Ein Sprungbrett schaffen

Neue Bildungschancen für Geflüchtete

 

19.07.2016 | Sebastian Gallander | Migration

Deutschland braucht ein großes Bildungsprogramm für Geflüchtete und Einheimische. Responsible Leader Sebastian Gallander zeigt, wie ein amerikanisches Gesetz von 1944 als Vorbild dienen könnte.

In den heißen Tagen des vergangenen Sommers kamen plötzlich überall in Deutschland die überfüllten Flüchtlingszüge an und wurden von einer Welle der Gastfreundschaft aufgenommen, die uns selbst erfrischt hat. Ein Jahr später stehen wir vor zwei zentralen Herausforderungen: Erstens haben viele Geflüchtete nun das Asylverfahren durchlaufen, sind aber dadurch noch lange nicht zu den qualifizierten Fachkräften geworden, die dringend gebraucht werden. Zweitens sind viele Einheimische verunsichert, ja sogar aufgebracht und wählen die AfD. Die Politik muss also diese beiden Probleme auf einmal lösen, und dies ist so schwierig, dass man auch dort nach Ideen suchen sollte, wo man sie gar nicht vermutet. Beispielsweise in den USA am Ende des Zweiten Weltkrieges.

Bildungschancen für heimkehrende Soldaten

Die amerikanische Regierung stand damals vor der Herausforderung, was sie mit den 15 Millionen jungen Männern tun sollte, die aus dem Kriegsdienst in Europa und der Pazifik-Region wieder ins Land strömen würden. Viele von ihnen waren aus ärmeren Verhältnissen und aufgrund der langen Wirtschaftskrise vor dem Krieg direkt aus der Arbeitslosigkeit in die Armee gekommen. Noch während des Krieges erließ der US-Kongress deshalb die sogenannte GI-Bill (Soldaten-Gesetz) und entfesselte damit ungeahnte Kräfte. Natürlich war die Situation damals in den USA ganz anders als heute in Deutschland, aber wir können uns davon inspirieren lassen.

„Binnen weniger Jahre gab es einen riesigen Zuwachs von Ingenieuren, Wissenschaftlern, Lehrern und anderen hochqualifizierten Fachkräften.“

Sebastian Gallander

Die GI-Bill gewährte jedem heimkehrenden Soldaten ein Stipendium und die Übernahme der in Amerika oft recht hohen Studiengebühren. Dadurch öffneten sich für viele junge Amerikaner plötzlich die Tore zum Universitätscampus, die ihnen sonst für immer verschlossen geblieben wären. Darüber hinaus wurden auch andere Formen der Weiterbildung gefördert. Binnen weniger Jahre gab es dadurch einen riesigen Zuwachs von Ingenieuren, Wissenschaftlern, Lehrern und anderen hochqualifizierten Fachkräften. Dies wiederum beflügelte die amerikanische Wirtschaft, die in den Nachkriegsjahrzehnten eine der längsten Aufschwungphasen ihrer Geschichte erlebte. Laut dem international renommierten Wirtschaftswissenschaftler Peter Drucker kennzeichnete die GI-Bill sogar den Wandel zur Wissensgesellschaft. Der Bildungsaufstieg, den viele Kriegsheimkehrer mithilfe der GI-Bill schaffen konnten, wirkte nachhaltig fort: Bei ihren Kindern, der sogenannten Baby-Boom-Generation, stieg die Zahl der Studierenden noch weiter an. Während vor dem Krieg nur einer von 16 Amerikanern studierte, war es in den frühen 1970er-Jahren bereits einer von fünf. Darüber hinaus waren die Soldaten, die von der GI-Bill profitiert hatten, im weiteren Verlauf ihres Lebens besonders politisch und ehrenamtlich engagiert - so eine Studie der amerikanischen Politikwissenschaftlerin Suzanne Mettler - und wurden somit zu besonderen Stützen von Demokratie und Gesellschaft.

