Munich Economic Summit

Europa darf sich nicht abhängen lassen

 

28.05.2015 | BMW Stiftung | Europas Zukunft

Innovation und Wettbewerbsfähigkeit
war das Thema des 14. Munich
Economic Summit, zu dem rund
200 Gäste aus Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft zusammenkamen. Darunter auch Manuel Valls, Premierminister Frankreichs, und als Vertreter der EU-Kommission Valdis Dombrovskis und Günther Oettinger.

Michael Schaefer, Vorstandsvorsitzender der BMW Stiftung, betonte den Beitrag der Zivilgesellschaft zu innovativen Prozessen (also Trends wie Sharing-Modelle oder Open Innovation) und die Rückwirkung von Innovationen auf die Gesellschaft. Die wirtschaftliche Prosperität Europas sichere auch seine Zukunft als Friedensprojekt, sagte Schaefer weiter. Umzingelt von Krisen und herausgefordert von Flüchtlingsströmen müsse sich Europa auf seine Stärken besinnen und gleichzeitig eine neue Rolle finden, besonders auch in seiner Beziehung zu den neuen Gestaltungsmächten.

Hans-Werner Sinn, Präsident des Münchner Ifo-Instituts, mahnte zu mehr Innovationen in Europa, gerade um den massiven Rückgang der Industrieproduktion in großen Ländern wie Spanien oder Italien seit der Finanzkrise aufzufangen. Baupläne entwickeln und verkaufen, nach denen Produkte irgendwo in der Welt angefertigt werden, so sieht Sinn die Zukunft der Industriegesellschaft. So wie der Großmotorenhersteller MAN seine Schiffstriebwerke nicht in Augsburg fertige, sondern die Pläne dafür in die Abnehmerländer verkaufe, wo die Motoren dann gebaut würden, so werde es künftig für fast alle Industrieprodukte laufen. Trends wie Industrie 4.0, also eine selbst steuernde komplett vernetzte Fertigung, und der Aufschwung der 3-D-Drucker deuten laut Sinn in diese Richtung

Die Zukunft von Europa's Wirtschaft entscheidet sich nicht in erster Linie an Athen.

Valdis Dombrovskis, Vize-Präsident der EU-Kommission und früherer lettischer Ministerpräsident

„Frankreich ist reformierbar“

Der französische Premierminister Manuel Valls trat in München dem üblichen Bild von Frankreich als unreformierbar entgegen. Eine, wenn auch schwache, Erholung der französischen Wirtschaft sei da, die Direktinvestitionen zögen wieder an, das Vertrauen sei zurück.

Die sozialistische Regierung sehe sich an der Seite der Unternehmen, die mit ihren Investitionen die Voraussetzung schüfen für Wachstum und damit für neue Arbeitsplätze. Den üblichen Streiks im Transportwesen trete man entschlossener und gelassener entgegen als früher. Und die jüngsten Empfehlungen der EU-Kommission seien eine Ermutigung für Frankreich, mit seinem Reformprogramm fortzufahren, allerdings ohne das Wachstum abzuwürgen. Auch wenn der Staat als Rückgrat der Wirtschaft in Frankreich eine große Rolle spiele, werde es gelingen, die Staatsausgaben zu begrenzen, die Unternehmen von Abgaben zu entlasten und die Güter- und Arbeitsmärkte zu reformieren. „Ich bin auf der Hut“, sagte Valls zum Verlauf dieser Reformvorhaben, aber er machte auch deutlich, dass er sie sich nicht von konservativen Kräften oder der angelsächsischen Presse schlechtreden lasse.

Bei allem Reformeifer: Nicht ablassen wolle Frankreich allerdings von zwei Überzeugungen. Erstens dem Festhalten an der Kernenergie, deren Anteil an der Energieerzeugung trotz zunehmender Bedeutung erneuerbarer Energien nicht unter 50 Prozent sinken soll, wie Valls betonte. Zweitens dem Sonderweg in der Rüstungsindustrie, der sich zum Beispiel am eigenen Kampfflugzeug Rafale festmachen lässt, das Frankreich in Konkurrenz zum europäischen Eurofighter fertigt. Beide Bereiche seien entscheidend für Frankreichs Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit.

