN Fragen, Interview mit Liz Hamburg

Tagesspiegel, 05.03.2015: Fachwissen Gratis, Artikel von A. Ullrich

die-Stiftung.de, 06.03.2015: Wände streichen ist out, Artikel von C. Bertschi

Alliance Magazine, 20.03.2015: Reflections from the 2015 Global Pro Bono Summit, Artikel von S. Mady

Die eigene Arbeit überflüssig machen? Das kommt den wenigsten Menschen in den Sinn. Außer Pro-bono-Vermittlern: „Ich will dafür sorgen, dass es meinen Job in Zukunft nicht mehr gibt. Ganz einfach, weil sich jeder pro bono engagiert.“ Das sagt Özgür Kahale. Sie verantwortet für die global aufgestellte Kanzlei DLA Piper Pro-bono-Programme in 17 europäischen Ländern. Das heißt: Kahale bringt Juristen mit gemeinnützigen Organisationen zusammen, die sich eine solche Expertise ansonsten nicht leisten können. Für die gelernte Rechtsanwältin könnte professionelles Ehrenamt in Zukunft eine Art „soziale Währung“ sein. „Denn jeder will doch zur Gang der Coolen gehören.“

Die Gang der Coolen – ob sich die gut 60 Teilnehmer des 3rd Global Pro Bono Summit Ende Februar in Berlin dazu zählen? Fest steht: Sie treiben gesellschaftliche Veränderung an und setzen dabei auf freiwilliges Engagement von Fach- und Führungskräften, die mit ihren Fähigkeiten Gemeinnützige unterstützen. Und so nebenbei neue Einsichten in bislang ungekanntes Terrain gewinnen: in die Welt von Stiftungen und NGOs – Organisationen mit ambitionierten Zielen und oft schmalem Budget. Die aber dennoch drängende soziale Probleme anpacken – etwa in den Bereichen Bildung, Gesundheit, Umwelt oder Menschenrechte. Oder wie ein Teilnehmer in Berlin es formuliert: „Sie drehen an einem riesigen Rad mit sehr bescheidenen Mitteln.“


Neben Vertretern von Konzernen wie DLA Piper, GlaxoSmithKline, SAP und Allianz sind auch Pro-bono-Vermittler aus 23 Ländern in die deutsche Hauptstadt gekommen – die sogenannten Global Pro Bono Fellows. Dies ist eine Gruppe von Intermediären, die stetig wächst und durch das Treffen noch mehr Schub bekommen soll. Die Fellows stammen unter anderem aus Japan, Saudi-Arabien, Kanada, Ägypten, China, Marokko und Ungarn.

„Seit den vergangenen Summits in San Francisco und New York hat die Bewegung enorm Fahrt aufgenommen", sagt Markus Hipp, geschäftsführender Vorstand der BMW Stiftung, die gemeinsam mit der US-amerikanischen Taproot Foundation und der deutschen Vermittlungsplattform Proboneo zu dem Treffen eingeladen hat. „Wir verzeichnen großes Interesse aus aller Welt von Menschen, die an die Kraft von pro bono glauben.“

Fünf Millionen Fach- und Führungskräfte in Deutschland würden sich gerne pro bono engagieren, doch aktuell tun dies nur 100.000.

Claudia Leißner, Gründerin von Proboneo

Die globale Gewichtung ist dabei klar: Pro-bono-Dienstleistungen haben in den USA nicht nur eine lange Tradition, speziell in Anwaltskanzleien, sondern auch einen Marktwert von 15 Milliarden Dollar – pro Jahr. In Deutschland steckt die Bewegung noch in den Kinderschuhen. Eine Studie aus dem Jahr 2013 taxiert den deutschen Markt immerhin auf eine halbe Milliarde Euro – mit dem Potenzial, sich bis 2025 zu verfünffachen. „Fünf Millionen Fach- und Führungskräfte in Deutschland würden sich gerne pro bono engagieren, doch aktuell tun dies nur 100.000“, sagt Proboneo-Gründerin Claudia Leißner

Während in Ländern wie Deutschland, Frankreich oder Norwegen pro bono eher ein Bekanntheitsproblem hat, schlägt diesem Konzept in Regionen wie Nordafrika oder dem Nahen Osten oft Argwohn entgegen. Das wird besonders am ersten Tag des Summits deutlich, als die Teilnehmer eine meterlange Pro-bono-Weltkarte entwerfen. „Wall“, also Mauer, hat Bilal Baguennou ganz dick auf diese Karte geschrieben. In seiner Heimat Marokko rennt der Geschäftsführer der Vermittlungsplattform Bonum gegen Wände: vor allem, wenn er mit Politikern ins Gespräch kommen will. Pro bono ist dort quasi unbekannt. Wenn überhaupt, gilt es als PR-Nummer oder wird mit Nichtregierungsorganisationen in einen Topf geschmissen. Und die gelten Baguennou zufolge per se als verdächtig.

