Auf der Suche nach positiven Botschaften

15th Munich Economic Summit diskutiert über Migration und Integration

 

15.07.2016 | BMW Stiftung | Europas Zukunft

Migration – Herausforderung oder Chance? Die zentrale Frage des 15th Munich Economic Summit lässt sich nach eineinhalbtägigen Diskussionen der gut 140 internationalen Teilnehmer im Bayerischen Hof schnell beantworten: Auf jeden Fall beides!

Um die Chancen der Migration zu nutzen, ist nach Meinung der Gipfel-Teilnehmer aus Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft dringend ein gut orchestrierter, strategischer Dialog mit allen Beteiligten nötig. Das heißt: auch mit Bürgermeistern und mit freiwilligen Helfern vor Ort. Kurzum: mit all denjenigen, die auf lokaler Ebene aus dem abstrakten Begriff „Integration“ gelebten Alltag machen. „Es gibt zurzeit so viel Aktivismus, um Flüchtlingen zu helfen“, sagt Oda Heister, Geschäftsführerin von Ashoka Deutschland. „Was wir aber wirklich brauchen, ist ein strategischer Ansatz, der alle Beteiligten einbezieht.“

Heister betont, dass Integration nicht allein mit Blick auf Flüchtlinge wichtig sei, sondern generell alle Bevölkerungsgruppen betreffe, die sich (noch) nicht als Teil des Ganzen fühlen. „Selbst wenn es gar keine Einwanderer gäbe, ist Integration ein wichtiger Bestandteil bei der Lösung gesellschaftlicher Probleme.“


Eine Schlüsselfunktion kommt dabei den sogenannten community leaders zu, also Menschen, die in Städten und Gemeinden das Heft in die Hand nehmen und anderen als Vorbild dienen. Die eine Willkommenskultur auf lokaler Ebene etablieren, Standards setzen und so auch positiven Druck für Inklusion aufbauen. David Lubell, Gründer und Geschäftsführer der US-Organisation Welcoming America, nennt dazu in einer der vier kleinformatigen break-out sessions Beispiele aus dem Alltag in den Vereinigten Staaten. Für ihn ist es entscheidend, dass Politiker, Unternehmer und eben jene community leaders Bürgern die Vorteile einer gelungenen Integration erklären – von ethnischer Vielfalt bis zur gesteigerten Wirtschaftskraft. Ohne diese Erklärungen funktioniere es schlichtweg nicht – weder auf Seiten der Alteingesessenen noch auf Seiten der Neuankömmlinge, sagt Lubell. Doch selbst die beste Aufklärung könne ein Grundproblem nicht lösen: „Der Wandel vor Ort vollzieht sich nicht über Nacht, aber die Flüchtlinge kommen über Nacht.“

Um einleuchtende Erklärungen geht es auch im großen Panel: Nach einhelliger Meinung der Teilnehmer spielen Politik und Medien dabei die wichtigste Rolle – und im besten Fall Doppelpass. Viele Summit-Gäste vermissen positive Botschaften von Politikern, nicht nur von der Bundesregierung, sondern vor allem auf europäischer Ebene. „Wir sollten aufhören, kurzatmig und voller Panik zu reagieren“, fordert Michael Schaefer, Vorstandsvorsitzender der BMW Stiftung Herbert Quandt. „Stattdessen müssen wir eine langfristige Strategie entwickeln, wie die Migrationsursachen in den Herkunftsländern, die Herausforderungen in den Transitländern und den Einwanderungsländern gemeistert werden können. Und wir müssen das gemeinsam mit unseren europäischen Partnern tun.“

Aus der Wirtschaft kommt der Ruf nach eindeutigen Ansagen: „Wir brauchen die klare Botschaft, was wir dringend benötigen und was nicht“, sagt Reinhard Ploss, Vorstand von Infineon Technologies. „Alles andere öffnet nur Raum für Spekulationen.“ Und diesen nutzen momentan leider Gegner von Einwanderung und Integration am besten. Oder wie Michael Schaefer es ausdrückt: „Plumper Populismus fordert einfache Antworten angesichts komplexer Probleme, er macht die Europäische Union für Fehler nationaler Regierungen verantwortlich.“

Das zeigt nicht zuletzt der Brexit: Viele Befürworter nannten die Auswirkungen der Flüchtlingskrise als einen Hauptgrund ihrer Entscheidung. Aus aktuellem Anlass wird beim 15th Munich Economic Summit kurzfristig eine Diskussion über den Austritt der Briten aus der EU auf die Tagesordnung gesetzt. Clemens Fuest, Präsident des Ifo-Instituts, mit dem die BMW Stiftung Herbert Quandt gemeinsam den Summit veranstaltet, verteidigt Großbritannien und warnt die EU vor einer „Strafexpedition“ als Reaktion auf das Brexit-Votum. Mit beleidigten Reaktionen würde sich Europa selbst schaden und „den Zerfall der EU nur beschleunigen“, sagte der Ökonom. „Ich würde das für einen historischen Fehler halten.“


