Fürs Leben lernen, nicht für die Schule

Eindrücke aus der Transatlantic Core Group

 

14.12.2016 | Franziska von Kempis | Europa und seine Nachbarn

Nicht nur für einen Job lernen, sondern für die ganze Karriere! Wie kann eine moderne Berufsausbildung aussehen – in Deutschland und den USA? Franziska von Kempis hat als neues Mitglied der Transatlantic Core Group bei einem Workshop an der US-Ostküste viel dazugelernt. Nicht zuletzt in Sachen Bibelstunde und Präsidentschaftswahlkampf.

Flughafen Tegel. Check-in nach New York City mit Delta Airlines. Während die Dame meinen Pass kontrolliert und mich daran erinnert, alte Tags von meinem Koffer zu entfernen, regt sich hinter mir in der Schlange ein Mann fürchterlich auf: „Let’s hope I don’t have to fly back here next week with this passport and an asshole for president!“ Harte Worte, seine Begleitung muss trotzdem lachen. Es ist der 3.11.2016, eine knappe Woche vor den US-Wahlen und schon die Schlange am Berliner Flughafen zeigt mir: Die Stimmung ist angespannt.

Ich bin unterwegs nach Charlotte, North Carolina. Die Transatlantic Core Group (TCG) hat mich zu einem Workshop zum Thema „Vocational Education“ eingeladen. Was ich zuerst für eine Spam-Mail hielt, entpuppte sich als Workshop-Einladung eines neu gegründeten transatlantischen Netzwerks. Soweit ich das verstehe, geht es um innovative Zusammenarbeit unterschiedlicher Leute aus ganz unterschiedlichen Bereichen (Politik, Medien, Business oder auch Kultur), die über die Arbeit an gemeinsamen Herausforderungen vor allem auf gesellschaftliche Fragen neue, transatlantische Antworten finden wollen.

„Vocational Education“ muss ich, ehrlich gesagt, allerdings erst mal googeln. Ich arbeite im Alltag für ein Projekt, das gemeinsam mit deutschen Influencern (YouTuber, Facebooker, Instagrammer, also junge Leute mit großen Social-Media-Reichweiten) Videos und Kampagnen mit „serious content“, also Bildungsinhalten, für deren junge Zuschauer produziert. Der Begriff ist mir neu; als ich verstehe, dass es um Ausbildung geht, sage ich sofort begeistert zu. Abi-Zwang, vom Studium überforderte junge Menschen – das kenne ich auch aus unseren Projekten als deutsches Thema nur zu gut.

Umso spannender, dass dieses 2015 von der BMW Stiftung Herbert Quandt gemeinsam mit Partnern aus Deutschland und USA ins Leben gerufene Netzwerk sich genau darum kümmern will. Aber wieso in Charlotte? Und was genau haben die vor? Einen Einblick, was mich bei der TCG erwartet, bringt der erste Tag. Simon Lange, Jessica Kulitz und Nina Bianchi stellen uns bei der ersten Session das TCG-Netzwerk vor – und jetzt wird mir erst klar: Es ist ein ständig wachsendes Netzwerk. Jedes Jahr kommen neue Mitglieder dazu und den Workshop mit den ca. 30 Leuten, mit denen ich jetzt hier im Community College in Charlotte sitze, haben einige TCG-Mitglieder, darunter Nina, Simon und Jessica, selbst organisiert.

Jessica zum Beispiel baut gerade ein Unternehmen in Charlotte auf – und kennt das Thema Ausbildung und Arbeitsmarkt aus erster Hand. Für mich hingegen ist es völlig neu, dass die Amerikaner das deutsche duale Ausbildungssystem nicht nur spannend finden, sondern selbst auch gerne übernehmen. Aber erst als Stefanie Jehlitschka, Vice President der German American Chambers of Commerce und TCG-Mitglied, uns ein Video zeigt, das die Nachteile einer „college for everyone“-Bewegung aufzeigt, finde ich wieder einen für mich passenden Zusammenhang: Das Problem haben wir in Deutschland ja auch. Aber wie stark so etwas den Ausbildungsmarkt beeinflusst, war mir, studiert mit Abitur, aus einer Akademikerfamilie stammend, nicht klar.

