Im Interview: Markus Hipp und Carl-August Graf von Kospoth

„Wir können als größere Organisation mehr zum Gemeinwohl beitragen“ 

 

19.05.2016 | Gregor Jungheim | Stiftung

Im März 2016 sind die beiden Unternehmensstiftungen der BMW AG, Eberhard von Kuenheim Stiftung und BMW Stiftung Herbert Quandt, zusammengeführt worden. Ein Gespräch über die Hintergründe und Erwartungen.

Anlässlich des 100. Geburtstags der BMW AG gab die Stifterin am 7. März dieses Jahres bekannt, dass sich die beiden Unternehmensstiftungen operativ und personell zusammenschließen. Die Stiftungstätigkeit wird künftig überwiegend durch die 1970 gegründete BMW Stiftung Herbert Quandt ausgeführt, während die im Jahr 2000 errichtete Eberhard von Kuenheim Stiftung ihren Stiftungszweck im Wesentlichen dadurch erfüllt, dass sie ihre Mittel an die BMW Stiftung Herbert Quandt abführt. Das Vermögen der BMW Stiftung Herbert Quandt wird von 50 auf 100 Mio. EUR verdoppelt. Daneben wird die Stiftung von BMW jährlich zeitnah zu verwendende Mittel erhalten, die sich 2016 auf 5 Mio. EUR belaufen. Ebenso werden die Hauptanteilseigner der BMW AG, Stefan Quandt und Susanne Klatten, der Stiftung weitere 30 Mio. EUR an Spenden zukommen lassen, die über einen Zeitraum von zehn Jahren vor allem in innovative Projekte der Stiftungsarbeit fließen sollen.


DIE STIFTUNG: Jede der beiden BMW Stiftungen galt bislang als wichtiger Akteur auf ihrem Gebiet und keine von ihnen schien in Existenznöten. Warum dann eine Fusion?

Markus Hipp: Das Zusammengehen der beiden Stiftungen ist tatsächlich nicht aus der Not der einen oder der anderen Stiftung heraus geboren. Gemeinsam mit unserer Stifterin, der BMW Group, haben wir aber sehr wohl darauf reagiert, dass sich die Ausgangsbedingungen für Stiftungsarbeit im letzten Jahrzehnt drastisch verändert haben: Neue, jüngere Stifter und internationale Großstiftungen haben den Stiftungssektor vielfältiger gemacht und eine unternehmerische Haltung sowie innovative philanthropische Instrumente mitgebracht. Die anhaltend niedrigen Zinserträge zwingen Stiftungen dazu, zu überdenken, wie sie nachhaltig arbeiten und ihre Ziele gegebenenfalls mit weniger Mitteln erreichen können. Bei all dem ist die gesellschaftliche Wirklichkeit, mit der Stiftungen heute umgehen müssen, nicht gerade einfacher geworden und sind die Anforderungen an Professionalität, Transparenz und Wirkung gestiegen. Das Bündeln unserer Kräfte ist sicher nicht die Antwort auf all diese Herausforderungen. Wir glauben aber, dass wir als größere, schlagkräftigere Organisation mehr zum gesellschaftlichen Gemein wohl beitragen können als bisher.

Carl-August Graf von Kospoth: Es ist eine große Chance, dass die Zusammenführung mit einer verbesserten finanziellen Ausstattung der neuen BMW Stiftung Herbert Quandt einhergeht und sich die BMW Group zu ihrem 100-jährigen Unternehmensjubiläum klar zur Stiftung bekennt. Wir halten es auch für eine stiftungspolitisch kluge Entscheidung, sich nicht auf das traditionelle Zustiften ins Stiftungskapital zu beschränken. Denn angesichts der niedrigen Zinsen würde das unseren Handlungsspielraum aktuell kaum erweitern. Mit den zusätzlichen Mitteln zum Verbrauch, die uns sowohl die BMW Group als auch die BMW-Erben Susanne Klatten und Stefan Quandt zur Verfügung stellen, können wir unsere Arbeit dagegen nicht nur fortführen, sondern ausbauen. Uns ist übrigens durchaus bewusst, dass wir mit diesem Schritt spannende Pionierarbeit in der deutschen Stiftungslandschaft leisten.

