7th BMW Foundation Global Table in Tunesien

Drei Lösungsansätze

 

02.12.2016 | BMW Stiftung | Europa und die neuen Gestaltungsmächte

Ein Gefühl der Dringlichkeit lag über dem 7th BMW Foundation Global Table Ein neuer Gesellschaftsvertrag: Warum wir ein Scheitern verhindern müssen“, zu dem im Herbst rund 30 Teilnehmer in Sidi Bou Said bei Tunis zusammenkamen.

Ein Grund dafür mag gewesen sein, dass wir in diesen Tagen eher von „globaler Unordnung“ als von „globaler Ordnung“ sprechen müssen, wie eine Teilnehmerin anmerkte. Auch die Tatsache, dass der Global Table im fragilen Tunesien und somit zum ersten Mal in einem Land inmitten einer Krisenregion stattfand, mag dazu beigetragen haben.

Im Rückblick war es wohl dieses Gefühl der Dringlichkeit und das Bedürfnis der Teilnehmer, „nicht nur zu diskutieren, sondern etwas zu tun“, dass aus dem Treffen drei Initiativen entstanden sind, die zwei Monate später bereits konkrete Formen angenommen haben.


Jobs für Tunesien

Tunesien leidet unter einer hohen Arbeitslosigkeit, besonders unter jungen Menschen und besonders unter Akademikern. Mit diesem Phänomen setzt sich das Maghreb Economic Forum (MEF), ein junger tunesischer Think Tank und Kooperationspartner dieses Global Table bereits seit längerem auseinander und hat als eine wesentliche Ursache das Gefälle zwischen einem in die Jahre gekommenen Universitätssystem und den Anforderungen der modernen Arbeitswelt diagnostiziert.

Um Absolventen im IT-Bereich an den internationalen Arbeitsmarkt heranzuführen, entwickelte eine Arbeitsgruppe während des Forums die Idee, einen digitalen Marktplatz zu schaffen. Der soll internationale Auftraggeber und tunesische Programmierer, Web-Developer und -Designer zusammenbringen. In verschiedenen Folgetreffen wurde dieser Gedanke von Global-Table-Teilnehmern und anderen wichtigen Akteuren - unter anderem aus dem Auswärtigen Amt und der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit - inzwischen weiterentwickelt: Neben der Plattform soll ein Hub entstehen, in dem zunächst zehn bis zwanzig „Outlancer“ gezielt qualifiziert und bei ihren Aufgaben begleitet werden. So soll sichergestellt werden, dass die Integration in die sogenannte „Gig Economy“ (Arbeitskräfte sind nicht festangestellt, sondern werden je Auftrag (Gig) bezahlt) gelingt. Als Ort ist die Stadt Kairouan vorgesehen, die rund 150 km südwestlich von Tunis liegt. An der Realisierung dieses Pilotprojekts arbeiten jetzt besonders das tunesische Arbeitsministerium, das mit der Staatssekretärin Saida Ounissi beim Global Table vertreten war und die Initiative Think.IT. Auch ihr Mitgründer, Mehemed Bougsea, saß im Tunis am Global Table.


Die BMW Foundation Global Tables wollen Raum geben für einen sektoren- und kulturenübergreifenden Dialog fernab herkömmlicher Großkonferenzen. Im Sinne der Nachhaltigkeit unterstützen und begleiten wir Projekt- oder Studienideen, die bei den Global Tables entstehen und von einzelnen Teilnehmern initiiert werden. Weitere Informationen zu den hier geschilderten Initiativen erhalten Sie bei Inna Rudolf.

Aufarbeitung wirtschaftlicher Vergehen

Bei der Vergangenheitsarbeit (Transitional Justice) nach einem Krieg oder dem Zusammenbruch von Diktaturen geht es meist um Kriegsverbrechen und die Verfolgung von Menschenrechtsverletzungen. Die wurden in den letzten Jahrzehnten in vielen Konfliktregionen aufgearbeitet; begleitend hat sich dazu ein eigener Forschungszweig entwickelt.
Aber wie steht es um die Aufarbeitung von Wirtschaftsverbrechen, die in autoritären Regimen oft stark ausgeprägt sind: Nepotismus, Korruption, Veruntreuung? Eine Aufarbeitung dieser Verbrechen finde praktisch nicht statt, fassten die Teilnehmer einer zweiten Arbeitsgruppe ihre Erfahrungen zusammen. In der Wirtschaft gelte der vermeintlich pragmatische Ansatz, dass ein Schlussstrich unter die Vergangenheit gezogen werden müsse: weil die alten wirtschaftlichen Eliten unentbehrlich für den Wiederaufbau seien und weil die juristische Verfolgung vergangener Wirtschaftsverbrechen mögliche Investoren verunsichere. Dieser Ansatz wurde von den Teilnehmern der Arbeitsgruppe herausgefordert: Ist es für die Anwerbung von Investoren wirklich hilfreich, wenn bekanntermaßen korrupte Unternehmer weiterhin den Markt dominieren? Und gilt nicht gerade für ein Land wie Tunesien, in dem die wirtschaftliche Notlage die Revolution befeuert hat, dass die Verantwortlichen für Misswirtschaft und Korruption vor Gericht gebracht werden müssen? Um diese Fragen zu beantworten, fiel beim Global Table der Startschuss für eine Studie, die ermitteln soll, ob die Aufarbeitung wirtschaftlicher Verbrechen volkswirtschaftliche Verluste oder Gewinne bringt. Eine zentrale Rolle wird bei dieser Studie die UN-Regionalkommission für Westasien (UNESCWA) spielen, die besonders auch mit Blick auf den Wiederaufbau Syriens großes Interesse an den Studienergebnissen hat. Durchgeführt wird die Studie von der Candid Foundation, deren Gründer Daniel Gerlach ebenfalls zu den Global-Table-Teilnehmern zählte.


Wege in den Extremismus

Eine große Belastung für die fragile Demokratie Tunesiens stellt der Trend da, dass sich junge Tunesier für den "Islamischen Staat" begeistern. Genaue Zahlen liegen nicht vor, doch sollen sich bis zu 7.000 Dschihadisten dem IS angeschlossen haben. Welche Gründe sie dabei antreiben, ist verschiedentlich erforscht und die fehlende Inklusion junger Menschen in den gesellschaftlichen Wandel als eine Ursache beschrieben worden. Es fehlt jedoch die Ausarbeitung umfassender Präventions- und De-Radikalisierungsstrategien. An dieser Stelle will das MEF mit der Unterstützung der Teilnehmer einer dritten Arbeitsgruppe ansetzen: In einer zweistufigen Studie soll zunächst durch Interviews besonders im Hinterland Tunesiens die Haltung von Jugendlichen erfasst werden. Des weiteren geht es in der Studie besonders darum, bereits bestehende Präventionsprogramme und Initiativen zur Wiedereingliederung von ehemaligen Kämpfern in anderen MENA-Ländern zu evaluieren und aus den Ergebnissen konkrete politische Handlungsempfehlungen zu formulieren.