Über den Tellerrand hinaus

Transatlantic Core Group trifft sich in Brandenburg

 

25.04.2016 | Juliane Schäuble | Europa und seine Nachbarn

Zum ersten Mal hat sich die 2015 gegründete Transatlantic Core Group nun in Deutschland getroffen: Im brandenburgischen Paretz sprachen Amerikaner und Deutsche über die Herausforderungen von Migration und Integration - unter ihnen auch die Journalistin Juliane Schäuble. Im Zentrum stand die Frage, wie aus Minderheiten gleichberechtigte Bürger werden.

„Das ist Ali Abbas. Denkt an sein Gesicht, wenn ihr von syrischen Flüchtlingen hört. Er ist ein erfolgreicher Chemiker, der wegen des Krieges seine Heimat verlassen und in Deutschland Zuflucht gesucht hat. Die vergangenen fünf Monate hat er in einer Flüchtlingsunterkunft in Potsdam verbracht. Als Chemiker findet er hier keine Arbeit, da er kein Deutsch spricht (aber Arabisch, Türkisch und Englisch), daher hilft er als Übersetzer in seiner Unterkunft aus. Er hat Heimweh nach Syrien, aber er kann nicht zurück. Ich fühle mich geehrt, ihn kennengelernt zu haben.“

Was Chris Fowler auf Facebook zu dem Foto des lachenden jungen Mannes schreibt, steht für das, was die Transatlantic Core Group (TCG) erreichen möchte: den Geflüchteten, aber auch allen anderen Neu-Amerikanern und Neu-Deutschen, ein Gesicht geben, ihre Geschichten erzählen, um so Empathie zu schaffen, die am Ende in Engagement für und miteinander mündet.


Chris Fowler von Creative Science Labs in Washington ist einer von 27 Amerikanern und Deutschen, die sich auf Initiative der BMW Stiftung Herbert Quandt, der Robert Bosch Stiftung, des Chicago Council of Global Affairs und des Atlantic Council in Brandenburg getroffen haben. Mit dabei sind NGOs wie „Hanseatic Help“, „Migration Hub“, „Singa Deutschland“, „Deutschlandstiftung Integration“ und „Welcoming America“, Experten von World Vision, Google und Facebook, Vertreter Chicagos, Detroits und Dresdens, Experten aus dem Bundestag und Journalisten.

Vier gemeinsame Tage in Paretz, in das in diesen Apriltagen die Störche zurückkehren. Im historischen Storchenhof, den Markus Hipp, geschäftsführender Vorstand der BMW Stiftung, mit seiner Familie wieder aufgebaut und zu einem wunderbaren Treffpunkt entwickelt hat, kann man Wetten darauf abschließen, wann der erste Storch eintrifft. Der Wetteinsatz kommt später Projekten im Dorf zugute. Mit den Störchen kommt der Frühling, ihr Spitzname „Adebar“ bedeutet Glücksbringer: Wo könnte man also eine Gruppe junger Amerikaner und Deutscher über Chancen und Probleme von Migration und Integration besser diskutieren lassen als im Storchendorf Paretz?

Der Schwerpunkt des ersten Workshops der Transatlantic Core Group zu Connected Cities, den die Mitglieder selbst erarbeitet haben, lag auf Migration und Integration und der Rolle, die Städte dabei spielen können. Die Idee der TCG in aller Kürze: angesichts der schwieriger gewordenen transatlantischen Beziehungen Gemeinsamkeiten identifizieren, einen intensiven Dialog starten und zusammen an konkreten Projekten arbeiten.


Dass sich Migration und Immigration in Deutschland seit dem Herbst 2015 zum „Megathema“ entwickelt haben und auch in den USA angesichts einer von republikanischer Seite zunehmend auf Abschottung ausgerichteten Wahlkampfrhetorik an Brisanz gewonnen hat, war beim Gründungstreffen der TCG auf Wasan Island in Kanada so nicht absehbar gewesen – zeigt aber, wie richtig die Entscheidung für dieses Thema war, wie Michael Schaefer, Vorstandsvorsitzender der BMW Stiftung, in Paretz sagt.

1,1 Millionen Flüchtlinge sind 2015 nach Deutschland gekommen, das spontane Engagement der vielen Bürger, die Willkommenskultur wird auch auf der anderen Seite des Atlantiks gewürdigt, ja bestaunt. Aber auch die fremdenfeindlichen Demonstrationen, die Attacken auf Flüchtlingsheime werden in den USA wahrgenommen – genauso, wie die „Baut-eine-Mauer“-Rhetorik eines Donald Trump die Deutschen irritiert.

Wie schafft man es, den Geflüchteten ein Gesicht zu geben?

Wie schafft man es, den Geflüchteten ein Gesicht zu geben, Interesse und Verständnis zu wecken bei den Alteingesessenen? Und: Wie kann man Minderheiten in einem Land zu wahrhaft gleichberechtigten Bürgern machen, auf dass sie als Bereicherung und wichtiger Teil der Gemeinschaft empfunden werden, und nicht mehr einfach nur als „die anderen“, die Hispanics, die Afroamerikaner, die Deutschtürken?

Wie kann man ganz praktisch bereits bestehenden Organisationen und Initiativen bei ihrer wichtigen Arbeit helfen? Vielleicht so: Als die Gruppe am Freitag mit der Gründerin der Postdamer Initiative „Welcome Dinner“ zusammenkommt, die den Syrer Ali Abbas mitgebracht hat, ist nicht zu überhören, dass sich Sabine Lang mit technischen Dingen schwer tut. Für Chris Fowler ist schnell klar: Da kann er unkompliziert Hilfe anbieten, zum Beispiel, indem er mit seinem Team eine Standard-Homepage einrichtet, die auch andere Initiativen nutzen können. Die großartige Initiative „Welcoming America“, die Amerikaner ermuntert, an einer neuen Art von Gemeinschaft mitzuarbeiten und sich dabei auch mit deutschen Städten austauscht, soll ebenfalls tatkräftig unterstützt und ihre „Best-Practice-Beispiele“ auf Deutschland übertragen werden – ein weiteres Vorhaben der TCG.

Zwei Syrer als Chefköche für den Abend

Und als zum Abschlussabend in der Paretz Akademie der Helga Breuninger Stiftung das Berliner Start-up „Über den Tellerrand kochen“ vorbeischaut und alle zusammen unter Anleitung von zwei jungen Syrern das Abendessen zubereiten, sind die Amerikaner so begeistert, dass die Einladung nach Detroit, Washington oder Chicago bestimmt nicht lange auf sich warten lässt. Ob das Start-up dann über den Atlantik expandiert? Gut möglich. Träumen darf man ja.

Auch Ali Abbas träumt. Von zuhause. Von einer eigenen Wohnung in Potsdam und einem Job, in dem er seine Fähigkeiten auch einbringen kann. Ali träumt auch von Freunden, mit denen er kochen und lachen kann. Denn die findet er nicht so leicht in Deutschland. Sagt er. Es macht traurig, das zu hören. Aber es kann auch ein Anstoß sein, mehr zu tun. Die Transatlantic Core Group hat sich das fest vorgenommen. Und wird von sich hören lassen.