Im Interview: Tomás de Lara

„Rio de Janeiro ist in allen Bereichen herausgefordert“

 

23.06.2016 | BMW Stiftung | Social Entrepreneurship

Rio+B unterstützt Unternehmen, die sich ihrer gesellschaftlichen und ökologischen Wirkung für die Metropolregion Rio de Janeiro, Gastgeberin der Olympischen Spiele 2016, bewusst werden wollen. Die Hintergründe dieser Initiative, an der auch die BMW Stiftung mitwirkt, erklärt Tomás de Lara von Sistema B Brasilien. Rio+B startet am 24. Juni.

Die ganze Welt wird im August anlässlich der Olympischen Spiele auf Rio de Janeiro schauen. War das mit ein Grund, warum du zusammen mit der Stadtverwaltung das Projekt Rio+B initiiert hast?

Klar. Die Olympischen Spiele sind die größte Veranstaltung der Welt und haben eine riesige wirtschaftliche, gesellschaftliche und ökologische Wirkung, sowohl im Positiven als auch im Negativen. Rio de Janeiro ist in allen Bereichen herausgefordert, und es ist Aufgabe der Stadtverwaltung sicherzustellen, dass die Anstrengungen und das Kapital, das in die Olympischen Spiele fließt, sich letztendlich als positiv für die Einwohner von Rio erweisen. Wir von Sistema B begreifen diese Herausforderung als Chance und haben, inspiriert von der Best for NYC-Initiative des B Lab, der Resilienz-Abteilung der Stadt das Projekt Rio+B vorgeschlagen. Das Projekt will Rios privaten Sektor dazu bringen, seine gesellschaftliche und ökologische Wirkung selbst zu evaluieren. Mit der Teilnahme an dem Programm verpflichten sich die Unternehmen dazu, sich und ihre Arbeitsweise zu verbessern, zum Wohle der Bürger und der Umwelt, und somit dazu beizutragen, dass die Olympischen Spiele langfristig eine positive Wirkung haben werden.

Die BMW Stiftung ist bei diesem Projekt als Partner von Sistema B aktiv. Welche Rolle spielen beide Organisationen dabei?

Die BMW Stiftung und Sistema B arbeiten in Brasilien seit fast drei Jahren zusammen. Rio+B ist das Resultat dieser engen Kooperation zwischen den beiden Organisationen. Die BMW Stiftung und ihre Aktivitäten im Bereich Venture Philanthropy spielen eine zentrale Rolle, indem dadurch wichtige Aktivposten und strategische Schlüsselpartner eingebracht werden, die das Projekt zu dem gemacht haben, was es ist.


Rio+B will Unternehmen in Rio de Janeiro dazu ermutigen, ihre gesellschaftliche und ökologische Wirkung zu verbessern. Steht dieses Thema bei ihnen denn schon auf der Agenda?

Noch nicht. Die meisten Unternehmen in Rio und in Brasilien arbeiten noch immer nach dem Grundsatz der Profitmaximierung, ohne ein wirkliches Verständnis dafür zu haben, wie sich ihr Wirtschaften auf Gesellschaft und Umwelt auswirkt. Es gibt aber bereits einige Firmen – die meisten davon sind noch recht klein –, bei denen eine positive Agenda Teil ihrer DNA ist. Die inspirierenden Geschäftsmodelle dieser jungen Unternehmen dienen den großen Firmen als Referenzpunkt, und darum ist es auch eines der Hauptziele von Rio+B, kleine und innovative Sozialunternehmen mit alteingesessenen Konzernen zusammenzubringen, die langsam verstehen, dass sie ihre Arbeitsweise verbessern müssen.

Wie viele Firmen nehmen an dem Projekt teil, und wie groß sind diese Firmen?

Abgesehen von der Stadtverwaltung haben wir Partnerschaftsvereinbarungen mit den relevantesten Wirtschaftsentwicklungsbehörden in Rio abgeschlossen, die sich dazu verpflichtet haben, ihre Mitglieder zur Teilnahme an Rio+B einzuladen und sie für das Projekt zu gewinnen. Alles in allem können diese Behörden auf ein Netzwerk von über 15.000 Firmen zugreifen, von den größten Unternehmen des Landes bis hin zu mittelständischen und kleinen Betrieben. Wir werden im Kommunikationsbereich unser Bestes tun und die Kanäle des Rathauses nutzen, um so viele wie möglich von diesen Firmen zu erreichen. Wir hoffen, dass wir ca. 2 bis 3 Prozent dieses Ökosystems (womöglich also um die 450 Unternehmen) für die Teilnahme an Rio+B gewinnen können.

