Fußball-WM in Brasilien

"Es besteht die Gefahr, dass alles im Chaos versinkt."

 

 

12.06.2014  | BMW Stiftung | Ressourcen und Sicherheit

Seit Wochen protestieren die Menschen in Brasilien auf den Straßen gegen ihre Regierung und die Milliardeninvestitionen für die Fußball-Weltmeisterschaft. Die brasilianische Umweltaktivistin und Frauenrechtlerin Thais Corral sieht eine klaffende Lücke zwischen gesellschaftlichem Nutzen und den Kosten für das Spektakel.

Mit den BMW Foundation Global Tables wollen wir das gegenseitige Verständnis zwischen Europa und den aufstrebenden Wirtschaftsmächten fördern. Viele Menschen in Europa schauen ratlos auf die sozialen Unruhen und Ausschreitungen rund um die Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien. Ist dies ein klassischer Konflikt zwischen Volk und Regierung?

BMW Foundation Global Tables

  • Hangzhou, China, Juli 2014
  • Comer See, Italien, Oktober/November 2014
  • Brasilien, Februar 2015
  • Polen, Mai 2015

Die Sache ist ein bisschen komplizierter. Auf der einen Seite drängt die Regierung die Demonstranten mit Gewalt zurück. Auf der anderen Seite versuchen die Polizei und das Militär, die Sicherheit und öffentliche Ordnung aufrechtzuerhalten. Sie haben es mit einer bunten Mischung von Demonstranten zu tun, darunter Gewerkschaften mit unrealistischen Forderungen, Arbeitsnehmer, die sich mehr Gehalt wünschen – und manche, die die Gelegenheit nutzen, um bis zum Äußersten zu gehen.

Steht die Gesellschaft als Ganzes hinter den Demonstranten?

Viele Menschen haben Schwierigkeit, zur Arbeit zu gelangen, da der öffentliche Verkehr mehr oder weniger lahmgelegt ist. Die Situation in Brasilien ist chaotisch und muss von mehreren Seiten betrachtet werden. Um unsere chronischen Probleme mit der öffentlichen Grundversorgung wie Gesundheit, Verkehr und Bildung zu lösen, müssen wir auf anderer Ebene miteinander verhandeln. Die Proteste helfen natürlich. Wir haben eine sehr ungerechte Gesellschaft. Wer Geld hat, schafft seine eigenen Bedingungen. Andere dagegen können sich nicht einmal innerhalb der Stadt fortbewegen oder lebenswichtige medizinische Behandlungen bekommen. Die Grundversorgung sollte für alle sichergestellt sein. Das ist ein essentielles Menschenrecht.

Der erste Zyklus unserer Global Tables befasst sich mit dem Thema Ressourcensicherheit. Dieses Thema ist in Brasilien nach wie vor relevant – trotz der enormen wirtschaftlichen Fortschritte, die das Land zu einer der aufstrebenden globalen Mächte gemacht haben.

Das Problem ist in Brasilien nicht so sehr der Zugang zu den Ressourcen, sondern eine nachhaltige Gesellschaftsvision, die eine gerechte Verteilung vorsieht. Freier Ressourcenzugang für alle würde nicht verhindern, dass die Ressourcen weiter ausgebeutet werden.

Birgt die Ressourcenknappheit bereits jetzt Sicherheitsrisiken?

Der Mangel an Trinkwasser schafft mancherorts eine gefährliche Situation. Die Bevölkerungsdichte in den Megastädten im Südosten des Landes ist definitiv auch ein Sicherheitsrisiko. Diese Situationen können jederzeit zum Kollaps führen.

Wasserkraftwerke liefern den Großteils des Stroms in Brasilien. Aber aufgrund extremer Wetterereignisse könnte es in Zukunft zu einer Zunahme von Stromausfällen kommen.

Brasilien hat viel Wasser – gerade regnet es wieder, vor allem im Süden, wo sich die ganzen Megastädte befinden. Also sehe ich da kein unmittelbares Problem. Wir sollten die Energieversorgung aber diversifizieren und dezentralisieren. Wir könnten mehr erneuerbare Energien gebrauchen. Brasilien ist so groß wie die Vereinigten Staaten, es gibt da viele Möglichkeiten. In jedem Fall müssen wir unsere Abholzungspraktiken kritisch betrachten und uns besser um die Ökosysteme kümmern. Unsere Wälder sind nicht nur Rohstofflieferanten; sie sind auch von großer ökologischer und gesellschaftlicher Bedeutung.

Für den Bau der zwölf Fußballstadien in Brasilien wurden 2,7 Milliarden Euro ausgegeben – mehr als für die Weltmeisterschaften in Deutschland und Südafrika zusammen. Sehen Sie dahinter ein nachhaltiges Konzept?

Ehrlich gesagt, nein. Da hätte man strategischer und partizipatorischer vorgehen können. Aber die Regierung muss sich an die Abmachungen mit der Fifa halten. Hinter dem Bau der gigantischen Stadien stand offenbar die Idee, Brasilien als die Heimat des Fußballs darzustellen. Die Kosten und der gesellschaftliche Nutzen stehen aber in keinem Verhältnis.

Die ganze Welt blickt jetzt auf Ihr Land. Könnte die Weltmeisterschaft auch eine Möglichkeit sein, das Bewusstsein für diese gesellschaftlichen Themen zu heben?

Wenn es strategisch erfolgen würde, ja. Aber dafür sehe ich keine Anzeichen. Die Interessen sind zu vielfältig und unterschiedlich als dass eine klare Botschaft deutlich würde. Niemand wird verstehen, was wichtig ist und was nicht. Die Regierung steht enorm unter Druck, und es besteht die Gefahr, dass alles in einem gewissem Chaos versinkt. Ich hoffe, dass die Menschen hier wenigstens in der Lage sein werden, die Fußballspiele zu genießen.