Konstruktives Ringen um die besten Ansätze

Eine Zwischenbilanz der Transatlantic Core Group

 

27.10.2016 | BMW Foundation | Europas Nachbarn

Im Sommer 2015 hat sich die Transatlantic Core Group (TCG) gegründet, um einen neuen deutsch-amerikanischen Dialog zu etablieren – eine innovative Zusammenarbeit der nächsten Generation von Transatlantikern, die über die Arbeit an gemeinsamen Herausforderungen vor allem auf gesellschaftlicher Ebene wirken will. Eine Zwischenbilanz.

Wie ist es möglich, dass mit Donald Trump ein so unqualifizierter Kandidat am 8. November 2016 bei der Wahl für das mächtigste Amt der Welt antritt? Wie kommt es, dass in einem Land wie Deutschland, das aus amerikanischer Sicht wie eine Insel der Stabilität und Prosperität wirkt, Rechtspopulisten im Aufschwung sind? Diese Frage stellen sich junge Amerikaner und Deutsche gleichermaßen.

Doch nicht erst diese jüngsten Entwicklungen bestätigen: Europäer und Amerikaner haben sich entfremdet. Zwar gab es schon immer kulturelle Unterschiede und Meinungsverschiedenheiten über die Richtung der Politik.

Doch nie waren die Beziehungen unterkühlter, die Entfernung beider Gesellschaften größer; geprägt von verbreitetem Desinteresse der Amerikaner an Europa und Deutschland und einem stärker werdenden Anti-Amerikanismus in der deutschen Öffentlichkeit. Noch nie wurde das transatlantische Bündnis in den Bevölkerungen so fundamental in Frage gestellt.

Politiker, Meinungsmacher, Unternehmer, Wissenschaftler, Künstler – immer mehr Menschen haben Zweifel, dass die deutsch-amerikanische Partnerschaft jemals wieder an das erfolgreiche Nachkriegsmodell anknüpfen kann. Ein Modell, das US-Außenminister John Kerry gerade erst so zusammengefasst hat: „Die untrennbare Verbindung, die uns eint, geht auf das Wunder von vor 70 Jahren zurück, als die Vereinigten Staaten und Europa aus der Asche der weltweiten Zerstörung und des Genozids Institutionen aufgebaut haben, die dazu beitragen sollten, die Wiederholung einer solchen flächendeckenden Katastrophe zu verhindern, die eine weitere Generation junger Europäer das Leben kosten würde. Diese Institutionen förderten die Periode nachhaltigsten Wirtschaftswachstums der Geschichte, die erstaunlichste Verschmelzung unterschiedlicher Menschen, Kulturen und Sprachen.“


Ungeachtet dieser Analyse reden Deutsche und Amerikaner immer häufiger aneinander vorbei. Nicht erst seit Irak, aber verstärkt nach den Erfahrungen von Guantanamo und Abu Ghraib, die den Glauben an die westliche Wertegemeinschaft erschüttert haben. Und trotz der gemeinsamen Interessen, die Deutschland als fünftgrößter Handelspartner mit den Vereinigten Staaten teilt. Die Präsidentin des German Marshall Fund, Karen Donfried, hat es treffend beschrieben: Die Transatlantische Handels- und Investitionspartnerschaft TTIP ist zurzeit das einzige aktive Projekt zwischen den USA und Europa. Doch kaum ein Thema ruft mehr Protest hervor – speziell in Deutschland.

Wo also ist die von Kerry zitierte „untrennbare Verbindung“ geblieben, wenn viele Bürger fürchten, beim globalen Wettlauf vom Partner Amerika über den Tisch gezogen zu werden; wenn in Deutschland der Horror vor Chlorhühnchen, Datenkraken und The Donald größer ist als das Vertrauen in die über Jahrzehnte gewachsene strategische Partnerschaft?