In einer ersten Phase ist geplant, dass die teilnehmenden Firmen ihre derzeitige gesellschaftliche und ökologische Wirkung evaluieren. Mit welchen Parametern und Instrumenten geschieht das?

Wir werden dazu zwei Instrumente nutzen: das "Quick Impact Assessment" von B Lab und die „Circularity Indicators“, die von der Ellen MacArthur Foundation entwickelt wurden. Das Quick Impact Assessment ist ein kostenloses Online-Tool, das bereits von über 40.000 Firmen in mehr als 50 Ländern benutzt und getestet wurde. Firmenchefs werden durch eine Reihe von Fragen geleitet, damit sie verstehen, wo sie etwas besser machen können - besser für die Arbeiter, für das gesellschaftliche Umfeld und für die Umwelt.

Wie kann verhindert werden, dass Firmen, die bei der Evaluation schlecht abschneiden, schlechte Presse bekommen?

Datenschutz ist ein großes Anliegen für Rio+B. Alle Informationen der teilnehmenden Firmen sind geschützt und bleiben Eigentum der jeweiligen Firmen. Wenn wir Informationen veröffentlichen, dann nur anonym. Unter keinen Umständen wird Rio+B Informationen über einzelne Firmen freigeben, wir werden nur Gesamtergebnisse publik machen.

In einem zweiten Schritt werden ausgewählte Firmen eingeladen, einen Plan zur Verbesserung zu entwickeln. Wozu müssen sie sich verpflichten?

Für die zweite Phase des Projekts, Laboratorio Rio+B (Rio+B-Lab), wählen die strategischen Partner von Rio+B verschiedene Firmen nach Größe, Branche und Lage aus: Sie werden gebeten, eine Vereinbarung zu unterschreiben, wonach die Firmen eine Person bestimmen müssen, die an mindestens 3 Workshops teilnimmt. In diesen Treffen mit Nachhaltigkeitsexperten aus unterschiedlichen Organisationen soll kooperatives Arbeiten gefördert werden, damit die teilnehmenden Unternehmen gemeinsam ihre Geschäftspraktiken zum Besseren verändern können.

Wie lässt sich sicherstellen, dass diese Verpflichtungen auch umgesetzt werden und langfristig Wirkung zeigen?

Um sicherzugehen, dass die Verbesserungen auch tatsächlich implementiert werden, ist in einem anderen Teil der oben erwähnten schriftlichen Vereinbarung festgelegt, dass sich die Firmen sechs Monate nach der ersten Evaluation erneut einer Evaluierung unterziehen müssen, um aufzuzeigen, dass die geplanten Veränderungen praktiziert werden und effektiv sind.

Was sind deiner Meinung nach die größten Herausforderungen für den privaten Sektor?

Brasilien befindet sich mitten in einer großen Wirtschaftskrise, viele Unternehmen kämpfen um ihr Überleben, daher wird es die größte Herausforderung für die Unternehmen sein, diese gesellschaftliche und ökologische Herausforderung als Chance anzusehen – etwas, was sie nicht nur nichts kostet, sondern sogar neue Einnahmen generieren kann. In der B-Corps-Bewegung gibt es weltweit viele großartige Beispiele von innovativen Geschäftsmodellen, die die gesellschaftlichen und ökologischen Herausforderungen auf positive Weise angehen und damit Gewinn erwirtschaften. B-Corps-Unternehmen aus ganz Brasilien werden den teilnehmenden Firmen mit Rat und Tat zur Seite stehen, wenn es darum geht, wie man negative äußere Umstände als wirtschaftliche Chance begreifen kann.

Glaubst du, dass das Projekt auch als Vorbild für andere Städte in Lateinamerika dienen kann?

Unbedingt. Tatsächlich haben wir bereits mit entscheidenden Personen in der Regierung, in Entwicklungsbehörden, Firmen und bei Sistema B International in Mendoza (Argentinien), Medellín (Kolumbien) und Santiago (Chile) gesprochen, die sich dafür einsetzen wollen, das Stadt+B-Modell auch in ihren Städten aufzulegen. Falls Rio+B erfolgreich ist, wird es definitiv andere Initiativen in lateinamerikanischen Städten nach sich ziehen. Damit diese Initiative, die davon überzeugt ist, dass gutes Wirtschaft auch für die Städte gut ist, wachsen kann, wird die Unterstützung durch die BMW Stiftung unverzichtbar sein.

Interview: Nora Scholz