Im Interview: Senta Höfer

Vom Leben der anderen lernen

 

19.05.2015 | BMW Stiftung | Europas Zukunft

Senta Höfer hat fünf Jahre lang das International Diplomats Programme geleitet, bei dem hochqualifizierte Nachwuchsdiplomaten ein tiefes Verständnis von Deutschland entwickelt und ihren Horizont erweitert haben. Ein persönlicher Rückblick.

Sie haben das International Diplomats Programme aufgebaut und fünf Jahre lang betreut, was waren die größten Herausforderungen?

Obwohl die Diplomatengruppen immer sehr heterogen waren, hatten sie doch eines gemeinsam: Die Teilnehmer haben stets Dinge hinterfragt, die in Deutschland als gesetzt gelten. Zum Beispiel die Bedeutung der Nürnberger Prozesse, die ja den Beginn der internationalen Strafgerichtsbarkeit markieren. Ein Besuch in Nürnberg stand bei uns fast immer auf dem Programm, wenn es um Erinnerungskultur und Aufarbeitung ging. Ein wichtiges Anliegen, nicht nur in Deutschland, sondern in der ganzen Welt. Einige der Diplomaten fanden diese Prozesse im Rückblick jedoch überhaupt nicht angemessen, nicht fair. Für sie hatten viele Angeklagten einfach auf Befehl gehandelt, ihren Job gemacht. Da muss man als Programmleitung angemessen reagieren und Position beziehen können.

International Diplomats Programme

Das International Diplomats Programme ist eine Initiative des Auswärtigen Amtes und der BMW Stiftung mit Unterstützung der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, die bei einem Festakt am 21. Mai ihren Abschluss findet. In dem Programm sind jährlich zwölf junge Diplomaten aus dem Nahen und Mittleren Osten, Afrika, Asien und Lateinamerika zusammengekommen, um Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur Deutschlands besser kennenzulernen und sich untereinander zu vernetzten. Über ihre eigene berufliche Prägung hinaus sollten sie andere Sichtweisen kennenlernen, um komplexen Zukunftsfragen verantwortungsvoll begegnen zu können. Dieser Ansatz wird nun im Global Diplomacy Lab fortgeführt.

Ein Ziel des Programmes war es, die Perspektive der Diplomaten auf Deutschland zu erweitern. Wie sah das konkret aus?

Indem wir versucht haben, das Land in möglichst vielen Facetten vorzustellen, statt nur Prestigeprojekte zu besuchen. Es ging außerdem darum, kontroverse Themen aus verschiedenen Blickwinkeln zu beleuchten. Und zwar in ihrer ganzen Tiefe. Dieser Ansatz hat vielen Teilnehmern geholfen, einen frischen und unverstellten Blick auf Deutschland, seine Menschen und Institutionen zu entwickeln.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Die Elbvertiefung in Hamburg ist ein gutes Beispiel. Wir haben die Hafenbehörde in Hamburg besucht und Wirtschaftsunternehmen im Hafen, die davon abhängig sind, dass möglichst viele große Schiffe einlaufen können. Wir waren aber auch in einem akut von Überschwemmung gefährdeten Dorf in Nordseenähe, das gegen die Elbvertiefung geklagt hat. Allein die Tatsache, dass ein kleines Dorf und Umweltverbände gegen den Staat vor Gericht ziehen können, war für viele Teilnehmer unglaublich. Noch beeindruckter waren sie, dass diese Klage ernst genommen und geprüft wurde.

Gab es innerhalb der Gruppen politische oder kulturelle Befindlichkeiten?

Offene Konflikte gab es nicht. Wenn jedoch beispielsweise ein israelischer und ein palästinensischer Diplomat aufeinandertrafen, war das natürlich ein Thema in der Gruppe. Allerdings sollten im Programm nicht die die Nahost-Friedenverhandlungen stattfinden. Unser Ansatz – und zwar mit voller Rückendeckung des Auswärtigen Amtes - war daher immer, Normalität zu ermöglichen. Denn wenn wir uns nicht so verhalten, als sei es normal, dass ein Israeli und eine Palästinenserin miteinander reden, wer dann? Gerade diese Teilnehmer haben am Ende gesagt, wie sehr sie das Programm vermissen werden. Denn es war ihre einzige Chance, mit Menschen zu interagieren, mit denen sie ansonsten nicht zusammenkamen.