Dabei sind gerade in diesem Teil der Welt gemeinnützige Organisationen stark auf professionelle Unterstützung angewiesen, denn die gesellschaftlichen Probleme sind besonders drängend. Umso bitterer, dass den NGOs dort oft eine klare Strategie fehlt, viele können nicht einmal ihre größten Baustellen benennen. „Sie wollen einfach Hilfe bei allem“, sagt Shereen Mady, Mitgründerin der Vermittlungsplattform Sharek in Kairo. Bei pro bono geht es jedoch gerade darum, dass Profis ein genau abgestecktes Problem lösen. Gerade weil Probonisten Experten auf einem speziellen Gebiet sind. Zum Beispiel auf dem Gebiet Unternehmensprozesse und Technologien, so wie die 74.000 Mitarbeiter von SAP.

Fünf Prozent von ihnen zählt der globale Konzern zu seinen Top Talents, sie sind die Zielgruppe für das sogenannte Social Sabbatical. „Unsere Überzeugung war, dass wir mit pro bono mehr erreichen können als einfach nur Schecks zu schreiben und das Geld im schlimmsten Fall verpuffen zu lassen“, sagt Alexandra van der Ploeg. Sie verantwortet im Bereich Global Corporate Social Responsibility die verschiedenen Pro-bono-Programme der SAP und ist eine der Teilnehmerinnen beim Treffen in Berlin. „Wir wollen das Thema auf jeden Fall im europäischen Markt stärker verankern, andere motivieren. Es gibt auf internationaler Ebene immer noch zu wenig Konzerne, die Pro-bono-Programme haben und auch darüber reden.“

Ich habe hier endlich gemerkt, dass ich nicht allein bin.

Astrid Piskora, Walt Disney Company

Auch in Berlin wissen die wenigsten Unternehmensvertreter von den Aktivitäten der anderen. „Ich habe hier endlich gemerkt, dass ich nicht allein bin“, sagt Astrid Piskora von Walt Disney. Und eine weitere Gemeinsamkeit stellt sich heraus: Alle sehen pro bono als hervorragendes Instrument zur Personal- und Unternehmensentwicklung. „Die kulturelle Komponente spielt eine entscheidende Rolle; in Indien oder Brasilien werden Geschäfte oft ganz anders betrieben. Und genau dies sind Momente, in denen unsere Mitarbeiter Führung übernehmen müssen, sich selbst sagen: Ich lasse mich nicht von irgendwelchen Unwägbarkeiten irritieren, sondern vertraue auf mein Können und Wissen“, sagt van der Ploeg.

Doch die Rückkehr in den Unternehmensalltag hat ihre Tücken. „Die meisten Mitarbeiter erleiden einen Kulturschock“, erzählt Sue Gammons, Direktorin des Pro-bono-Programms beim Pharmariesen GlaxoSmithKline. Deshalb sei wichtig, dass sie in eine feste Rolle zurückfinden können. „Andererseits bringen die Mitarbeiter bei ihrer Rückkehr eine ungeheure Dankbarkeit und viel Respekt mit für Dinge, die sie zuvor als selbstverständlich betrachtet haben.“

Einige wechseln sogar für immer die Seiten, sie verlassen die Welt der Wirtschaft und gehen in den dritten Sektor. Für Michael Regnet, Program Manager Community Engagement der Allianz SE, ist dies kein Problem. „Wir finden es gut, wenn Leute so sehr von NGOs inspiriert werden, dass sie dorthin gehen.“ Als Argument gegen pro bono wertet er eine solche Entscheidung keineswegs. Früher oder später wären diese Mitarbeiter sowieso gegangen, ist er überzeugt. Von 200 Allianz-Mitarbeitern wählten gut sieben diesen Weg, überschlägt Regnet seine Erfahrung der vergangenen Jahre.

Liz Hamburg, Präsidentin der Taproot Foundation, sieht dies ähnlich. „Wir setzen auch in unserer Organisation auf intensiven Austausch.“ Einige Mitarbeiter von Taproot haben vorher in Unternehmen gearbeitet, andere gehen den umgekehrten Weg. Und auch sonst teilt die Amerikanerin ein entscheidendes Ziel mit Regnet und dem Rest der Teilnehmer: Irgendwann sollen Unternehmen selbst das „Matching“ zwischen Wirtschaft und Gemeinnützigen übernehmen – ohne auf Vermittler zurückzugreifen. Das Stichwort heißt auch hier im besten Sinne: sich selbst überflüssig machen.

Text: Maja Heinrich