Frauen, traut euch!

Auf den Spuren des digitalen Gender-Gap in Indien

 

12.06.2017 | Joana Breidenbach | Europa und die neuen Gestaltungsmächte

Besonders in unterentwickelten Regionen haben Frauen oft wenig Zugang zur digitalen Welt. Für einen Report des Betterplace Lab reiste Joana Breidenbach nach Indien und lernte dort Frauen kennen, die den digitalen Wandel des Landes mitgestalten - trotz aller Hürden. 

Der Bericht "Bridging the Digital Gender Gap" des Betterplace Lab gibt Einblicke in die digitalen Chancen von Frauen in sechs verschiedenen Ländern: Äthiopien, Brasilien, Deutschland, Indien, Indonesien und Südafrika. 

Jigyasa Grover ist ein wahres Energiebündel. Die 21-jährige Informatikstudentin leitet das Büro von Women Who Code, einem globalen Netzwerk von Programmiererinnen, in Delhi. „Frauen, traut euch und gestaltet die digitale Welt!“ – so lautet die leidenschaftliche Nachricht, die sie von dort nicht nur nach Indien, sondern in die ganze Welt hinausschickt.

Sie erzählt mir ihre Geschichte bei einem Spaziergang um den Connought Place in Central Delhi. Die Straßen sind von Kolonialgebäuden gesäumt, in denen Cafés, Sari-Läden und Banken untergebracht sind. Wir müssen lauter reden, um den Lärm der hupenden Autos zu übertönen.

Als Jigyasa in Delhi zu studieren begann, traf sie auf eine extrem männerdominierte Welt. Bei ihrem ersten Hackathon war sie die einzige Frau im Raum. Sie mochte die Energie, die Aufregung und die Schwingungen, aber die Organisatoren erlaubten ihr nicht, über Nacht zu bleiben, mit dem Argument, dass sie nicht für ihre Sicherheit garantieren könnten. Doch das hielt sie nicht davon ab, auch am nächsten Hackathon teilzunehmen. „Beim nächsten Mal habe ich zwei Freundinnen mitgenommen: zu dritt konnten sie uns nicht abweisen. Und dann habe ich einen Wettbewerb gewonnen.“

Ich war im Frühjahr nach Delhi gereist, um für eine vom betterplace lab durchgeführten vergleichenden Studie über den digitalen Gender-Gap in sechs Ländern in Indien zu recherchieren. Zwei Wochen lang sprach ich mit Unternehmerinnen, NGO-Vertreterinnen und Politikberaterinnen in Bangalore und Delhi und via Skype auch mit Frauen in anderen indischen Städten. Mein Ziel war es zu verstehen, warum Frauen im digitalen Sektor – sowohl als Konsumentinnen als auch als Produzentinnen – noch immer deutlich unterrepräsentiert sind und wie Organisationen und Firmen, die sich gezielt an Frauen wenden, diese Kluft zu schließen versuchen.

Als Gesprächspartnerin repräsentierte Jigyasa das eine Ende des Spektrums. Sie stammt aus einer liberalen Familie aus dem Punjab, und ihre Eltern hatten sie von klein auf darin bestärkt, ihre Träume zu verwirklichen und viel zu reisen. Sie war in einem Mädchenkonvent zur Schule gegangen, wo sie sich auf ihre Stärken besinnen konnte, ihre Meinung zu sagen lernte und sich nie als Bürgerin zweiter Klasse fühlen musste. Jetzt, als Studentin an der Universität in Delhi, ist sie es gewohnt sich durchzusetzen, ungeachtet der vielen Hindernisse, mit denen indische Frauen in der Öffentlichkeit konfrontiert sind.

Im Spannungsfeld von Familienwerten und persönlichen Ambitionen

Am Tag nach meinem Treffen mit Jigyasa besuchte ich Simran im Tech-Center von FAT (Feminist Approaches to Technology), einer NGO in Süd-Delhi. Sie und die anderen jungen Frauen, die hier in einem Raum im Untergeschoss arbeiten, sind auf einem ganz anderen Weg in die digitale Branche gekommen. Simran stammt aus einem Slum, und man erwartete von ihr, dass sie bereits als Jugendliche heiratet und eine Familie gründet. Ihre Familie war strikt dagegen, sie auf die Schule zu schicken, weil nur Jungs Berufskenntnisse erwerben sollten. Aber Simran wollte unbedingt einen Beruf erlernen. Bei FAT lernte Simran nicht nur mit Computern umzugehen, sondern schärfte auch ihr Bewusstsein für die strukturellen Ungleichheiten in Indien.

Gayatri Buragohain, die Elektroingenieurin, die im Jahr 2010 die NGO gründete, ist der Ansicht, dass die digitale Geschlechterkluft nicht allein dadurch überwunden werden kann, indem man jungen Frauen technologische Kompetenzen vermittelt. Sie müssten auch die kulturellen Muster und Machtstrukturen verstehen, die ihnen in der indischen Gesellschaft die Teilhabe auf Augenhöhe verwehren. Also beschäftigen sich die jungen Frauen während ihrer Ausbildung bei FAT auch mit Themen wie häuslicher Gewalt und Zwangsehen in ihren Herkunftsgemeinden.

Ich war sehr berührt von dem Treffen mit den jungen Frauen bei FAT. Ich konnte ihre Zerrissenheit förmlich spüren: zum einen wollen sie mit ihren Familien verbunden bleiben, zum anderen aber auch ihren eigenen, ganz anderen Weg gehen.