Europäische Aufholjagd bei der Digitalisierung

Eine europäische Mission in der Digitalstrategie bringt Europa in eine Position der Stärke, um Wettbewerbsregeln und Standards durchzusetzen und die eigene Kultur zu schützen. Das ist die Kernaussage von EU-Kommissar Günther Oettinger. Er warb für ein gemeinsames europäisches Vorgehen bei Infrastruktur und Regulierung, „nicht gegen die Amerikaner, sondern im Wissen um die Stärke der Amerikaner“. Auf dem Spielfeld der Informationstechnologie (IT) habe Europa längst verloren (mit wenigen Ausnahmen erfolgreicher Unternehmen wie SAP), bei der Digitalisierung befinde es sich in einer Aufholjagd. Oettinger plädierte für einen paneuropäischen Ausbauplan für die digitale Infrastruktur: „Wir haben dafür keine 20 Jahre Zeit.“ Zu diesem Zweck müsse auch die Telekommunikationsindustrie anders reguliert werden, nicht nur in Richtung Verbraucherschutz, sondern in Richtung höherer Gewinne, damit sie in der Lage sei, die nötigen Investitionen zu stemmen.

Mittelständler sind die effektiveren Innovatoren

Unverändert glänzend steht der deutsche Mittelstand dar. Das bekräftigte der Unternehmensberater Hermann Simon, der vor vielen Jahren den Begriff des „Hidden Champion“geprägt hat. Sie investierten doppelt so viel in Forschung und Entwicklung wie große Unternehmen, hielten pro Mitarbeiter fünfmal so viele Patente und seien extrem effektive Innovatoren, sagte Simon. Voraussetzung dafür seien starke, vollständig ihrer Aufgabe verschriebene Unternehmerpersönlichkeiten (darunter auch vergleichsweise viele Frauen), die relativ jung begännen und länger im Amt blieben als in großen Konzernen. Die Unternehmer täten viel für die Weiterbildung ihrer Mannschaft und hielten wegen der relativ geringen Fluktuation das Know-how im Unternehmen.

Innovation ist kein Sprint, Innovation ist ein Marathon.

Ken Hu, Stellvertretender Vorsitzender, Huawei

Der chinesische Anbieter von Telekommunikationstechnologie Huawei aus Shenzen sieht totale Kundenorientierung und enge Zusammenarbeit mit Partnern als Erfolgsrezept für ein innovationsorientiertes Unternehmen. Ken Hu, Vize-Chef von Huawei, skizzierte den Erfolgskurs seines Konzerns, der 1987 als kleiner Weiterverkäufer ohne jede Entwicklungsabteilung begonnen hatte, heute 170.000 Menschen beschäftigt (davon fast die Hälfte in Forschung und Entwicklung) und letztes Jahr mehr Patente anmeldete als jedes andere Unternehmen in der Welt. Den Zutritt zum deutschen Markt, wo Huawei 300 Ingenieure beschäftigt, habe man errungen, indem man ganz genau auf die Wünsche der Telekommunikationskonzerne gehört habe.

Neue Technologien beflügeln soziale Revolution

Die Digitalisierung und die wachsende Bedeutung von Startups werden helfen, gesellschaftliche Probleme zu lösen. Dieser Meinung war die Unternehmerin Hedda Pahlson-Moller aus Luxemburg. Die Startups seien wie eine Graswurzelbewegung mit einer starken Stimme, die sich auf die großen, etablierten Unternehmen zubewege und umgekehrt. Aus diesem „Treffen in der Mitte“ entstünden ganz neue Möglichkeiten zur Lösung sozialer oder Umweltprobleme.

Auch in Pahlson-Mollers Vorstellung nimmt der Kunde eine zentrale Rolle ein. Konsumenten könnten mit den neuen Technologien viel stärker zum Ausdruck bringen, was sie wollten, zum Beispiel Konzerne, die sozial sind und verantwortlich handeln. „Die soziale Revolution kommt“, rief Pahlson-Moller den Gipfel-Teilnehmern zu.

„Die Macht liegt an der Basis“, stimmte ihr Charles-Edouard Bouée zu, Chef der Unternehmensberatung Roland Berger. Das Smartphone sei nicht nur eine „Fernbedienung für das eigene Leben“, sondern auch ein Einflussfaktor „von unten“. Das sei auch dringend notwendig, um zu verhindern, dass die neuen Technologien einfach nur Arbeitsplätze zerstören: „Sonst haben wir am Ende eine Welt, in der wir gar nicht leben wollen.“

Text: Cora Richardsen