Im Interview: Liz Hamburg

„Bei pro bono gibt es keine Standardlösungen.“

 

26.02.2015 | BMW Stiftung | Pro bono

Liz Hamburg ist Chefin der US-amerikanischen Taproot Foundation, die gemeinsam mit der BMW Stiftung zum 3rd Global Pro Bono Summit in Berlin eingeladen hat. Beide Stiftungen sind Pioniere der Pro-bono-Bewegung und wollen diese global vorantreiben.

Was bedeutet pro bono?

Pro bono ist lateinisch und bedeutet: für das Gemeinwohl. Im Gegensatz zum klassischen Ehrenamt unterstützen Fachkräfte gemeinnützige Stiftungen oder Nichtregierungsorganisationen mit ihren Kenntnissen und Fähigkeiten – und zwar freiwillig und ohne Rechnung. Wenn Sie ein Social-Media-Experte sind, sich mit Buchhaltung auskennen oder wissen, wie man professionell Veranstaltungen aufzieht – irgendwo gibt es mit Sicherheit eine gemeinnützige Organisation, die genau auf dieses Fachwissen dringend angewiesen ist. Und dadurch können Stiftungen und NGOs effektiver ihre Mission erfüllen, also drängende gesellschaftliche Probleme in Bereichen wie Gesundheit, Umwelt oder Bildung angehen.

Warum suchen Menschen außerhalb ihres Jobs nach Sinnerfüllung?

Obwohl viele Menschen ihre Arbeit befriedigend finden, erleben wir mehr und mehr, dass sie auch außerhalb ihres Joballtags etwas Sinnvolles tun möchten. Sie wollen der Gemeinschaft etwas zurückgeben und mit ihren Fähigkeiten etwas bewirken. Diese Erfahrung kann ein Schlüsselerlebnis sein und manchmal das ganze Leben verändern. Oft geht es weit über das Pro-bono-Engagement hinaus. Viele Experten helfen einer Organisation nicht nur einmalig auf die Sprünge, sondern landen auch langfristig im Beirat oder Kuratorium.

Wie stemmt man den freiwilligen Einsatz neben Job und Privatleben ohne Burn-out?

Natürlich passt pro bono nicht zu jeder Zeit in die Lebensplanung, das ist klar. Fest steht jedoch: Menschen schaffen sich Freiraum, wenn ihnen etwas wichtig ist und sinnvoll erscheint. Gerade Pro-bono-Engagement raubt nicht Zeit, es lädt vielmehr die Akkus wieder auf. Zudem sehen Fach- und Führungskräfte einmal, mit wie wenig Geld und beschränkten Mitteln Gemeinnützige auskommen müssen. Bei pro bono gibt es keine Standardlösung. Es gibt Freiwillige, die 1000 Stunden in den Dienst einer guten Sache gestellt haben. Und es gibt welche, die ein einstündiges Online-Coaching oder einen eintägigen Workshop machen.

Wer ist der typische Probonist?

Vor allem Vertreter der Generation Y, also jüngere Berufstätige, die nach Sinnerfüllung außerhalb ihres Jobs suchen. Aber auch Mütter, die wieder in den Beruf einsteigen oder Rentner, die sich weiterhin engagieren wollen. Pro bono öffnet neue Netzwerke und macht sich nicht zuletzt gut im Lebenslauf. Außerdem ist es eine tolle Chance, den Büroalltag hinter sich zu lassen. Denken Sie an eine Finanzanalystin, die jedes Quartal die gleichen Excel-Tabellen liest. Und dann plötzlich einer NGO dabei helfen kann, Nutzen und Risiken neuer Einnahmequellen abzuwägen. Oder ein Designer, der im Unternehmensalltag seit langem mit den gleichen drei Markenfarben arbeitet – und nun endlich mal wieder aus dem Vollen schöpfen kann.

Wo ist die Bewegung am stärksten?

Heutzutage noch in den USA, aber sie verbreitet sich rasend schnell über den Globus. Zum 3rd Global Pro Bono Summit in Berlin kommen Menschen aus 23 Nationen, um sich über ihre Erfahrungen auszutauschen. Nicht zuletzt durch die Vermittlungsplattform Proboneo wächst die Bewegung vor allem in Berlin und Deutschland.

Der amerikanische Pro-bono-Markt, also der Wert vermittelter Dienstleistungen, wird auf 15 Milliarden Dollar geschätzt.

In den USA hat das Ganze eine andere Dimension. Der NGO-Sektor ist hochentwickelt und spielt für alle sozialen Leistungen eine entscheidende Rolle. Freiwilliges Engagement ist in den Vereinigten Staaten sehr populär. Außerdem gibt es eine lange Pro-bono-Tradition im juristischen Bereich. Die Taproot Stiftung hat sich davon inspirieren lassen. Wir arbeiten seit 14 Jahren kontinuierlich daran, diese Tradition auch außerhalb des Rechtswesens zu etablieren. Mich macht es stolz zu sehen, dass andere Länder so schnell aufschließen und unsere Vision global Wirklichkeit werden lassen.

Wo liegen die größten Unterschiede zwischen Deutschland und den USA?

Es fängt schon damit an, dass der Begriff pro bono in den Vereinigten Staaten viel bekannter ist. Der Pro-bono-Markt in den USA ist besser ausgeleuchtet und es gibt verlässlichere Daten über Angebot und Nachfrage. Proboneo, Startsocial und UPJ gehören zu den erfolgreichen Intermediären in Deutschland, und sie haben gerade erst begonnen. Eine Studie der Consulting-Firma OC&C aus dem Jahr 2013 schätzt den potenziellen Markt für Pro-bono-Dienstleistungen in Deutschland auf 520 Millionen Euro.

Ist ein Pro-bono-Programm für Konzerne in den USA inzwischen obligatorisch?

Es ist mit Sicherheit nicht obligatorisch, aber wir halten es für äußerst sinnvoll. Viele Personaler sehen pro bono als hervorragendes Instrument, um ihre vielversprechendsten Führungskräfte zu fördern und Talente zu rekrutieren. Pro-bono-Programme sind im Wettbewerb um die besten Leute ein echter Bonus. Einer Umfrage zufolge schätzen 70 Prozent der Mitarbeiter ihr Unternehmen mehr aufgrund ihrer Erfahrungen mit pro bono („The Dollar Valuation for Pro Bono Service“, CECP & Taproot Foundation, 2009).

Zum 3rd Global Pro Bono Summit kommen Pro-bono-Vermittler unter anderem aus Saudi-Arabien, Ägypten und Süd-Korea. Was haben sie gemeinsam, was trennt sie?

Wir haben alle mehr gemeinsam als uns trennt. Die Teilnehmer eint vor allem der unternehmerische Spirit, engagierte Fach- und Führungskräfte mit gemeinnützigen Organisationen zusammenzubringen. Sie glauben fest daran, dass Bürger, die ihre professionelle Expertise spenden, eine gewaltige Wirkung entfalten können, wenn es um die gesellschaftlichen Probleme eines Landes geht. Dabei gibt es natürlich kulturelle Unterschiede, verschiedene Sozial- und Wirtschaftssysteme und ein vielfältiges Verständnis von bürgerschaftlichem Engagement.

Interview: Maja Heinrich