Von United Nations zu United Actors?

Launch des Global Diplomacy Labs

 

08.12.2014 | BMW Stiftung | Internationale Beziehungen

Die Arbeit von Diplomaten ist derzeit in einem rasanten Umwälzungsprozess. Digitalisierung und Globalisierung verändern die täglichen Aufgaben radikal und andere Stimmen, etwa aus der Kultur oder NGOs, sollen mit eingebunden werden. Wie kann das funktionieren? Das Global Diplomacy Lab (GDL) versucht Antworten zu geben.

Das Global Diplomacy Lab ist eine Plattform, um über eine neue und inklusivere Art der Diplomatie nachzudenken, die über die herkömmlichen Politikansätze hinausgeht. Sie ergänzt mit ihrem Angebot an Diskussionsrunden und Expertengesprächen die bestehenden Programme der Internationalen Diplomatenausbildung des Auswärtigen Amts und der drei fördernden Stiftungen BMW Stiftung Herbert Quandt, Robert Bosch Stiftung und Stiftung Mercator. 

Vertrauen war über das gesamte Gründungstreffen des GDL ein Leitthema. Vom 13. bis zum 16. November 2014 kamen 32 junge Diplomaten und Vertreter von Stiftungen, Kulturinstitutionen und Nichtregierungsorganisationen nach Berlin. Titel des Programms: „Trust in Global Affairs – Just a Dream?“ Als Oberthema schwang die Frage ständig mit, aber speziell in dem Workshop von Andreas Hasenclever unter dem Titel „Must we trust in trust? Cooperation under conditions of growing complexity“ wurde Vertrauen auch einmal als Gegenstand an sich, und fast philosophisch, diskutiert.

Doch die Gründungsmitglieder des GDL sollten zunächst auch untereinander Vertrauen fassen. Im Museum für Kommunikation konnten sie sich ganz ohne Politik besser kennenlernen, indem sie in kleinen Teams kurze Filme drehten.

1. Fishbowl-Diskussion: „Diplomacy in the 21st Century: learning from stories of ‚new’ political change makers and trust builders“

„Wir haben die Exklusivität längst verloren“, sagt eine Diplomatin, „wir sind nicht mehr die einzigen, die internationale Beziehungen prägen. Diplomatie heißt heute nicht mehr Beziehungen zwischen Regierungen, sondern: Kulturdiplomatie, zivile Diplomatie oder State Branding, also quasi PR.“ Sie eröffnet die Debatte mit klaren Statements.

Manche mögen das nicht hören, aber die traditionelle Diplomatie ist auf dem Rückzug. Wir tun mehr für unser Land, wenn wir etwa auf Facebook aktiv sind. Wir müssen an öffentlichen Debatten teilnehmen.

Teilnehmerin des Global Diplomacy Lab

Die Runde ist als Fishbowl konzipiert, in einem großen Kreis sitzen die Teilnehmer um die Diskutanten herum und sind eingeladen, sich jederzeit auf die drei freien Stühle in der Mitte dazuzusetzen und mitzudiskutieren. Ein ehemaliger Diplomat findet ähnlich drastische Worte: „Wir sollten weniger nur mit uns selber reden und mehr mit anderen Stimmen aus Kultur und Zivilbevölkerung. Wir müssen uns also ganz neu fragen, was wir eigentlich sind. Dazu sollten wir immer wieder den Selbsttest bestehen: Kann ich jemandem, der nichts mit Außenpolitik zu tun hat, erklären was ich tue und warum das sein Steuergeld wert ist?“ Die Stühle in der Mitte sind nun im Wechsel durchgehend besetzt, fast jeder möchte etwas beitragen. Das Schlagwort „Inklusive Diplomatie“ ist fester Bestandteil der Diskussion.

2. Open Situation Room

Botschafter Walter Lindner gibt niemandem die Hand. Stattdessen schlägt er vor, zur Begrüßung die Ellbogen gegeneinander zu stoßen. Lindner ist der Sonderbeauftragte der Bundesregierung zu Ebola und kommt gerade aus den am schlimmsten betroffenen Ländern: Liberia, Sierra Leone und Guinea. Nun steht er hier in Berlin, um den Teilnehmern des GDL von seinen Erfahrungen zu berichten. Diese simulieren im Anschluss einen Situation Room, dieses ‚politische Atelier’, in dem Regierungen zusammen mit Experten unter Zeitdruck beschließen, wie sie auf bestimmte Krisen reagieren. Ein ideales Labor für eine inklusive, crosssektorale Herangehensweise an Probleme.