Gemeinsame Arbeit an drängenden Themen

Vielleicht muss man weniger auf die großen Aufregerthemen schauen und stattdessen versuchen, über gemeinsame Arbeit an beiderseits drängenden Themen neues Vertrauen aufzubauen. Das ist die Grundannahme der Transatlantic Core Group (TCG), die im Sommer 2015 von der BMW Stiftung Herbert Quandt gemeinsam mit Partnern aus Deutschland und USA ins Leben gerufen wurde.

Die TCG war sich schnell einig, die Diskussion über Außen- und Sicherheitspolitik den traditionellen Transatlantikern zu überlassen. Sie hat sich zum Ziel gesetzt, ohne ideologische Brille gemeinsam über Lösungen der drängenden Herausforderungen nachzudenken - und Prozesse zu entwickeln, um diese Lösungen auch umzusetzen.

Enge Zusammenarbeit, Dialog auf Augenhöhe und konstruktives Ringen um die besten Ansätze beschreibt die Arbeitsweise dieser Gruppe junger Führungskräfte aus beiden Ländern. Damit entspricht die Transatlantic Core Group im besten Sinne dem Kern der BMW Stiftung: der Förderung von „Responsible Leadership“.


Der Grundstein ist gelegt für ein stetig wachsendes Netzwerk, das neue Impulse für die deutsch-amerikanische Freundschaft setzt. Mit einer Kerngruppe von 16 Deutschen und Amerikanern gestartet, umfasst die Transatlantic Core Group inzwischen 40 Mitglieder, darunter: Samantha Stevens, Finanzanalystin in Chicago, Carlos Menchaca, Mitglied des New York City Council, Tobias Nolte, Architekt und Gründer von Certain Measures, Arnd Boeckhoff, Gründer der NGO Hanseatic Help, Familienunternehmerin Jessica Kulitz, Journalistin Juliane Schäuble und Diplomat Joachim Knodt.

Bis Ende dieses Jahres werden weitere 20 Mitglieder hinzugekommen sein. Die Zusammenarbeit prägen die Mitglieder selbst, die BMW Stiftung und ihre Partner begleiten diesen Prozess und unterstützen ihn. Die Teilnehmer wählen die Themen ihres Dialogs, sie gestalten den sich daraus ergebenden Prozess - eine Art transatlantischer Inkubator für eigenständige Projektideen. Die dann an deutschen oder amerikanischen Orten umgesetzt werden. Zum Beispiel in Charlotte, North Carolina: eine Finanzmetropole inmitten der dynamischsten Wachstumsregionen an der Ostküste der USA. Hier sitzen unzählige deutsche Unternehmen – die BMW Group hat in Spartanburg, South Carolina, ihre weltweit größte Autofabrik, Siemens beschäftigt fast 1500 Mitarbeiter. Was ist also naherliegender, als über Ausbildung, Arbeitsmarkt und wirtschaftliche Innovationen zu sprechen? Es geht dabei nicht nur um das duale Ausbildungssystem, sondern auch um die Frage, welche Impulse Deutschland aus dem amerikanischen Berufsbildungssystem aufnehmen kann. Teilnehmer schauen sich Anfang November in Charlotte vor Ort an, was funktioniert – und was nicht.

Best-Practise-Beispiele für eine Stadt der Zukunft

Eine zweite Arbeitsgruppe der Transatlantic Core Group beschäftigt sich mit Best-Practise-Beispielen für eine Stadt der Zukunft wie etwa im Bereich der Integration von Migranten. Sie analysiert, was gut und was weniger gut klappt. Der leicht mottige Begriff „Städtepartnerschaft“ wird so neu interpretiert. Was machen Städte und Kommunen im klassischen Einwandererland Amerika mit Neuankömmlingen? Und wie läuft es in Deutschland, wo gerade seit der globalen Flüchtlingskrise 2015 das Thema an Dringlichkeit gewonnen hat. Wo können beide voneinander lernen?