Viele Redner und viele spannende Eindrücke: Nicht alles ist mir auf den ersten Blick verständlich, vor allem grübele ich die ganze Zeit über den Begriff „vocational education“ nach. Das ist allerdings auch ganz sinnvoll, denn so ist es auch die erste Frage, die ich jedem in den Pausen stelle. Und dass ein Community College wie das in Charlotte auch Lastwagenfahrer ausbildet, war mir gar nicht klar. Was mir vor allem bleibt, ist der Satz, der immer wieder fällt: „Do not just train people for a specific job, train people for a career.“ Das kann ich nachvollziehen.

Vor dem Mittagessen lernen wir noch Carla kennen, eine junge Auszubildende bei Bosch. Wahnsinn, bin ich beeindruckt: Carla ist 22, hat ihre Ausbildung fast hinter sich, war bereits drei Monate in Deutschland zum Austausch und kann komplett klar erklären, dass sie zwar eigentlich immer Ingenieurin werden wollte, aber in dem Ausbildungsprogramm einfach einen sinnvollen, spannenden ersten Schritt sah. Ihre Erzählung macht sogar mir direkt Lust auf eine Bewerbung für das Programm – Peer-to-peer-Vermittlung par excellence!

Mein Kopf brummt: Ausbildung, vocational training, mehr praktischen Fokus, Arbeitsaustausch zwischen USA und DE, die Busfahrt zu unserem Hotel für das Wochenende nutze ich erst mal zum Googeln. Was heißt „vocational“? (Antwort: beruflich.) Was macht man in den USA ohne College-Ausbildung? (Antwort: Es ist nicht so einfach.) Und wie viele Auszubildende gibt es denn überhaupt in Deutschland? (Antwort: 2015: ca. 1,38 Mio.)

Unser Ziel heißt Montreat und diese Stadt liegt in einem so genannten „dry county“ - ich lerne nicht aus. In „dry counties“ ist der Verkauf und Ausschank von Alkohol verboten oder zumindest stark eingeschränkt. Wir haben unseren deshalb einfach selbst mitgebracht.

Nach dem „dry county“ die nächste Überraschung: Wir wohnen in einem „religious retreat“.

Kreuze an der Wand, zwei Bibeln im Nachtisch – und die junge Frau, die mich in der Lobby anspricht, freut sich sehr, dass ich bereits katholisch bin - also nicht erst noch bekehrt werden muss und lädt mich direkt zu einem Catholic Bible Study Camp ein. Leider bin ich bereits mit meiner Workshop-Gruppe verabredet – habe aber an meinem Abendessenstisch großen Erfolg mit meiner Bekehrungsstory. Überhaupt sammeln wir viele Geschichten und Ideen: Wir sollen uns nämlich überlegen, was wir die nächsten beiden Tage gerne besprechen wollen. Von Non-profit-Auszubildenden in NGOs über mehr Rechte und faire Bezahlung für Praktikanten – über allem schwebt bei uns der Grundgedanke: „train for a career“.

Tag zwei beginnt für mich mit einem großartigen Statement von TCG-Mitglied Chris Fowler: „Don’t worry, it’s normal to have no idea what you are doing.“ So fühle ich mich nämlich ein bisschen. Spannende Gespräche, jede Menge Input, aber so ganz ist mir noch nicht klar, was wir hier in Montreat, North Carolina, zusammen erreichen, entwickeln, bewirken wollen.

In Kleingruppen diskutieren wir, was wir für relevante Projekte im Bereich „vocational training and education“ halten. Bei strahlendem Herbstwetter, einer Wanderung auf einen Berg in der Umgebung und Schaukelstuhlgesprächen auf der „porch“ am See in der Sonne kristallisieren sich drei größere Themen heraus: 1) konkrete Lösungen für Auszubildende in den USA, 2) neue innovative Vermittlungsmöglichkeiten für Ausbildungsmöglichkeiten und 3) neue Ausbildungsbereiche für Schüler, die das aktuelle Schulsystem nicht abdecken. Dem letzten Thema schließe ich mich an, hier sehe ich persönlich auch spannende transatlantische Verknüpfungspunkte.

Zusammen mit Claudia Strasser von der BMW Stiftung und Franziska Wagner aus Berlin entwerfen wir also einen Plan. Wir wollen eine transatlantische Konferenz ausrichten, bei der relevante Stakeholder aus USA und Deutschland, die sich im Bereich „außerschulische Bildung von Jugendlichen“ für „lebensrelevante“ Fächer, Bereiche, Themen hervortun. Wichtige Punkte sind für uns: praktische Ansätze, wirtschaftliche Themen, technische und digitale Weiterbildung – generell viele Themen, die im deutschen (und amerikanischen) Schulsystem aktuell wenig bis gar nicht abgebildet werden. Wir nennen es: „Train for life“ – ihr werdet noch von uns hören!