Unser Ansatz – und zwar mit voller Rückendeckung des Auswärtigen Amtes - war daher immer, Normalität zu ermöglichen. Denn wenn wir uns nicht so verhalten, als sei es normal, dass ein Israeli und eine Palästinenserin miteinander reden, wer dann?

Senta Höfer, International Diplomats Programme

Im Vordergrund stand auch der Vernetzungsgedanke. Doch zeigen nicht gerade die aktuellen diplomatischen Konflikte die Grenzen solcher Netzwerke auf, wenn es um harte geopolitische Interessen geht?

Das mag sein, kann aber im Umkehrschluss nicht heißen, dass man auf solche Programme verzichten sollte. Ich bin nicht so naiv, zu glauben, dass – um bei dem Beispiel zu bleiben - der Nahost-Konflikt gelöst wird, sobald unsere Alumni erst einmal in entscheidenden Positionen sitzen. Aber sie haben die Erfahrung gemacht, ein Jahr lang einer Diplomatengruppe anzugehören, in der man viel vom Leben der anderen erfährt. Das ist ein Riesengewinn. Wenn sie später tatsächlich in relevanten Positionen sind, fällt es ihnen sicherlich leichter, im Konfliktfall auf jemanden zuzugehen. Einer unserer Teilnehmer aus Bangladesh wurde zum Beispiel nach Jordanien versetzt und hat sofort seinen Programmkollegen dort angerufen. Der sagte ihm: „Ich arrangiere alles für Dich.“ Dieser Austausch funktioniert aber auch, wenn es darum geht, schnell und auf dem kleinen Dienstweg Informationen auszutauschen.

Was waren Ihre persönlichen Highlights in den fünf Jahren?

Ich war immer begeistert, wenn Leute gesagt haben, dass ihnen der Blick geweitet wurde. Zum Beispiel, weil sie plötzlich mit Menschen sprechen konnten, die sie sonst nicht treffen. Ich fand die Gespräche über Aufarbeitung spannend, etwa mit den Beauftragten für die Stasi-Unterlagenbehörde Marianne Birthler und Roland Jahn. Sie haben überzeugend dafür geworben, dass jeder Mensch reflektieren sollte, was er tut – gerade, wenn er im Auftrag eines Staates handelt. Einen Teilnehmer hat das zur Hochzeit des arabischen Frühlings gar nicht mehr losgelassen. Er war innerlich zerrissen, hat sich viele Gedanken gemacht, wie er sich am besten verhält – als Diplomat, aber vor allem als Bürger. Und er hat mit uns und den anderen Kollegen darüber gesprochen. Das waren diejenigen Momente, in denen ich Gänsehaut hatte.

Mit dem International Diplomats Programme haben die BMW Stiftung und ihre Partner Innovation und sektorenübergreifendes Denken im Auswärtigen Amt verankert. Führt das neue Global Diplomacy Lab diesen Ansatz weiter?

Auf jeden Fall, es hat außerdem einen anderen, innovativeren Ansatz was die Programmgestaltung betrifft. Dabei reden jetzt nämlich die Teilnehmer – die übrigens alle entweder das International Diplomats Programme oder andere Programme der Partner durchlaufen haben – ein wichtiges Wörtchen mit. Vier Teilnehmer wurden in einen Beirat gewählt, der viel Input gibt und für die Weiterentwicklung des Labs mit verantwortlich ist. Wir fragen bereits bei der Aufnahme in das Programm die Kandidaten, wie sie sich einbringen wollen. Das ist ein fundamentaler Unterschied zum International Diplomats Programme.

Interview: Maja Heinrich