Mangelnde Chancengleichheit des deutschen Bildungssystems

Die deutsche Politik steht unter Druck, nicht noch neue Flüchtlinge anzuziehen, aber es sind nun einmal schon sehr viele hier, die lange bleiben werden. Viele von diesen Menschen sind jung und brauchen jetzt vor allem eines: gute Bildungschancen. In Deutschland müssen hierfür keine Studiengebühren aus dem Weg geräumt werden. Vielmehr geht es um strukturelle Investitionen in das Bildungssystem, die sowohl den jungen Geflüchteten nützen als auch allen anderen, die aufgrund ihrer Herkunft benachteiligt sind. Denn in Deutschland hängt der Bildungserfolg oft stark davon ab, aus was für einem Elternhaus man kommt. Diese mangelnde Chancengleichheit ist eine der größten Schwachstellen des deutschen Bildungssystems und bestand schon lange vor der Flüchtlingskrise. Der neue Nationale Bildungsbericht hat gerade eindringlich auf dieses anhaltende Problem hingewiesen. Dies wird nun verschärft. Denn nun kommen mehr junge Menschen in das Bildungssystem, die schlechtere Chancen haben als die meisten anderen, weil ihre Eltern sie nicht so gut unterstützen können, da sie eben gerade erst nach Deutschland geflohen sind. Um dies auszugleichen, braucht es nicht nur mehr Sprachkurse, sondern auch eine umfassende Stärkung der Institutionen der gesamten Bildungskette - Kitas, Schulen, Berufsschulen und Hochschulen sowie Berufsberatung und Weiterbildung. Dies hilft den Geflüchteten ebenso wie den Einheimischen. Zugleich hilft es der Industrie, dem Handwerk, der Pflege und allen anderen Branchen, die gut ausgebildete Menschen suchen.

„Ein Arbeitsplatz ist – in den Augen von Einheimischen genauso wie von Migranten – entscheidend für die Zugehörigkeit zur Gesellschaft."

Sebastian Gallander

Doch auch jenseits der formalen Bildungswege lassen sich neue Berufsperspektiven erschließen. Bei der GI-Bill konnten die heimkehrenden Soldaten statt der Bildungsförderung unter anderem auch einen günstigen Kredit bekommen, um eine eigene Firma zu gründen. Einen ähnlichen Vorschlag für die Geflüchteten in Deutschland hat die Robert-Bosch-Expertenkommission zur Flüchtlingspolitik vor Kurzem beim Bundespräsidenten vorgestellt.

Ob angestellt oder selbständig - wer Arbeit hat, belastet die Sozialsysteme nicht, sondern zahlt selbst Steuern, kauft mehr ein und kurbelt die Wirtschaft an. Und schließlich ist ein Arbeitsplatz - in den Augen von Einheimischen genauso wie von Migranten - entscheidend für die Zugehörigkeit zur Gesellschaft, so die aktuelle repräsentative Umfrage des Sachverständigenrates für Integration. Investitionen in die Menschen nützen also nicht nur den Betroffenen, sondern auch der Wirtschaft, dem Staat und der gesamten Gesellschaft. Deshalb ist es gut, dass Bund und Länder schon so viel Geld für die Integration bereitgestellt haben. Doch angesichts der Größe der Herausforderungen muss noch mehr getan werden - auch zur Verbesserung der Bildungs- und Arbeitsmarktchancen für die sozial Benachteiligten in Deutschland insgesamt.

Ein Investitionsprogramm in die Aufstiegschancen

Die amerikanische Nachkriegszeit lässt sich zwar nicht direkt mit unserer heutigen Situation vergleichen, aber sie hat doch gezeigt, dass sich eine solche Investition lohnt. Dabei waren dort damals die wirtschaftlichen Aussichten unsicher und die Staatskassen leer. Dennoch beschloss die Regierung die GI-Bill und, so der frühere US-Präsident Bill Clinton, legte damit das Fundament für die erfolgreichste Mittelschicht in der Geschichte. In Deutschland sind Wirtschaft und Staatsfinanzen heute so stark wie schon lange nicht mehr. Wenn es jemals den richtigen Zeitpunkt für ein Investitionsprogramm in die Aufstiegschancen gegeben hat, dann jetzt.

Urspünglich erschienen in der Süddeutschen Zeitung am 11.07.2016