US-Wahl 2016: Richtungsentscheidung für Amerika?

Selbst Republikaner wünschen Hillary den Sieg

 

29.04.2016 | BMW Stiftung | Internationale Beziehungen

Es scheint zu spät, das Phänomen Donald Trump erklären zu wollen. Die Frage ist nur noch, wie man ihn verhindern kann. Die tiefe Krise der Republikanischen Partei und die Spaltung der amerikanischen Gesellschaft erzeugt auch in Deutschland sprachloses Unbehagen.

Die Ratlosigkeit ist mit Händen zu greifen. Selten sieht man zwei Polit-Profis, die solche Not haben, die Situation in ihrem Land zu beschreiben, geschweige denn zu analysieren oder Prognosen für die Zukunft abzugeben. Zwei Frauen mit Erfahrung, die (da derzeit ohne politisches Mandat) eigentlich kein Blatt vor den Mund nehmen müssten, retten sich mit Galgenhumor, Lincoln-Zitaten und privaten Statements über die Debatte, die das Chaos im laufenden Vorwahlkampf in den USA ausgelöst hat.

Präsident Obama beschwört die Zusammenarbeit mit Europa

Im Doppelkegel der BMW-Welt in München sollen die Republikanerin Mary Bono und die Demokratin Carol Moseley Braun am 25. April auf Einladung der BMW Stiftung Herbert Quandt die Frage klären, wie wahrscheinlich der Kandidat Donald Trump als nächster amerikanischer Präsident ist und was das ab 8. November 2016 für Europa bedeuten könnte. Die Alfred Herrhausen Gesellschaft ist Mitveranstalter, die „US Association of Former Members of Congress“ Kooperationspartner. Aktueller Anlass: Der scheidende US-Präsident Barack Obama ist gerade auf Staatsbesuch in Deutschland, beschwört die gute Zusammenarbeit mit „Angela“ und ruft die Europäer auf, zusammenzuhalten und den Mut nicht sinken zu lassen.

Trump als Gefahr für die transatlantischen Beziehungen

Doch Stiftungs-Chef und Ex-Botschafter Michael Schaefer macht sich eher Sorgen um Amerika: „Trump könnte eine zerstörerische Wirkung auf das transatlantische Verhältnis entfalten.“ Dabei brauche das krisengeschüttelte Europa derzeit nichts dringender als Partner. Außerdem sei der wachsende Anti-Amerikanismus der vergangenen Jahre ohnehin schon besorgniserregend.


Mary Bono, 54, aus Kalifornien, langjähriges Kongressmitglied für die Republikanische Partei, heute Mitglied einer Beratungsgesellschaft in Washington, tut nichts, um diese Sorgen zu zerstreuen. Sie bezeichnet Trump als grob fahrlässig und eine gefährliche Führungsfigur. Sie, quasi Republikanerin seit Geburt, lässt die Hoffnung durchblicken, dass ein Sieg von Hillary Clinton, der Spitzenfrau der Demokraten, ihrer eigenen Partei die Chance geben könnte, sich zu finden.

Die Atmosphäre der Debatte ist vergiftet

Der Republikaner John Kasich, der gegen Trump im Vorwahlkampf antritt, sei noch „am gemäßigsten“, sagt Bono, wirft ihm aber auch Faulheit vor: Der Gouverneur habe sich anfangs auf die Schlüsselrolle seines Staates Ohio bei den Primaries verlassen. Und sein aktueller Deal mit Ted Cruz, sich jetzt im Endspurt gegenseitig nicht die Stimmen wegzunehmen, sei einfach dumm. Auf die Frage aus dem Publikum, ob eine Spaltung der Republikanischen Partei denkbar sei, antwortet Bono achselzuckend „keine Ahnung“.

Carol Moseley Braun, 68, aus Chicago, Anhängerin der Demokraten und der Kandidatin des politischen Establishments Hillary Clinton, freut sich zunächst einmal, dass Trump Clinton am Ende helfen werde, die Wahlen zu gewinnen, falls es auf diese beiden Kandidaten hinausläuft. Dann jedoch wird Moseley Braun grundsätzlich. Die frühere Senatorin, heute ebenfalls Beraterin, erinnert daran, dass Vorwahlen laut Verfassung gar nicht zwingend seien. Sie beklagt die Undurchsichtigkeit, woher das Geld der „Politik-Industrie“ komme. Mehrfach erinnert sie an die Gründungsväter und ersten Präsidenten der USA, die noch stundenlang über eher lokale Sachverhalte diskutieren konnten, während heute im 24-Stunden-Nachrichtenzyklus nur schnelle Antworten für viel komplexere Probleme gewünscht seien. Die Atmosphäre der politischen Debatte sei vergiftet. Das „Blame the other“-Prinzip (in Trumps Fall sind ja die Mexikaner an allem schuld) sei leider ein zutiefst menschlicher Automatismus.

Obamas politisches Vermächtnis

Der Moderator hat seine liebe Not. Stefan Kornelius, 50, Leiter Außenpolitik der Süddeutschen Zeitung in München, für die er als junger Mann drei Jahre Korrespondent in Washington war, kann an diesem Abend nicht klären, wie es für Amerika weitergeht und wie es so weit kommen konnte. Die Deutungsversuche der beiden Damen sind nicht neu: Die Enttäuschung breiter Bevölkerungsschichten nach der Finanzkrise, die Verschuldung der Studenten, die keine vernünftigen Jobs finden, das Erstarken der radikalen Tea Party (die keiner stoppte), das zunehmende Unbehagen in der Rolle des Weltpolizisten, das wachsende Misstrauen gegenüber der politischen Klasse.

Dabei habe Obama erfolgreich versucht, „die Temperatur zu senken“, habe damals gegenüber seinem Vorgänger George W. Bush nicht nachgekartet – so lobt ausgerechnet die Republikanerin Bono. Demokratin Moseley Braun fällt dagegen wenig Positives zu ihrem Präsidenten ein. Für die Schwarzen in Amerika (sie ist eine von ihnen) habe er nichts getan. Und seine am selben Tag gehaltene Rede in Hannover bezeichnet sie zwar als brillant, merkt aber an, dass es eine Sache sei, schöne Worte zu sprechen, eine andere, sie mit konkreten Handlungen zu füllen.

Einen schüchternen Versuch, Amerikas Ehre zu retten, unternimmt Bono noch: „Im Kongress gibt es viele Leute, die hart arbeiten und versuchen, die Dinge besser zu machen“, versichert sie dem Publikum. Aber die würden eben nicht so oft zitiert.

Text: Cora Richardsen