Die Gruppe hat sich dazu im Frühling im brandenburgischen Paretz getroffen. Im Zentrum stand die Frage, wie aus Minderheiten gleichberechtigte Bürger werden. „Wie schafft man es, den Geflüchteten ein Gesicht zu geben, Interesse und Verständnis zu wecken bei den Alteingesessenen?“, schreibt Journalistin Juliane Schäuble in ihrer Zusammenfassung des Treffens. „Wie kann man Minderheiten in einem Land zu wahrhaft gleichberechtigten Bürgern machen, auf dass sie als Bereicherung und wichtiger Teil der Gemeinschaft empfunden werden, und nicht mehr einfach nur als die anderen, die Hispanics, die Afroamerikaner, die Deutschtürken?"

Jetzt soll es zu einer konkreten Zusammenarbeit zwischen Menschen aus Chicago und Hamburg kommen, die sich auf allen Ebenen der Gesellschaft mit dieser komplexen Problematik auseinandersetzen.

Ein Austausch, der Grenzen sprengt

Immigration, Integration, Berufsbildung, Arbeitsmarkt – es gibt viele Themen, über die sich Deutsche und Amerikaner konstruktiv austauschen können, statt nur auf das Trennende zu schauen. Und am besten gelingt dieser Austausch, wenn er Grenzen sprengt: Wenn junge Politiker mit Unternehmerinnen sprechen, die den Familienbetrieb führen. Wenn ein NGO-Gründer mit einem Stadtverwaltungsmitarbeiter spricht. Kurz: Wenn sich nicht nur über den Atlantik hinweg neue Horizonte eröffnen, sondern auch über Kulturen und Berufsgruppen in jeder Gesellschaft.

Die Zusammensetzung und das Format der Transatlantic Core Group unterscheiden sich von anderen Programmen des globalen Dialogs. Auch die Organisationen hinter der Gruppe - neben der BMW Stiftung die Robert Bosch Stiftung, Chicago Council on Global Affairs und Atlantic Council - erproben eine innovative Form der Zusammenarbeit: sie geben keine Themen vor, sondern initiieren einen ergebnisoffenen Prozess, der Raum für konstruktive Diskussionen und kreative Lösungsansätze gibt.

Ein zentrales Element dabei sind Workshops an inspirierenden Orten wie der kanadischen Insel Wasan Island im Muskoka Lakes District von Ontario, das brandenburgische Paretz vor den Toren Berlins oder Montreat, einem Nest in den Bergen von North Carolina. „Unterschätze nie die Kraft des Dialogs!“, bringt es Mitglied Cristina Gallegos aus Los Angeles auf den Punkt.

Neue Verbindungen, neues Vertrauen

Die Gruppe schöpft ihre Dynamik und Kreativität daraus, dass hier Personen zusammenkommen, die sich wahrscheinlich nie treffen würden – und deren Diversität dazu beiträgt, neue Zugänge zu Themen erschließen. „Unsere Kernkompetenzen sind unsere Netzwerke und unsere Fähigkeit, Verbindungen zu schaffen“, sagt Benjamin Adrion, Ex-Profifußballer und Gründer des Sozialunternehmens Viva con Aqua. Neue Verbindungen, die Vertrauen schaffen und so tief auf gesellschaftlicher Ebene wirken. Auch das reflektiert die BMW Stiftung Herbert Quandt, die sich als globales Netzwerk von „Responsible Leaders“ versteht.

Wie US-Außenminister John Kerry haben auch die Initiatoren der TCG keinen Zweifel daran, dass es zwischen Deutschen und Amerikanern noch immer mehr Verbindendes als Trennendes gibt: „Die Zweifler unterschätzen die Kraft der Ideale, die unsere Gesellschaften überhaupt erst zusammengeführt haben. Sie vergessen, wie oft wir in der Vergangenheit ähnliche oder weitaus schwierigere Bewährungsproben bestanden haben. Sie hören zu sehr auf die lautesten Stimmen und nicht genug auf die Millionen Menschen in unseren Ländern, die die Prinzipien, die uns bisher ausgemacht haben, nicht aufgeben werden – Menschen, die sich beflissen für noch stärkere und effektivere Partnerschaften und Institutionen einsetzen.“