Im Interview: Samantha Lee

„Man lernt ständig neu dazu“

 

11.03.2016 | BMW Stiftung | Pro bono und Engagement

Mit dem 4th Global Pro Bono Summit in Singapur wollen wir die Bewegung in Asien stärken und die Chancen sektorenübergreifender Zusammenarbeit ausloten. Unterstützt werden wir dabei von unserem lokalen Partner Conjunct Consulting, der viel Erfahrung in der Zusammenarbeit mit Politik und Verwaltung hat. Samantha Lee ist Geschäftsführerin der Organisation.

Der diesjährige Summit findet zum ersten Mal in Asien statt – und zwar in Singapur, einem der wohlhabendsten Länder der Welt. Was sind die ganz eigenen Herausforderungen für die Pro-bono-Bewegung in Singapur?

In Singapur ist das Interesse, sich pro bono zu engagieren, unglaublich groß. Allein auf LinkedIn haben 39.235 in Singapur lebende Fach- und Führungskräfte signalisiert, dass sie ihre Kompetenzen gern pro bono zur Verfügung stellen würden. Angesichts der Tatsache, dass es in Singapur nur ca. 2000 gemeinnützige Organisationen gibt, entfallen damit auf jede Nonprofit-Organisation ungefähr 20 Freiwillige! Wir haben also eigentlich keinen Grund uns zu beschweren, aber eine von uns Ende letzten Jahres durchgeführte Umfrage hat ergeben, dass die größte Herausforderung für Nonprofits darin besteht, Freiwillige mit der für sie relevanten Expertise zu finden und ihre eigenen Bedürfnisse sowie die Rolle der Freiwilligen erst einmal klar zu definieren. Das heißt, dass auf der einen Seite zwar ein enormes Interesse daran besteht, sich pro bono zu engagieren, auf der anderen Seite aber noch viel getan werden muss, um die Freiwilligen an die richtigen Stellen zu vermitteln und dem sozialen Sektor beizubringen, wie sie sich dort am besten einsetzen lassen.

Singapur ist ein kleines Land mit nur fünf Millionen Einwohnern, aber einem rapide wachsenden Pro-Bono-Markt. Wie erklären Sie sich diese Entwicklung?

Die Entwicklung bekommt von beiden Seiten des Ökosystems Auftrieb. Zum einen kommen immer mehr Leute zu uns, die ihre Kompetenzen unentgeltlich zur Verfügung stellen wollen – was uns ein rasches, aber organisches Wachstum ermöglicht hat. Zum anderen wird diese Entwicklung in jüngster Zeit aber auch auf nationaler Ebene vorangetrieben, das heißt, die Regierung setzt sich aktiv für die Pro-bono-Bewegung ein. Meiner Meinung nach muss aber noch viel mehr getan werden, um die hier ansässigen Firmen davon zu überzeugen, dass es sich für sie lohnt, in ein gut strukturiertes Pro-bono-Programm zu investieren. Bis pro bono für Firmen und Unternehmen die Norm geworden ist, ist es noch ein weiter Weg! Was die Nonprofit-Seite angeht, ist Conjunct Consulting derzeit vor allem damit beschäftigt, die Projekte to prüfen, Freiwillige zu schulen und zu vermitteln und das Projektmanagement für die Nonprofits zu übernehmen – sodass wir im Prinzip wie eine Art Beratungsunternehmen im sozialen Sektor agieren. Wir haben herausgefunden, wie wichtig es ist, dass am Ende für alle Beteiligten ein tolles Ergebnis herauskommt – aber wenn ich mir etwas wünschen dürfte, dann wäre das, dass mehr Nonprofits im Sinne von Capacity Building lernen, ihre Bedürfnisse zu definieren, Freiwillige zu werben und die Zusammenarbeit mit ihnen effektiver zu managen.

Wo ist der größte Bedarf bei gemeinnützigen Organisationen in Ihrer Region? Welche professionellen Kompetenzen werden von den Freiwilligen angeboten? Und welche Projektvermittlungen bereiten Ihnen die meisten Schwierigkeiten?

Der größte Bedarf von Nonprofits in Singapur ist in den drei Bereichen Marketing und Kommunikation, IT und Fundraising. Die drei Kompetenzen, die von Fachkräften am häufigsten angeboten werden, sind Strategiemanagement, Führungs- und Personalentwicklung, und Marketing und Kommunikation. Die schwierigsten Projekte sind immer diejenigen, die eine Technikkomponente beinhalten, das heißt, wir haben entweder eine Gruppe von Freiwilligen mit sehr speziellen Kompetenzen oder aber wir haben einen technischen Bedarf – Beispiel: Neugestaltung der Website –, und nicht genug Freiwillige mit den entsprechenden Kompetenzen.

Mit welchen Herausforderungen sehen Sie sich während des Vermittlungsprozesses konfrontiert? Wer ist leichter zu begeistern – die freiwilligen Fachkräfte oder die NGOs? Und was sind die Gründe dafür?