In Gruppen von sechs bis acht Teilnehmern werden möglichst kreative Lösungsideen ausgearbeitet. Jede Gruppe präsentiert drei Ideen, von denen nur eine explizit ‚realistisch’ sein muss, die beiden anderen sollen ausdrücklich kreativ und frei sein.

3. Workshop: „Is digital just a new medium, or does it change the message – and if so, what should that message be?“

Wie sehr die Digitalisierung die Diplomatie verändert, ist eines der Leitthemen, das sich durch das GDL zieht, wie ein roter Faden. Am dritten Tag nun gibt es einen eigenen Workshop zu dem Thema und der Frage: „Sind es nur neue Medien, oder verändert die digitale Kommunikation auch die Botschaft? Und wenn ja, welche Botschaft sollte das sein?“ In den Räumen der Mercator-Stiftung am Hackeschen Markt eröffnet Ruth Ur, Direktorin für Europäische Partnerschaften beim British Council, die Runde mit einigen Fakten dazu, wie der British Council die Digitalisierung nutzt. „Sie ermöglicht uns in Ländern zu arbeiten, wo es sonst schwierig oder unmöglich wäre, wie etwa in Syrien oder Irak.“

Unbestritten ist, wie effektiv die neuen Medien sind. Ein Diplomat sagt: „Wenn der Premierminister etwas twittert, ist es sofort in den Medien. Stellen wir die gleiche Information auf die Website, haben wir diesen Effekt nicht.“

Schaut man nach innen in die Ministerien haben die Sozialen Medien auch hier einen beachtlichen Effekt: Sie bauen Hierarchien ab. Eine Diplomatin erzählt, auf dem Flur im Ministerium nenne man sich nach wie vor Sir und Mam, aber bei Facebook würden solche Grenzen schmelzen, wenn sie dort sowohl mit ihren Vorgesetzten, als auch mit ihren Mitarbeitern in Kontakt steht, „da ist man lockerer“. Ihr Ministerium gehört auch zu denen, die das Medium bereits zum Dialog nutzen, „hier bekomme ich mit, was die Leute beschäftigt, wir müssen wissen, was gerade der Klatsch in der Hauptstadt ist.“

Und jetzt?

Am ersten Tag hatte Dean Ruprecht Polenz zwei Dinge betont. Einerseits sei das GDL ausdrücklich ein Labor. „Wir wollen komplett frei und offen sein und wissen selbst nicht, was dabei herauskommen könnte.“ Andererseits gebe es aber einen Unterschied zwischen Philosophen und Diplomaten: „Wir müssen irgendwann tatsächlich Antworten finden“. Im Spannungsfeld zwischen diesem offenen Prozess und dem Wunsch nach konkreten Ergebnissen bewegt sich das Lab, und auch das Fazit über dieses erste Treffen.

Am letzten Tag in Berlin wird zwar der Wunsch nach konkretem Output geäußert, doch um den Prozess möglichst offen zu halten, soll die Mission nicht enger formuliert werden. So findet die Aussage „Manchmal ist der Prozess das Ziel“ viel Zustimmung unter den Teilnehmern. Und Markus Hipp von der BMW Stiftung bemüht die Metapher des Gewächshauses:

Wenn man am Ende drei große Bäume haben will, muss man vorher zehn Setzlinge pflanzen. Es geht ohnehin nicht nur um inhaltliche Ergebnisse. Das Wie dieser Konferenz, die Tools, die sie hier lernen, wie die interaktiven Panels, ist auch etwas, das Sie hieraus mitnehmen und da draußen im politischen Diskurs verbreiten.

Markus Hipp, Geschäftsführender Vorstand, BMW Stiftung

Auch Dean Polenz gefällt das Bild des Gewächshauses so gut, dass er es in seinen Abschlussworten aufgreift: „Wir müssen jetzt breit in den Prozess investieren, damit nachher einige Ideen aufgehen.“ Seinen Dank schließt er, ganz im Geist dieser Konferenz mit: „Add me on Facebook!“