Vor meiner Reise nach Indien war mir nicht bewusst gewesen, dass Indien aufgrund seiner konservativen Kultur, patriarchalischen Werte und starren Geschlechternormen in puncto Geschlechtergleichheit eines der ungleichsten Länder der Welt ist. Im Gender Equality Index des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen rangiert das Land auf Platz 130.

„In entlegenen Gebieten glaubt man, dass Mobiltelefone die Frauen ‚verderben’ werden, und die Männer haben Angst, dass der Zugang zur Technologie Frauen unabhängiger machen wird.“

Gayathri Sriram, CEO Mobiltrain, BMW Foundation Responsible Leader

Die digitale Kluft zwischen den Geschlechtern überwinden

Auf dem Land, wo 70 Prozent der Bevölkerung leben, gestaltet sich die Lage besonders schwierig. Dort ist der Zugang zum Internet infolge mangelnder Reichweite und Erschwinglichkeit stark eingeschränkt. Zwar ändert sich das gerade aufgrund des rapiden Wachstums mobiler Internetnutzung, dennoch stellen Frauen auf dem Land erst zwei Prozent der Internetnutzer. Viele Dörfer in Indien untersagen unverheirateten Mädchen den Gebrauch von Mobiltelefonen, und auch für verheiratete Frauen ist der Internetzugang stark eingeschränkt. Gayathri Sriram, CEO von Mobiltrain und BMW Foundation Responsible Leader, erklärt mir: „In entlegenen Gebieten glaubt man, dass Mobiltelefone die Frauen ‚verderben’ werden, und die Männer haben Angst, dass der Zugang zur Technologie Frauen unabhängiger machen wird.“

Ein Bereich, in dem viele Frauen auf dem Land zum ersten Mal mit digitaler Technologie in Berührung kommen, ist der Gesundheitssektor. Landesweit gibt es mittlerweile zahlreiche sogenannte „mHealth (Mobile Health)“-Initiativen, die Krankenschwestern den Umgang mit Smartphones und Tablets beibringen, um die medizinische Versorgung vor Ort zu verbessern.

Dasra, eine strategisch arbeitende philanthropische Organisation in Mumbai und enger Partner der BMW Foundation Herbert Quandt, hat die mHealth-Anbieter und deren Technologieangebote für Frauen und junge Mädchen untersucht und herausgefunden, dass NGOs, die sich im Bereich Frauen und Technologie engagieren, noch eine Menge Capacity-Building-Bedarf haben. Die Organisation will diesen Bedarf abdecken, indem sie Leadership-Programme anbietet und NGOs beibringt, wie sie den Reichtum an verfügbaren Daten nutzen können, um ihre Programme und Projekte besser und effizienter zu gestalten.

Gründerinnen im Aufschwung

In Bangalore tauchte ich in eine mir vertrautere Welt. Dort besuchte ich Coworking Spaces und Gründerzentren. Jaaga Sustain ist ein Inkubator, der sich auf wirtschaftlich bewertbare ökologische Herausforderungen spezialisiert hat und dafür technologische Lösungen anbieten will. Ich war überrascht, in dem luftigen Raum im obersten Stockwerk des Bürogebäudes in Downtown-Bangalore so viele Frauen zu sehen. Von Tej Pochiraju, CEO von Jaaga Sustain, erfuhr ich, dass die Hälfte ihrer Umwelt-Startups, wie bspw. Greenopia, von Frauen geleitet werden.

In den letzten Jahren hat die Startup- und Programmier-Community bewusste Anstrengungen in Richtung Geschlechtergleichheit unternommen. Heute nehmen bei vielen Tech-Events mindestens 20 Prozent Frauen teil; außerdem gibt es eine Reihe von Organisationen und Veranstaltungen wie Girls in Tech, Women Who Code oder Hacker In Her, die Frauen den Zugang zur Szene ermöglichen wollen.

Darüber hinaus gibt es auch eine Anzahl innovativer Websites von Frauen für Frauen wie z.B. Babychakra (eine Community für junge Mütter), Yourstory (ein Tech-Magazin) und Sheroes (eine Jobplattform für Frauen). Diese Plattformen arbeiten alle profit-, aber auch klar wirkungsorientiert. Sie bestätigen, was betterplace lab weltweit festgestellt hat: Viele neue Initiativen, die ein gesellschaftliches Problem lösen wollen, entscheiden sich für eine gewinnorientierte (statt für eine gemeinnützige) Rechtsform. Ein Grund dafür ist, dass es für eine gewinnorientierte Organisation weitaus einfacher ist, die nötige Finanzierung zu bekommen. Der Bereich des Impact Investing ist zwar am Wachsen, aber nach wie vor ist deutlich mehr herkömmliches Risikokapital im Umlauf.

Sich in einem so riesigen und vielfältigen Land wie Indien einen Überblick über die digitale Geschlechterkluft zu verschaffen, ist schier unmöglich. Aus Zeitmangel konnte ich mir viele Bereiche nicht genauer ansehen, wie z.B. die Millionen Inderinnen, die in der Mobilfunkbranche und für Software-Firmen tätig sind.

Dennoch war ich am Ende meiner Reise sehr beeindruckt von den vielen entschlossenen, energiegeladenen und intelligenten Frauen, die sich auf dem äußerst bunten aber auch schwierigen indischen Digitalsektor tummeln. Meine Hoffnung ist, dass ihre Geschichten – und die Geschichten der Frauen in Äthiopien, Südafrika, Indonesien, Brasilien und Deutschland – dazu beitragen werden, Frauen zu aktiverer Teilhabe am digitalen Zeitalter zu bewegen.