„Frischen Wind in die Diplomatie bringen“

Das Global Diplomacy Lab hat einen sehr engagierten Beirat

 

04.05.2016 | BMW Stiftung | Europa und die neuen Gestaltungsmächte

Das Global Diplomacy Lab möchte die klassische Diplomatie auf den Kopf stellen. Vier Beiratsmitglieder aus vier Nationen arbeiten daran, dass dieses Ziel schon bald Realität wird. Die nächste Gelegenheit dazu gibt es beim 4th Lab im Juni in Berlin.

Das Global Diplomacy Lab bietet eine Plattform, um über neue und inklusivere Arten der Diplomatie nachzudenken, die über die herkömmlichen Politikansätze hinausgeht. Es wurde vom Auswärtigen Amt unter der Schirmherrschaft des Bundesaußenministers Frank-Walter Steinmeier und in Partnerschaft mit der BMW Stiftung Herbert Quandt, der Robert Bosch Stiftung und der Stiftung Mercator gegründet.

Gemeinsam mit den Gründungspartnern, dem Dekanat und dem Sekretariat hat der Beirat die Aufgabe, die Labs konzeptionell zu planen und die Zukunft der Plattform zu gestalten. Der Beirat setzt sich aus jeweils einem Vertreter der Partnerorganisationen, dem Dekanat und dem Sekretariat sowie vier gewählten Mitgliedern zusammen: Mome Saleem, Diego Osorio, Eirliani Abdul Rahman und Nicola Forster.


Das Global Diplomacy Lab (GDL) als Exportschlager aus Deutschland? Warum nicht! Das Potenzial hätte die Plattform für inklusive Diplomatie auf jeden Fall, davon sind zumindest die vier Beiratsmitglieder aus dem Kreis des GDL überzeugt. „Das ist ein Super-Design made in Germany“, sagt Diego Osorio. „Es könnte leicht in anderen Staatssystemen implementiert werden.“ Sein Beiratskollege Nicola Forster ergänzt: „Für die Zukunft sollten wir uns noch stärker mit Blick auf Regierungsberatung engagieren, unsere Ideen nach außen tragen und zeigen, was das GDL leisten kann.“ Es gehe darum, Regierungen und anderen Akteuren der Gesellschaft neue globale Perspektiven aufzuzeigen: frische Ideen, keine Planspiele aus der Konserve.

Zeigen, was das Lab leisten kann – dies ist eine der Kernaufgaben des Beirats, der konzeptionell arbeitet und in die Planung der halbjährlich stattfindenden Labs einbezogen ist. Diese Aufgabe teilen sich vier sehr unterschiedliche Persönlichkeiten, die bei einem Treffen in Berlin jedoch als äußerst harmonische Einheit auftreten: Mome Saleem aus Pakistan, Diego Osorio aus Mexiko, Eirliani Abdul Rahman aus Singapur und Nicola Forster aus der Schweiz.


Mome Saleem beschäftigt sich unter anderem mit gewaltfreier Konfliktlösung und gesellschaftlichen Transformationsprozessen. Zurzeit arbeitet sie als Programmkoordinatorin der Heinrich Böll Stiftung in Islamabad, Pakistan. „Es geht bei uns nicht um naming and shaming, sondern um das kollektive Bemühen, Dinge zu ändern“, erklärt sie.

Ihr Beiratskollege Diego Osorio geht in der Regel dorthin, wo es weht tut – in die Krisenregionen dieser Welt. Er hat sowohl fürs kanadische Außenministerium als auch für Organisationen wie die Vereinten Nationen, NATO und die Weltbank gearbeitet, war unter anderem bei Friedensmissionen in Afghanistan, Irak, Kosovo und Haiti im Einsatz und lebt zurzeit in Kolumbien. Diego Osorio nennt sich selbst einen „Institutionenklempner“. Er hilft Regierungen, deren Länder von Naturkatastrophen und Konflikten zerstört wurden.

