Marktforscher ins Ministerium

Dänemark als Vorbild für die neue deutsche Bundesregierung

 

11.10.2013 | Sebastian Gallander | Innovation

In diesen Tagen verhandeln die möglichen Koalitionspartner in Berlin ihr Regierungsprogramm: mit besten Intentionen, aber möglicherweise zu weit weg vom Leben der Menschen. In Dänemark testen drei Ministerien ihre Pläne vorab in einem Innovationslabor. Sebastian Gallander empfiehlt der neuen Regierung, sich das MindLab genauer anzusehen. 

Das MindLab geht an die Politikplanung heran wie ein Designer an die Produktentwicklung. Die MindLab-Mitarbeiter versuchen also erst einmal genau zu verstehen, wie das Alltagsleben der Bürger aussieht und wie sie mit den bestehenden Regelungen zurechtkommen. Hierfür gehen sie zu den Bürgern hin, begleiten sie bei der Nutzung staatlicher Leistungen und fragen sie, was verändert werden sollte. Dadurch generieren sie ganz neue Erkenntnisse, die auf den ersten Blick simpel erscheinen aber mit deren Hilfe die Verwaltungsverfahren deutlich verbessert werden können. So hat das MindLab-Team beispielsweise eine Reihe von Arbeitern, die auf Leistungen der staatlichen Betriebsunfallversicherung angewiesen sind, zu Hause besucht und dabei erfahren, unter welchen bürokratischen Verfahren sie leiden. Die Unfallkasse, die bisher glaubte, alles richtig zu machen, konnte durch diese Hinweise ihre Prozesse nun bereits nutzerfreundlicher gestalten. Ähnlich war es beim dänischen Finanzamt, das die Steuererklärung über das Internet ermöglicht hat und sich wunderte, warum gerade jüngere Leute dies nicht in Anspruch nahmen. MindLab interviewte eine Reihe von jüngeren Steuerzahlern und schaute ihnen bei der Nutzung der entsprechenden Website über die Schulter. Dabei zeigte sich, das neue Medium war zwar das richtige, aber die Sprache und innere Logik der Steuererklärung waren für die jüngeren Nutzer nach wie vor unverständlich, so dass sie weiterhin einen persönlichen Besuch im Finanzamt bevorzugten. Daraufhin hat das Finanzamt seine Website überarbeitet. Solche und ähnliche Schwachstellen, gäbe es auch in Deutschland aufzudecken.

How Public Design? - Was Design im öffentlichen Sektor bewirken kann.

 

In Deutschland hat beispielsweise das Sozialministerium das Bildungspaket gestartet, damit auch Kinder von sozial schwachen Eltern zur Nachhilfe, zum Sportverein und in die Musikschule gehen können. Ein großer Teil des Geldes wurde jedoch gar nicht abgerufen. Das Bildungsministerium wiederum hat das „Freiwillige Technische Jahr“ ins Leben gerufen, um Schulabgänger für Technik-Berufe zu begeistern. Gerade einmal 52 Jugendliche haben sich daran beteiligt. Das Familieministerium hat die Familienpflegezeit eingeführt, damit Arbeitnehmer, die einen Angehörigen pflegen, bei ihrem Arbeitgeber ihre Arbeitszeit reduzieren können. Nach einem Jahr lagen dem Ministerium jedoch lediglich 147 Anträge vor. All diese Maßnahmen sind zwar ganz unterschiedlich, haben jedoch eines gemein: Sie wollen Menschen in entscheidenden Lebenssituationen unterstützen, funktionieren aber in der Praxis nicht so gut wie erhofft. Wäre dies nicht ein geeigneter Ausgangspunkt, um den dänischen Ansatz in Deutschland auszuprobieren?

Das Sozialministerium, das Bildungsministerium und das Familienministerium könnten hierfür ein gemeinsames Innovationslabor gründen. Wie in Dänemark sollte dabei das Team aus den eigenen Fachleuten der drei Ministerien zusammengesetzt werden – ergänzt um Sozialforscher und Experten für Prozessdesign. Dennoch würden hierfür zunächst zusätzliche Kosten entstehen. So betragen die zusätzlichen Ausgaben für das dänische MindLab pro Jahr rund 1 Millionen Euro. Allein die einkalkulierten Ausgaben für Bildungspaket, Freiwilliges Technisches Jahr und Familienpflegezeit summierten sich jedoch auf mehrere 100 Millionen Euro. Wenn es mit Hilfe eines derartigen Innovationslabors gelingt, solche Gelder künftig effektiver einzusetzen, dann ist dies sicher eine sinnvolle Investition.

Die Bundesregierung bezieht natürlich auch heute schon empirische Erkenntnisse in ihre Arbeit ein. Dabei handelt es sich häufig um quantitative Daten, die beispielsweise wertvolle Hinweise darauf geben können, wie groß ein bestimmtes Problem ist. Sie zeigen in der Regel aber nicht auf, was das Problem verursacht. Deshalb sollte ein solches Innovationslabor zusätzlich vertiefende Befragungen und Untersuchungen durchführen - mit kleineren Gruppen von Bürgern, aber dafür besonders ausführlich. Dabei hat die Bundesregierung hier bereits Erfahrungen, auf denen sie aufbauen könnte. Dennoch ist all dies natürlich kein Allheilmittel, das in allen Fällen angewendet werden kann. Vielmehr geht es um einen pragmatischen Versuch, bei der Planung staatlicher Maßnahmen die eigentlichen Adressaten, wie Eltern, Lehrer, Jugendliche und Personalchefs, mit einzubeziehen. In der Wirtschaft ist dies schon lange üblich. Ein Süßwarenhersteller beispielsweise wird ein neues Produkt nicht einfach so auf den Markt bringen, sondern es zuerst von einer kleinen Gruppe potenzieller Kunden probieren lassen, um die beste Geschmacksrichtung zu finden. In der Familien,- Sozial- und Bildungspolitik geht es aber nicht um Schokoriegel, sondern um die Zukunft von Millionen von Menschen. Und es geht auch nicht um irgendwelche Unternehmensprofite, sondern um Steuergelder. Deshalb sollte hier möglichst noch intensiver geprüft werden, wie die geplanten Maßnahmen möglichst zielgenau wirken können.

Von Australien über Frankreich bis nach Singapur ist das MindLab bereits in vielen Ländern auf großes Interesse gestoßen. In Dänemark selbst besteht es seit über zehn Jahren, obwohl Regierungschef und Minister inzwischen mehrfach gewechselt haben. Ein solches Innovationslabor sollte also ein fester Punkt in den Koalitionsverhandlungen in Berlin sein - unabhängig davon, welche Parteien dabei in den nächsten Wochen am Tisch sitzen werden.

Dieser Artikel erschien am 23.09.2013 in der Süddeutschen Zeitung.