DIE STIFTUNG: Welche Konsequenzen hat diese Entscheidung für Personal und Programm der Stiftungen?

von Kospoth: Uns geht es nicht um Kosteneinsparungen oder Personalabbau. Wir machen mit allen Mitarbeitern weiter und gestalten den Veränderungsprozess gemeinsam. Damit das auf gute und professionelle Weise geschieht, lassen wir uns in diesem Prozess von externen Beratern begleiten. Dass wir größer werden, eröffnet den Mitarbeitern auch neue Entwicklungsperspektiven: So werden wir zwei etwa gleich große Standorte in München und Berlin haben; daraus ergeben sich neue Möglichkeiten für einen Ortswechsel. Ein anderes Beispiel: Wer bislang eher in regionale Projekte involviert war, hat in der neuen Stiftung auch die Möglichkeit, sich einmal auf internationalem Parkett zu bewegen und umgekehrt. Natürlich wollen wir auch effizient sein und unsere Wirksamkeit insgesamt erhöhen.

Hipp: Mit Blick auf das Programm der Stiftungen sind wir natürlich von dem überzeugt, woran wir bislang mit großer Leidenschaft gearbeitet haben. Vieles davon wollen wir fortsetzen, und selbstverständlich können sich unsere Partner darauf verlassen, dass wir gemeinsame Projekte weiterführen. Gleichzeitig bietet sich uns jetzt eine Chance, wie sie nur ganz wenige Organisationen bekommen. Wir können uns als Stiftung gewissermaßen neu erfinden. In diesem Sinn wollen wir uns in allen Bereichen radikal be- und hinterfragen: Ist unsere Organisationskultur und unsere Arbeitsweise zeitgemäß? Mit welchen Ansätzen, Geschäftsmodellen und mit welchen Themen gehen wir in die Zukunft?

DIE STIFTUNG: Wie ist diese Fusion eigentlich juristisch zu bewerten? Sie klingt mir weder nach einer Zulegung noch einer Zusammenlegung.

Hipp: Rechtlich gesehen handelt es sich nicht um eine Fusion der beiden Stiftungen, eine solche ist nach dem Stiftungsrecht auch gar nicht möglich. Vielmehr werden die beiden Stiftungen auch künftig als zwei voneinander getrennte Stiftungen bestehen, das heißt, die Eberhard von Kuenheim Stiftung bleibt eine unabhängige Stiftung. Die Gremien, also Vorstand und Kuratorium beider Stiftungen, sind aber seit März identisch besetzt, und der wesentliche Stiftungszweck der Eberhard von Kuenheim Stiftung ist die Mittelbeschaffung für die Verwirklichung der Satzungszwecke der Schwesterstiftung.

DIE STIFTUNG: Warum bestand denn im Jahr 2000 überhaupt Bedarf nach einer zweiten BMW Stiftung?

von Kospoth: Eberhard von Kuenheim hatte knapp dreißig Jahre den Vorstandsvorsitz und den Aufsichtsratsvorsitz der BMW AG inne und hat das Unternehmen bis weit in die 1990er-Jahre entscheidend geprägt. Rückblickend ging es vor allem darum, seine außerordentliche Lebensleistung zu würdigen. Daran halten wir auch künftig fest, indem wir den Eberhard von Kuenheim Fonds neu entwickeln und damit von Kuenheims Grundidee – die Förderung des freien Unternehmertums – zukunftsgerichtet interpretieren.

DIE STIFTUNG: Wie hat er eigentlich selbst die Nachricht von der „Fusion“ aufgenommen?

von Kospoth: Eberhard von Kuenheim hat uns seinen Segen gegeben, „machen Sie was Gutes daraus“. Der Entscheidung, dass die Stiftungen zusammengehen, sind sehr konstruktive Gespräche und Diskussionen mit ihm und den Stiftungsgremien vorausgegangen. Dabei ist auch Eberhard von Kuenheim zu dem Ergebnis gekommen, dass das Zusammenführen der Stiftungen große Chancen birgt und sein Anliegen – das unternehmerische Denken in andere gesellschaftliche Kontexte zu tragen – gut in der neuen BMW Stiftung aufgehoben ist.

DIE STIFTUNG: Dann hoffen wir, dass sich die Entscheidung als richtig erweisen wird. Meine Herren, vielen Dank für dieses Gespräch.

Das Interview führte Gregor Jungheim. Der Artikel erschien ursprünglich in DIE STIFTUNG 3/2016.