“Die interessantesten Innovationen haben mit Nachhaltigkeit zu tun“

Tasso Azevedo über die Olympiade von Rio und seinen Kampf gegen den Klimawandel

 

27.09.2016 | BMW Stiftung | Responsible Leadership

Tasso Azevedo hat als erster Generaldirektor der brasilianischen Forstverwaltung und Architekt des Amazon Fund - einem Fonds zur Reduzierung von Emmissionen durch Entwaldung – nachhaltig dazu beigetragen, die Regenwaldabholzung in seiner Heimat zu reduzieren. Inzwischen hat sich der Responsible Leader dem globalen Kampf gegen den Klimawandel verschrieben und das Thema auf die Agenda der Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele in Rio gesetzt.

Lassen die Spiele von Rio in Zukunft auf nachhaltige und umweltfreundliche Olympische und Paralympische Spiele hoffen?

Seit Sydney 2000 rückt die Nachhaltigkeit der Spiele immer stärker in den Fokus. In Rio war es nun ein wesentlicher Teil des ganzen Projekts: Von der Wahl der Materialien bis hin zur Auswahl der Dienstleister – Nachhaltigkeit war stets ein wichtiges Kriterium. Das Gros der neu geschaffenen Infrastruktur wie z.B. Züge, Bahnen und Fahrradwege werden bleiben und den Menschen zugute kommen. Der CO2-Fußabdruck der Spiele wurde gemessen und niedrig gehalten – selbst im Bereich des Catering. Viele Ausrüstungsgegenstände, wie zum Beispiel Computer, gehen als Spende an brasilianische NGOs und soziale Organisationen. Das ist die positive Seite. Leider wurde aber auch eins der Hauptversprechen der Kampagne nicht erfüllt: die Bucht von Rio zu säubern. Dennoch würde ich sagen, dass die Spiele in Sachen Nachhaltigkeit und Veränderungen für die Stadt ein extrem positives Vermächtnis hinterlassen.

Auch was die Kosten angeht?

Es lässt sich schwer einschätzen, ob die Kosten der Spiele im Verhältnis stehen zum Nutzen für die Bevölkerung. Aber um die Dinge in die richtige Perspektive zu rücken, sollte man sich vergegenwärtigen, dass die Gesamtinvestitionen in die Olympischen Spiele geringer sind als die Kosten, die einige Tage Krieg auf der Welt verursachen.

In der Eröffnungszeremonie spielte Nachhaltigkeit eine deutlich sichtbare Rolle: Siehst du das im Nachhinein als einen rein symbolischen Akt im Rahmen einer glamourösen Eröffnungsfeier?

Das Budget für die Eröffnungsfeier betrug lediglich zehn Prozent der Summe, die London vor vier Jahren zur Verfügung hatte. Deshalb mussten wir sehr kreativ sein! Und das war gut so. Aus meiner Sicht ist die Wirkung eindeutig: Noch nie in der Geschichte wurden so viele Menschen bei einer einzigen Veranstaltung mit den Folgen des Klimawandels und dem Thema Nachhaltigkeit konfrontiert. In der Eröffnungsshow ging es nicht darum zu zeigen, wie toll Brasilien ist – wir wollten zeigen, dass es etwas Größeres gibt als Brasilien: uns alle! Ich bin gespannt zu sehen, ob Tokio, der Gastgeber der nächsten Spiele, darauf aufbauen und vielleicht noch weiter gehen wird.

Noch nie in der Geschichte wurden so viele Menschen bei einer einzigen Veranstaltung mit den Folgen des Klimawandels und dem Thema Nachhaltigkeit konfrontiert.

Tasso Azevedo

Als erster Generaldirektor der Nationalen Forstverwaltung Brasiliens hast du mit dafür gesorgt, die Entwaldung des Amazonas stark zu reduzieren und damit ein Zeichen gesetzt, was im Kampf gegen die Treibhausgasemissionen möglich ist. Den Klimawandel global zu bekämpfen ist trotzdem noch mal eine andere Geschichte.