Auch die anderen beiden Gruppen sind fleißig: „Raising awareness for multiple pathways“ will die Aufmerksamkeit für unterschiedliche Karrieremöglichkeiten besser deutlich machen, „Small business apprenticeships“ einen Austausch für Auszubildende zwischen großen und kleinen Unternehmen ermöglichen.

Tag 3 bricht an und wir kommen zum letzten Mal zusammen, sammeln Feedback, konkretisieren unsere Pläne. Wir tauschen Nummern, Twitter-Accounts und letzte Mutmaßungen zur anstehenden Wahl aus –dann geht es für die meisten wieder nach Hause.

Für mich geht es nach New York, wo ich den Wahltag verbringen will. Frau kann ja nicht am 6. November zurückfliegen, wenn am 8. November diese Wahl stattfindet! Denke ich. Und weiß noch nicht, dass ich in der Wahlnacht zig Anrufe von JournalistenfreundInnen bekommen werde, die alle erste „impressions“ eines Wahlergebnisses haben wollen, das, zumindest laut vielen deutschen Medien, „unvorhersehbar“ gewesen sein soll.

Den Wahlabend verbringe ich bei einer Viewing Party in Manhattan im Hotel eines Freundes – die Zuschauermehrheit ist eindeutig demokratisch. Überhaupt begegnen mir auf meiner Reise wenige Trump-Wähler im direkten Gespräch. Die ersten Auszählungen sind knapp, die Stimmung kocht. Sprichwörtlich: die Klimaanlage fällt aus. Ich beschließe, mich lieber auf die Straße zu begeben und dort mitzufiebern. Vor dem Hilton-Hotel kilometerlange Übertragungswagen-Schlangen. Und: ca. 10 Trump-Anhänger, hinter Sicherheitsgittern. Davor: 100 Reporter, denen sie brav nacheinander Interviews geben. Kurz vor dem Rockefeller Center fällt vor mir ein Mann aus seiner Kutsche (ja, wirklich, eine Kutsche, und ja, er fällt). Er schreit: „She is in the lead“, steht auf und tanzt. Mitten auf der Straße.

Am Rockefeller Center wird Hillarys Vorsprung ebenfalls gefeiert. Dies beflügelt mich auch, ich mache mich auf den Weg zurück ins Hotel, um dort (es ist schon spät) den Wahlabend ausklingen zu lassen. In der halben Stunde, die ich zum Laufen brauche, werden allerdings neue Staaten ausgezählt. Als ich im Hotel wieder Internet habe, ist klar: Trump liegt vorne. Eine Stunde später ist Donald Trump offiziell “president-elect“.

Die wirklichen Demonstrationen gegen Trump als „future president“ beginnen erst nach meiner Abreise – am Morgen des 9. November. Am Trump Tower ist es noch verhältnismäßig ruhig (gesperrt ist er natürlich trotzdem). Eine Frau trägt ein Schild, auf dem „AAAAAHHHHH“ steht. Ich kann sie verstehen.

Ich fahre mit gemischten Gefühlen zum Flughafen. In der Bahn neben mir erklärt eine junge Frau am Telefon, dass sie Thanksgiving auf keinen Fall nach Hause fährt, weil sie die politischen Diskussionen nicht haben will. Und ich überlege, wie es wohl uns in Deutschland erginge, wenn (rechts-)populistische Parteien bei der nächstjährigen Bundestagswahl an die Macht kämen. Und finde, dass es sehr sinnvoll ist, transatlantisch nicht nur „da rüber“ zu gucken und darüber zu berichten, sondern konkret miteinander zu reden, um für das eigene Land Ideen, Warnungen, Inspirationen oder Ansätze mitzubringen und umzusetzen. Und denke da besonders an meinen Bereich, die digitale, außerschulische Bildung, „education“ überhaupt. Und hoffe: Vielleicht findet sich ja im Jahr 2017 die Möglichkeit für einen TCG-Workshop, der den Umgang mit Populismus und vielleicht auch konkrete Lösungsansätze gerade für den Bereich Bildung von beiden transatlantischen Seiten zum Thema hat?