Bei Conjunct Consulting legen wir großen Wert darauf, auf beiden Seiten die richtigen Leute zusammenzubringen. Wir interviewen alle Freiwilligen, die bei uns Mitglied werden wollen – zum einen natürlich, um ihre Kompetenzen und ihr zeitliches Engagement einschätzen zu können, aber auch weil wir wissen möchten, was sie sich von der Erfahrung erhoffen und welche Motivation dahintersteckt. Gleichzeitig haben wir auch für die Nonprofits, mit denen wir zusammenarbeiten, einen strukturierten Bedarfsanalyse-Prozess, der es uns erlaubt, nicht nur deren spezifische Bedürfnisse zu identifizieren, sondern auch zu verstehen, wie das Pro-bono-Projekt in die langfristigen Ziele der gemeinnützigen Organisation passt bzw. ob damit das Problem auch wirklich an der Wurzel angepackt wird. Im Grunde wollen wir sicherstellen, dass durch unsere Vermittlungen am Ende sowohl für die Nonprofit-Organisation als auch für die ehrenamtlichen Fachkräfte die beste Wirkung herauskommt; angesichts der Tatsache, dass die verschiedenen Faktoren immer wieder variieren oder in verschiedenen Konstellationen auftreten, kann es manchmal ziemlich schwierig sein, die richtigen Verbindungen herzustellen. Dass wir das gut hinkriegen, verdanken wir auch unserem großen Netzwerk an Nonprofits und Freiwilligen.

Conjunct Consulting ist von der singapurischen Regierung anerkannt und hat bereits mehrere Auszeichnungen erhalten. Im Vergleich zu Ländern wie Deutschland oder den Vereinigten Staaten gibt es in Singapur sehr viel Unterstützung vonseiten der Regierung für die Pro-bono-Bewegung. Wie kommt das?

Singapur hat vor kurzem sein 50-jähriges Bestehen gefeiert und da wir eine noch recht junge Nation sind, versucht die Regierung darauf einzuwirken, dass sich die Menschen als Teil der Gemeinschaft und für diese verantwortlich fühlen. Pro bono hat daran einen großen Anteil – denn wenn man schon ca. 90.000 Stunden seines Lebens damit zubringt, seine beruflichen Fähigkeiten immer weiter auszubauen und zu verbessern, dann gibt es doch keinen besseren Weg, einen Beitrag zur Gemeinschaft zu leisten als diese Fähigkeiten in den Dienst einer guten Sache zu stellen, oder?

Welche Erwartungen haben Sie an den Summit – vor allem, da er ja bei Ihnen zu Hause stattfindet? Was würde den Summit für Ihre Organisation und für Ihr Land zu einem großen Erfolg machen?

Für uns ist der Summit eine großartige Möglichkeit, um mit neuen Leuten und Organisationen über die Vorteile von pro bono ins Gespräch zu kommen. Es ist ein fantastischer Anlass, all die unterschiedlichen Akteure der Pro-bono-Szene zusammenzubringen und mit ihnen darüber zu diskutieren, was wir bereits gut machen und was wir noch besser machen können. Wenn wir gemeinsam verstehen, dass man für die Förderung von pro bono einen langen Atem braucht, dass es keine Patentlösungen oder schnellen Antworten gibt, und dass es nur funktionieren wird, wenn wir beständig wachsen und uns auf diesem Weg gegenseitig unterstützen, dann wäre das aus meiner Sicht ein Riesenerfolg für mein Land und meine Organisation.

Natürlich wäre es auch ein Riesenerfolg, wenn ich es schaffen würde, mehr Global Fellows für Chilli Crab zu begeistern!

Inwiefern kann ein globales Netzwerk eine nationale Organisation wie Conjunct Consulting unterstützen?

Conjunct Consulting hat durch das globale Netzwerk ungeheuer viel profitiert, vor allem konnten wir dadurch herausfinden, welche neuen Modelle sich im singapurischen Kontext adaptieren lassen könnten. Man lernt ständig neu dazu, und es ist immer wieder toll, sich mit anderen Organisationen auszutauschen, die Verständnis für unsere Herausforderungen haben und unsere Leidenschaft für pro bono teilen.

Welche Kontakte haben Sie als Mitglied des Global Pro Bono Network bisher geknüpft – und welche soziale Wirkung konnten Sie damit erzielen?

Antoine (Pro Bono Lab) und Joel (Taproot Foundation) standen uns vor allem in der Anfangszeit als großartige Berater zur Seite. Auch die Zusammenarbeit mit den Asia Pro Bono Fellows war fantastisch, und die Kooperation mit Yan Peng und Susie (Huizeren), Ikuma (Service Grant Japan), Shalabh (iVolunteer) und Ada (Thai Young Philanthropist Network) bei der Durchführung und Veröffentlichung einer regionalen Umfrage über Pro-bono-Trends in Asien war für alle Beteiligten sehr erfolgreich.

Sie werden auf dem Summit vermutlich einige Organisationen kennenlernen, die in ihren jeweiligen Ländern gerade erst dabei sind, die ersten Programme aufzubauen. Welchen Rat haben Sie für diese Organisationen?

Indem wir von denen gelernt haben, die den Weg schon vor uns gegangen sind, konnten wir schneller wachsen als das sonst möglich gewesen wäre. Abgesehen davon ist mein Rat sehr einfach – setzt euch hohe Ziele, seid fleißig und gebt nicht auf!

Interview: Maja Heinrich