Austausch auf Augenhöhe

1st Berlin Global Forum bringt Entscheider aus 35 Nationen zusammen

 

25.11.2015 | BMW Stiftung | Europa und die neuen Gestaltungsmächte

Mit dem 1st Berlin Global Forum endet der erste Zyklus unserer neuen Veranstaltungsreihe BMW Foundation Global Table. Im Westhafen Berlin sind am 13. November Teilnehmer der fünf Global Tables mit weiteren internationalen Entscheidungsträgern zusammengekommen, um über die gemeinsame Verantwortung von Europa und den neuen Gestaltungsmächten bei der Lösung komplexer Herausforderungen zu sprechen.

Jetzt haben die beiden Gäste aus Syrien es also von ganz offizieller Seite gehört: Deutschland sagt „Ja“ zur Integration von Flüchtlingen. Und damit auch „Ja“ zu Muhamad Ghrayeb und seiner Frau Esraa Owiedat. Zwei von elf Millionen Syriern auf der Flucht. Das Paar hat sich aus dem zerbombten Homs über die Türkei und den Balkan durchgeschlagen bis nach Berlin, wo es an diesem Morgen plötzlich Peter Altmaier (CDU) gegenübersteht. Der Flüchtlingsbeauftragte der Bundesregierung eröffnet das 1st Berlin Global Forum der BMW Stiftung, dessen Motto lautet: „Europa und die neuen Gestaltungsmächte – Gemeinsam Verantwortung übernehmen“. Neben der Flüchtlingsproblematik stehen die Themen Energiesicherheit und das Konzept einer neuen Seidenstraße auf der Agenda.


Geladen sind Gäste aus Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Menschen aus 35 Ländern, darunter Ghana, Frankreich, Kirgisistan, USA, Indien, China, Brasilien, Iran und Syrien. Menschen aus den unterschiedlichsten Kulturen und Berufen, die heute in Berlin nicht übereinander reden sollen, sondern miteinander. Politiker wie Kanzleramtschef Peter Altmaier und der bulgarische Präsident Rosen Plewneliew. Wirtschaftsvertreter wie BMW-Aufsichtsratschef Norbert Reithofer und die Investorin Frannie Léautier aus Tansania. Und eben Muhamad Ghrayeb und seine Frau Esraa Owiedat, die an diesem Tag der Debatte über die aktuelle Flüchtlingskrise ein Gesicht geben.

„Es sind so viele wichtige Leute hier“, sagt Muhamad Ghrayeb. „Sie können Entscheidungen treffen, die große Auswirkungen haben.“ Deshalb sei es von großer Bedeutung, dass sie auf dem 1st Berlin Global Forum auch andere Perspektiven kennenlernen – und so vielleicht zu einer ganz neuen Einschätzung der Situation kommen. Wie beurteilen Menschen aus Herkunftsländern die Flüchtlingssituation? Was muss sich in den Transitländern ändern? Und wie können Einwanderungsländer ihre Verantwortung teilen?

Flickr Album: 1st Berlin Global Forum 


Peter Altmaier bezieht in seiner Auftaktrede dazu eindeutig Stellung: „Deutschland und Bundeskanzlerin Angela Merkel mussten eine strategische Entscheidung treffen: Verstecken wir uns hinter anderen, warten ab, wie sich die Krise entwickelt und verteidigen die nationale Souveränität so gut es geht. Oder treffen wir eine mutige Entscheidung, die auch andere inspiriert?“ Die Bundesregierung hat sich bekanntlich für die zweite Variante entschieden. Altmaier verteidigt diesen umstrittenen Kurs mit klaren Worten: „Wir sind in einer Situation, in der wir „Ja“ zur Integration von Flüchtlingen sagen müssen, die für eine bestimmte Zeit in Deutschland bleiben wollen – oder für immer.“ Menschen in Lebensgefahr zu helfen, sei kein europäischer Wert, sondern ein universeller. Egal, wie lange jemand bleibe: Es gehe stets darum, Flüchtlingen eine Perspektive zur Integration aufzuzeigen.