Auch in Deutschland existieren Zweifel und Ungewissheiten. „Es gibt Abstiegsängste im Mittelstand und dies ist der Hauptgrund für die Ablehnung von Migranten“, fasst Elmar Brok (CDU), Vorsitzender des Ausschusses für Auswärtige Angelegenheiten des Europäischen Parlaments, zusammen. Er hält nichts davon, gezielt die besten Leute im Ausland für die deutsche Wirtschaft abzuwerben, denn sie würden dadurch in ihrer Heimat große Lücken reißen. „Wie sollen wir denn dann diese Länder entwickeln?“ Fakt ist momentan jedoch auch: Die meisten Flüchtlinge in Deutschland kommen aus Syrien, Afghanistan und Irak – und gerade in Afghanistan und Irak ist das Bildungsniveau der Menschen mehrheitlich eher niedrig. Für Clemens Fuest heißt das, dass diese Migranten auch nicht in den Sozialstaat einzahlen werden. Er plädiert deshalb auch klar dafür, Flüchtlinge aus humanitären Gründen aufzunehmen und nicht, weil man sich einen Wirtschaftsboom durch die Neuankömmlinge erwartet. Der Unternehmer Kemal Sahin hat eine etwas andere Sicht der Dinge. Für ihn ist klar, dass der klassische brain drain, also zum Beispiel die Abwanderung der fähigsten Leute aus Syrien in die Türkei, unabwendbar ist. Auch die Türkei benötige aufgrund ihrer schrumpfenden Arbeitsbevölkerung dringend mehr Einwanderung, um Wohlstand zu sichern. „Es geht doch auch darum, am Rande von Europa Frieden zu schaffen.“ Dies sei jedoch nur möglich, wenn Flüchtlinge und vor allem deren Kinder eine ordentliche Ausbildung erhalten. „Unsere Rente kommt von diesen Ausländern, wenn wir sie ausbilden – das müsste doch die Botschaft der Politik sein“, fordert Sahin.

In Deutschland sehen allerdings viele Bürger Neuankömmlinge eher als Bedrohung. Obwohl 20 Prozent der Einwohner selbst Kinder von Einwanderern sind – also den vielzitierten Migrationshintergrund haben. Ein Wort, das der ehemalige US-Botschafter John C. Kornblum am liebsten sofort „aus dem Wortschatz streichen“ würde, weil es fast ausschließlich negative Assoziationen wecke. Eine Erfahrung, die auch Armin Nassehi häufig macht. Aus Sicht des Soziologieprofessors aus Leipzig stehe die Herkunft nicht im Hintergrund, sondern viel zu oft im Vordergrund. „Integration ist nur dann erfolgreich, wenn nicht alles, was man über einen Menschen weiß, auf seiner ethnischen Herkunft basiert.“

Eine erfolgreich verlaufende Integrationsgeschichte hat Aida Hadzialic zu erzählen, die Ministerin für gymnasiale Bildung und Weiterbildung in Schweden. Es ist die Geschichte eines Mädchens, das im Alter von fünf Jahren mit ihren Eltern vor dem Bürgerkrieg in Bosnien nach Schweden flüchtet – und dort mit 27 die jüngste Ministerin in der Geschichte des Landes wird. Wie das geht? „Ich hatte das Recht, die gleichen Schulen zu besuchen wie alle anderen Kinder. Niemand hat uns anders behandelt, niemand hat uns anders angeschaut“, sagt Hadzialic. „Ich hatte die Chance als Mensch zu reifen.“ Die Ministerin betont jedoch auch, dass es bei den derzeitigen globalen Wanderungsbewegungen – die Vereinten Nationen gehen aktuell von 65 Millionen Menschen auf der Flucht aus – oft zu kulturellen Konflikten kommt. Und diese Konflikte dürfe man nicht einfach ignorieren. „Wir können nicht tolerant gegenüber Intoleranz sein.“ Es gebe eine europäische Identität und Grundwerte, die niemand verleugnen sollte.

Es ist Reinhard Marx, Erzbischof von München und Freising und Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, der zum Schluss für mehr Vielfalt und Toleranz plädiert. „Wir wollen keinen Weltanschauungsstaat, der sagt: Wir bestimmen Werte, moralische Vorstellungen und Erziehung. Man muss der Vielfalt Raum lassen.“ Auch die oft von Konservativen eingeforderte Leitkultur hält Marx nicht für erstrebenswert. „Kultur ist immer etwas Lebendiges.“ Zudem fände er es sehr komisch, immer nur zu fragen, wen wir gerade brauchen. „Wir sollten vielmehr fragen, wie wir den Leuten in ihren Heimatländern helfen können.“

Autorin: Maja Heinrich