Auch Eirliani Abdul Rahman hat einen Hintergrund als Diplomatin: Bis 2015 arbeitete sie für verschiedene Botschaften Singapurs; mit ihrem Engagement für die vom Nobelpreisträger Kailash Satyarthi gegründete NGO Bachpan Bachao Andolan („Rettet-die-Kindheit-Bewegung“) gegen Kinderarbeit und Kindesmissbrauch schlug sie jedoch einen neuen Weg ein – und gewann prompt den BMW Foundation Responsible Leaders Award 2015. Für Eirliani ist die Arbeit im GDL-Beirat „wichtig, um frischen Wind in die Diplomatie zu bringen.“

Nicola Forster hat seine Wurzeln in der Thinktank-Szene, er ist Präsident des Schweizer Forums Außenpolitik (foraus). Als Mercator Fellow hat er im vergangenen Jahr intensiv daran gearbeitet, innovative Ideen in verschiedenen Außenministerien und Thinktanks zu implementieren. Nicola kennt den dritten Sektor und die Politik: „Wir müssen beide Welten miteinander verbinden.“ Dabei sei jedoch klar, dass grundsätzliche Reformen nur dann möglich seien, wenn man die großen Spieler hinter sich hat. „Ein Wandel ist nur zusammen mit Institutionen möglich. Man benötigt den Wumms und die Schlagkraft der großen Akteure, aber auch die Flexibilität und Dynamik kleinerer Spieler."

Ein Wandel ist nur zusammen mit Institutionen möglich. Man benötigt den Wumms und die Schlagkraft der großen Akteure, aber auch die Flexibilität und Dynamik kleinerer Spieler.

Nicola Forster, GDL Beiratsmitglied

Alle vier eint das Interesse an Innovation, Transformation und neue Formaten. „Wir machen dies aus einem ganz konkreten Grund: Wir wollen die Diplomatie auf den Kopf stellen“, sagt Eirliani Abdul Rahman. Allein die Tatsache, dass es im Global Diplomacy Lab überhaupt einen Beirat aus dem Kreis der Mitglieder mit starkem Mitspracherecht gibt, ist eine echte Erneuerung. Nicht allein die Gründungsorganisationen haben das Sagen, sondern auch ganz basisdemokratisch die Mitglieder – aktuell sind dies übrigens 72. Mit jedem neuen Lab kommen gut 25 neue hinzu. Die 2014 gegründete Plattform befindet sich also in einem steten Wachstumsprozess.

Doch wie sieht sie nun konkret aus, die inklusive Diplomatie? Und wer soll überhaupt einbezogen werden? „Wenn es um harte Entscheidungen geht, sitzen in der Regel nur Diplomaten am Tisch“, sagt Mome. Dabei gebe es längst viele neue Akteure auf der Bühne, die von den Folgen dieser Entscheidungen unmittelbar betroffen seien. „Die heutige Diplomatie spiegelt Strukturen des 19. und 20. Jahrhunderts wider, die Dynamik des 21. Jahrhunderts ist nicht repräsentiert.“

Gleiches gilt für viele Teile der Gesellschaft. „Wir müssen die Kenntnisse und Fähigkeiten anderer Teile der Gesellschaft reaktivieren“, sagt Diego Osorio. „Künstler, Ärzte und viele andere mehr – sie alle sind genauso berechtigt und fähig, auf diplomatische Entscheidungen Einfluss zu nehmen.“ Gerade Deutschland habe eine lebendige Zivilgesellschaft, betont Osorio. Und das Auswärtige Amt sei wohl das weltweit einzige mit einer derartigen Initiative. „Ich bin mir sicher, dass das Global Diplomacy Lab schon bald viele Nachahmer finden wird.“

Es gehe nicht mehr um eine Diplomatie zwischen Staaten, sondern zwischen Menschen. Deshalb gehören zu den Mitgliedern des Labs neben internationalen Diplomaten unter anderem Bloggerinnen, Politikwissenschaftler, Kommunikationstrainerinnen, Rechtsanwälte und Sozialunternehmer.

Der inklusive Ansatz schlägt sich auch in den Diskussionen, Workshops und Aktivitäten des GDL nieder: sei es bei der Arbeit in einem Flüchtlingscamps in Berlin, am Armenian Reconciliation Center in Istanbul oder einem gemeinsamen Filmdreh im Museum für Kommunikation in Berlin. Stets geht es darum, die Teilnehmer aus ihrem üblichen Umfeld zu holen und ihnen so neue Perspektiven aufzuzeigen.

Nicht gefragt sind Diskussionen, bei denen starre Positionen verteidigt werden – womöglich sogar diejenigen von Regierungen. „Das ist old school und interessiert uns nicht“, sagt Nicola Forster. „Wir wollen Menschen am Tisch haben, keine Staaten.“

Text: Maja Heinrich