Ein Gedanke, den auch Norbert Reithofer, Vorsitzender des Aufsichtsrates der BMW AG, aufgreift. Mit Blick auf die globale Aufstellung des Konzerns sagt er: „Für uns ist es absolut essenziell, Menschen aus den unterschiedlichsten Nationen zu integrieren. Wir haben gar keine andere Wahl. Ansonsten wären wir nicht mehr in der Lage, unser Unternehmen zu führen.“ Auch Rosen Plewneliew, Präsident von Bulgarien, plädiert in seinem Impulsvortrag für Solidarität in Krisenzeiten und gemeinsame Verantwortung. „Wenn wir heute im Herzen Europas unsere Grenzen dicht machen und mit Wasserwerfern und Tränengas gegen die Flüchtlinge vorgehen, dann steht die EU im Widerspruch zu ihren eigenen Regeln und Werten und zu ihrer Identität."

Wenn wir heute im Herzen Europas unsere Grenzen dicht machen und mit Wasserwerfern und Tränengas gegen die Flüchtlinge vorgehen, dann steht die EU im Widerspruch zu ihren eigenen Regeln und Werten und zu ihrer Identität.

Rosen Plewneliev, Präsident von Bulgarien

Im Gegensatz zu den oft kleinteiligen nationalen Debatten versucht das 1st Berlin Global Forum eine 360°-Grad-Perspektive zu eröffnen. Es ist das Konzept des BMW Foundation Global Table – übertragen auf einen Tag und ein viel größeres Publikum. Oder wie Michael Schaefer, Vorstandsvorsitzender der BMW Stiftung, es ausdrückt: „Im 21. Jahrhundert brauchen wir einen systemischen Wandel und komplett neue Ansätze, um Probleme zu lösen.

Es gehe darum, Menschen aus ihrer gewohnten beruflichen Umgebung zu holen und ihnen in einem informellen Rahmen die Möglichkeit zu geben, Vertrauen aufzubauen, sich gegenseitig zuzuhören. Und die Ergebnisse dann in die Welt zu tragen! „Das Kunststück wird sein, nicht nur einen offenen Austausch zu fördern, sondern im Anschluss auch die Ergebnisse in Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft zu implementieren“, sagt Michael Schaefer.

Geteilte Verantwortung in Krisenzeiten, aber auch die Verantwortung jedes Einzelnen – dies sind Themen, die in den geradezu intimen Arbeitsgruppen des Forums diskutiert werden. Sei es beim Thema Flüchtlinge, bei den Diskussionen über Energiesicherheit oder Chinas Initiative für eine neue Seidenstraße: Es sind Gespräche mit hohem Engagement der Teilnehmer, die in den Workshop-Räumen im Erdgeschoss des ehemaligen Getreidespeichers im Westhafen auf engstem Raum beieinander sitzen. Viele ehemaligen Teilnehmer eines BMW Foundation Global Table haben beim Forum eine aktive Gastgeberrolle übernommen, sie leiten Workshops und präsentieren die Ergebnisse im Plenum. Bei aller Hitzigkeit geht es jedoch stets um gemeinsame Konvergenzräume. Im Mittelpunkt stehen nicht Streit oder ein Beharren auf eigenen Positionen, sondern um aufmerksames Zuhören, Lernen und letztendlich darum, neue Lösungsansätze auszuloten.

Das Kunststück wird sein, nicht nur einen offenen Austausch zu fördern, sondern im Anschluss auch die Ergebnisse in Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft zu implementieren.

Michael Schaefer, Vorstandsvorsitzender der BMW Stiftung

Beim Thema Flüchtlinge kristallisieren sich schnell ein Ergebnis heraus: Migration ist fest verankert in der Menschheitsgeschichte und sollte als etwas Natürliches, nicht als Ausnahmezustand, betrachtet werden. Dies gilt nicht zuletzt für die Berichterstattung in den Medien, die zurzeit eher von Hysterie geprägt ist als von sachlichen Argumenten. Darin sind sich die Teilnehmer aus Deutschland, den USA, Tunesien, Syrien, der Türkei und vielen anderen Ländern einig.

