Im Interview: Rahul Chawla

„Responsible Leadership ist eng mit persönlicher Weiterentwicklung verbunden“

 

17.06.2016 | BMW Stiftung | Responsible Leadership

„Aus indischer Sicht kommt es auf eine kritische Masse an.“ Rahul Chawla, Chapter Head des Responsible-Leaders-Netzwerks in Indien, über die Erweiterung des Chapters, herausragende Eigenschaften des Netzwerks der BMW Stiftung sowie die gesellschaftlichen Herausforderungen in der größten Demokratie der Welt.

Wie Rahul Chawla ein Responsible Leader wurde

Seit dem indisch-deutschen Young-Leaders-Forum in Bayern (Gut Ising) im Jahr 2006 gehört Rahul zum Responsible-Leaders-Netzwerk der BMW Stiftung. Er hat danach am indisch-deutschen Young-Leaders-Forum in Mumbai im Jahr 2008, an zwei World-Responsible-Leaders-Foren (Mumbai und Peking) sowie dem 1st Berlin Global Forum 2015 teilgenommen. Bereits in der Studienzeit verkaufte er T-Shirts – und machte seitdem eine Karriere als Produzent von Kleidung für globale Einzelhändler. Als Rahul sein eigenes Haus einrichtete, suchte er nach ganz besonderen Designs – erfolglos. Deshalb gründete er vor vier Jahren kurzehand selbst ein Unternehmen, das Luxusmöbel herstellt. Rahul war im landesweiten Vorstand der CII Young Indians und Vorsitzender des Delhi Chapters. Die Young Indians gehören zur Confederation of Indian Industry (CII).


Wie groß ist das indische Chapter, woher stammen die Responsible Leaders und welchen beruflichen Hintergrund haben sie?

Wir sind etwa 80 Leute. Die meisten Mitglieder kenne ich persönlich. Wir gehörten früher alle anderen Foren an wie den Young Indians der Confederation of Indian Industry (CII), einer Organisation, mit der die BMW Stiftung schon in der Vergangenheit zusammengearbeitet hat. Etwa 70 Prozent unserer Mitglieder sind Unternehmer, aber es gibt auch einige Anwälte und Politiker. Die meisten stammen aus Mumbai, Pune, Chennai und Delhi, wo das Chapter seinen Sitz hat.

Im Großraum New Delhi leben über 21 Millionen Menschen. Das indische Chapter zählt 80 Mitglieder. Was kann eine so kleine Gruppe bewegen?

Das Chapter wird wachsen – das steht außer Frage. Aber 80 Mitglieder sind ein Anfang. Die Zahl der Menschen, die gesellschaftliche Veränderungen vorantreiben, muss nicht zwingend groß sein. Fünf Leute können sehr viel bewirken. Es kommt nicht auf die schiere Menge an. Aus indischer Sicht geht es aber natürlich darum, eine kritische Masse zu haben. In Delhi und Mumbai sollten wir jeweils mindestens über 100 Mitglieder haben und weitere Hundert in anderen Städten. Das ist mein Ziel.

Das klingt, als hättest Du jede Menge zu tun.

Ich versuche einen Vorstand aufzubauen, damit ich Kommunikationsaufgaben und die Ausbaustrategie auf weitere Schultern verteilen kann. Wir schauen uns potenzielle Kandidaten für das Chapter an und holen sie als Mitglieder des Chapters an Bord. Was künftige Foren und Veranstaltungen der BMW Stiftung betrifft, werden wir dann auch Teilnehmer empfehlen.

Netzwerke für Führungspersönlichkeiten gibt es viele. Was macht das Responsible-Leaders-Netzwerk der BMW Stiftung so besonders?

Die Werte, die wir mit der BMW Stiftung teilen. Ich kenne viele weltweit agierende Organisationen und Netzwerke, die jedoch ganz andere Anreize bieten. Nur wenige - wenn überhaupt - bieten die Möglichkeit, einen wichtigen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten, sich global zu vernetzen, sich selbst weiterzuentwickeln und das ganz persönliche Potenzial zu entfalten. Und das Ganze mit einer Menge Spaß! Die BMW Stiftung zwingt niemanden irgendetwas zu tun. Responsible Leadership ist eng mit persönlicher Weiterentwicklung verbunden und gegenseitigem Austausch.

Das Besondere ist die Verknüpfung eines weltweiten Netzwerks mit dem gemeinsamen Ziel, die Gesellschaft zu verändern. Es geht nicht um Jobs oder darum, das eigene Unternehmen voranzubringen, wie dies oft bei anderen Netzwerken der Fall ist. Auf der anderen Seite liegt darin auch eine gewisse Herausforderung: Wir müssen neue Mitglieder finden, die genauso denken. Leute, die nicht zuerst fragen: Was springt für mich dabei heraus? Wie kann mein Unternehmen davon profitieren?

Es geht also mehr um die gemeinsame Anstrengung als das eigene kleine Ego …

Genau! Beim Networking geht es nicht darum, Geld zu verdienen oder Small-Talk zu betreiben. Es geht darum, etwas gemeinsam zu erleben und sich weiterzuentwickeln. Außerdem steigt die persönliche Reputation, weil die BMW Stiftung eine tolle Marke ist. Andere Menschen merken, dass man ein wenig anders tickt. Auch das gehört dazu, wenn man dem Responsible-Leaders-Netzwerk angehört.

Was sind die größten Herausforderungen, vor denen Du derzeit stehst?

Ich denke viel darüber nach, wie wir alle Mitglieder dauerhaft einbinden können. Das braucht Zeit, Geld und Innovationen. Wenn man Menschen ein Zusammengehörigkeitsgefühl vermitteln will, gehört eine gewisse Disziplin dazu wie auch gute Kommunikationsfähigkeiten. Die Größe unseres Landes ist ein weiteres Problem, obwohl Delhi und Mumbai per Flugzeug sehr gut aus allen Teilen Indiens erreichbar sind. Doch wenn man Leute dabeihaben will, die für die Regierung arbeiten, ist Delhi der richtige Ort.

Was sind die drängendsten sozialen Probleme in Indien, die das Chapter angehen soll?

Angesichts der Größe des Landes gibt es unzählige soziale Probleme, aber meiner Meinung nach steht Bildung an erster Stelle. Auch Umweltverschmutzung ist in den Großstädten ein Riesenthema. Armut hat in Indien immer eine Rolle gespielt. Diesen Herausforderungen kann man sich direkt stellen. Aber es gibt noch ein eher unterschwelliges Problem und zwar die aufgezwängte Intoleranz gegenüber Religionen und Kasten sowie die mangelnde Meinungsfreiheit. Das ist allerdings eine neuere Entwicklung, die wir nicht zum Thema des BMW Foundation Responsible-Leaders-Netzwerks machen sollten. Denn auch diese Phase wird vorübergehen, das kennen wir aus der Vergangenheit. Aber klar ist: Das sind nicht wir! Indien ist die größte Demokratie der Welt und eine frei denkende Gesellschaft.

Interview: Maja Heinrich