Auch die Entwaldung ist ein globales Problem. Schützt man den Amazonas, dann schützt man das Klima des gesamten Planeten. Um den Klimawandel anzugehen, müssen wir alle ein ähnliches mind set haben. Wir müssen uns einig sein, wohin die Reise der Menscheit geht – fest steht, dass wir zum Beispiel die Entwaldung in den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren stoppen müssen. Wenn man weiß, dass alle an einem Strang ziehen, ist es viel einfacher, seinen Teil dazu beizutragen. Dann kann man die nötigen Investitionen tätigen und die richtigen Entscheidungen treffen. Nach der UN-Klimakonferenz in Paris und dem G20-Gipfel in Hangzhou ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass die Mehrheit der Menschen in dieselbe Richtung geht.

Deshalb war es ja so wichtig, diese Botschaft bei der Eröffnung der Olympischen Spiele auf die Agenda zu setzen. Das wäre vor ein paar Jahren noch unmöglich gewesen. Bei den Proben war das Internationale Olympische Komitee skeptisch, überhaupt etwas Politisches in die Zeremonie einzubauen. Aber unser Argument lautete: Das ist seit Jahren die wichtigste Vereinbarung für die globale Gemeinschaft, der Generalsekretär der UNO wird im Stadion sein. Es ist keine politische Agenda, sondern eine humanitäre Agenda!

Viele Menschen sehen nur die negativen Aspekte der globalen Erwärmung – oder stecken den Kopf in den Sand. Du scheinst einen positiveren Ansatz zu verfolgen. Was gibt dir die Hoffnung, dass wir das Zwei-Grad-Ziel noch erreichen können?

Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit; uns bleibt immer weniger Zeit, um das Problem zu lösen. Aber genau deshalb glaube ich, dass der Wandel in den nächsten vier, fünf Jahren rasant an Fahrt aufnehmen wird. Sobald wir alle am selben Strang ziehen, lautet die Frage: „Wer macht die schnellsten Fortschritte?“ Nicht mehr: Wer ist schlau genug, etwas gegen den Klimawandel zu unternehmen? Oder: Wer ist am besten darin, so zu tun, als hätte er keine Auswirkungen?

Für dich ist der Klimawandel also auch ein Innovationstreiber?

Die erfolgreichen Unternehmer unserer Zeit beschäftigt doch vor allem eine Frage: Wie können wir das fossile Zeitalter überwinden? Die derzeit interessantesten Innovationen haben fast alle mit Nachhaltigkeit zu tun – sie sollen das Leben der Menschen und die Umwelt verbessern. Die Haupttreiber für Innovation sind nicht mehr Kriege, Gebietskämpfe oder Geld – sondern wie wir besser mit der Wirtschaft, dem Planeten und miteinander umgehen. Ein Beispiel dafür ist der Paradigmenwandel im Verkehr. In zwanzig Jahren wird kein Mensch mehr ein Auto oder einen Lastwagen kaufen, der nicht elektrisch fährt. Autos sind dann nicht mehr nur Beförderungsmittel, sie werden mit dem Internet verbunden sein und selbstständig funktionieren. Außerdem werden viele Leute zu dem Schluss kommen, dass sie überhaupt kein Auto besitzen müssen, weil es Car-Sharing-Dienste gibt. All das ist ja bereits im Gange.

Die Haupttreiber für Innovation sind nicht mehr Kriege, Gebietskämpfe oder Geld – sondern wie wir besser mit der Wirtschaft, dem Planeten und miteinander umgehen.

Tasso Azevedo

Welche Rolle können NGOs und Netzwerke wie das Responsible-Leaders-Netzwerk der BMW Stiftung bei der Lösung globaler Probleme spielen?

Unser Job ist es, voranzugehen und die Argumente auf den Tisch zu legen, warum diese Veränderungen nötig sind: wir müssen das Problem und die Konsequenzen aufzeigen – und dann einen Lösungsweg vorschlagen. Es ist nicht an uns zu sagen: Mach das nicht! Sondern: So kannst du es besser machen! Die Commitment Pitches beim 5th World Responsible Leaders Forum waren ein perfektes Beispiel dafür.

Warum?

Die Mitglieder unseres Netzwerks haben nicht nur eine Herausforderung, sondern auch gleich mögliche Lösungen präsentiert – und um direkte Unterstützung bei den anderen Responsible Leaders gebeten. Mit Netzwerken wie diesem lassen sich Menschen, die ein Problem identifizieren, und Menschen, die dafür Lösungen sehen, schneller zusammenbringen. Und sie können dabei sogar die Wirtschaft ankurbeln. Wie bei der Akupunktur muss man nur die richtigen Stellen kennen – und dann die Nadel setzen.

Interview: Maja Heinrich.