Die Suche nach Konsens zwischen Menschen aus verschiedenen Nationen, Kulturen und Berufen ist beim 1st Berlin Global Forum das eine. Eine Implementierung auf politischer Ebene das andere. Wie könnte solch eine Verankerung aussehen? Zum Beispiel indem ein Teilnehmer wie Julian Popow, gut vernetzter ehemaliger Umweltminister von Bulgarien, Handlungsempfehlungen aus dem Forum zu einer gemeinsamen europäischen Energieunion in die entscheidenden Kanäle spielt: etwa zu Maroš Šefčovič, EU-Kommissar für die Energieunion. Er treibt qua Amt die „European Energy Union“ auf europäischer Ebene voran, mit der durch neue Infrastrukturverbindungen Energiekosten für Verbraucher und Unternehmen gesenkt und Wirtschaftswachstum gesteigert werden soll.

Oder indem ein Gast wie Wei Shen, Professor am Konfuzius-Institut an der Universität von Lancaster und Experte für Chinas Seidenstraßen-Initiative „One Belt, One Road“, seinen Kollegen auf dem alten Kontinent nahebringt, wie wichtig es ist, dass Europa eine gemeinsame Haltung zu diesem gigantischen Projekt entwickelt. Und sich im besten Fall strategisch einbringt. Denn anders als in Brüssel üblich, legt die Regierung in Peking keinen ausgefeilten Plan vor, sondern ein eher vages Konzept mit viel Spielraum in alle Richtungen, offen für trial and error. Eine Vorgehensweise, die Chinas Reformpolitik prägt, vielen Forumsteilnehmern aus Europa aber eher fremd ist. Es ist ein Austausch auf Augenhöhe. Und gerade beim Flüchtlingsthema ein sehr emotionaler dazu. Muhamad Ghrayeb und Esraa Owiedat sind nicht die einzigen Flüchtlinge auf dem Forum, auch andere Menschen aus Syrien oder Kamerun erzählen von ihrer Odyssee. Es sind Geschichten, die nahegehen. Das wird auch klar, als die Präsentatoren zum Abschluss Ergebnisse und Empfehlungen aus ihren Gruppen dem Plenum vortragen. „Vielleicht wird die Menschheit gerade auf eine Probe gestellt“, sagt Daniel Gerlach, Chefredakteur von Zenith, einem Magazin mit Schwerpunkt auf Berichten über den Nahen und Mittleren Osten. „Die Art und Weise, wie wir jetzt auf die Flüchtlingskrise reagieren, könnte eine Blaupause für die Zukunft sein.“

Es geht heute für uns nicht nur darum, über Probleme zu reden, sondern auch Teilnehmer zu finden, die sich handfest engagieren wollen.

Markus Hipp, Geschäftsführender Vorstand der BMW Stiftung

Die BMW Stiftung versucht mit gutem Beispiel voranzugehen: Mit einer Spende von 100 Stipendien an die Kiron University – das entspricht 120.000 EUR – setzen wir uns konkret für die Integration von Flüchtlingen ein. Kiron ist ein Berliner Start-up mit dem Potential, durch ein kostenloses Onlinestudium das Leben tausender junger Flüchtlinge zum Positiven zu wenden und ihnen die Chance auf ein selbstbestimmtes Leben zu eröffnen.

Gerade in Krisenzeiten komme Stiftungen eine wichtige Rolle in der Gesellschaft zu, sagt Markus Hipp, Geschäftsführender Vorstand der BMW Stiftung. „Es geht heute für uns nicht nur darum, über Probleme zu reden, sondern auch Teilnehmer zu finden, die sich handfest engagieren wollen.“ Die BMW Stiftung bringe sich dabei mit ihrer ganzen Schlagkraft ein: „Wir wollen all unsere Ressourcen einsetzen: unsere Vermögenswerte, unser Budget, unsere Marke und natürlich unser globales Responsible-Leaders–Netzwerk mitsamt allen Instrumenten, die uns zur Verfügung stehen.“

Text: Maja Heinrich