Das soziale Internet der Dinge

Wenn der Wald die Feuerwehr ruft

 

04.04.2016 | Angela Ullrich | Social Entrepreneurship

Die nächste große Internetrevolution steht schon vor der Tür und beginnt, unsere Kühlschränke, Toilettenspülungen und Autos zu erobern. Es ist das so genannte Internet der Dinge („Internet of Things - IoT“), über das Geräte und Maschinen miteinander kommunizieren können und viele alltägliche Prozesse völlig automatisch ohne menschliches Dazutun ablaufen. Es macht uns irgendwie Angst, bietet aber auch enorme Chancen.

Anwendungsbereiche für IoT Lösungen sind sehr vielschichtig und reichen von smarten Industrieanwendungen über die optimierte Agrarwirtschaft bis hin zur intelligenten Organisation von Städten sowie Gesundheitsleistungen, Energieverbrauch oder Umweltschutz. Die hohe mediale Aufmerksamkeit, die dem IoT derzeit zukommt, ist auch stark durch die dahinter schlummernde Wirtschaftskraft dieser Innovation getrieben. Ein wichtiger Zweig sind sogenannte "Wearables"– kleine Computersysteme, die der Nutzer am Körper trägt und die Daten über u.a. seinen Puls, Körpertemperatur, Bewegungen messen und weiterleiten. Der Markt für diese Devices wie zum Beispiel der Apple Watch wächst stetig um mehrere Millionen Euro Umsatz im Jahr an. Auch in der Agrarwirtschaft, wo vernetzte Maschinen und optimierter Pflanzenanbau große Effizienzgewinne bedeuten, wird das Marktvolumen in den USA derzeit auf 1,3 Milliarden US-Dollar geschätzt.

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Aus der Nonprofit-Perspektive interessieren uns jedoch vor allem IoT-Lösungsansätze, die auch einen Social Impact, also einen gesellschaftlichen Nutzen, insbesondere für weniger privilegierte Menschen, mit sich bringen. In unserer Analyse ist also der Mensch der wichtigste Nutznießer maschineller Eigenhandlung. Auch hier ist die Bandbreite möglicher Anwendungsgebiete groß – weil wir gern konkret an Beispielen den Trend aufzeigen wollen, schauen wir dieses Mal besonders auf Lösungsansätze im Themenfeld Umwelt- und Naturkatastrophenschutz.

Ins Netz gegangen: Sensoren kommunizieren Wasserqualität

Innovative Sensoren, die direkt in Gewässern platziert werden, ermöglichen, dass Wasserqualität und Qualitätsschwankungen kontinuierlich gemessen und kommuniziert werden, so dass sehr schnell helfende Maßnahmen ergriffen werden können. Das Water Innovation Centre der Universität Bath hat dafür einen sehr kostengünstigen Sensor entwickelt, der den Anteil von Giftstoffen im Trinkwasser mithilfe von Bakterienkulturen misst und im Notfall Alarm auslöst. Auch die robuste Smart Water Platform der Firma Libelium liefert ein genaues Bild über die Wasserqualität und eignet sich besonders für die Platzierung an schwer unzugänglichen Stellen oder in rauher Umgebung.

Immer auf dem aktuellen Stand: Wasserpegel in Echtzeit

Auch Wasserpegel können per Sensor gemessen und kommuniziert werden. Zukünftig werden vielleicht vielerorts Brunnen mit günstigen Messgeräten ausgestattet sein, so dass die Menschen nicht mehr kilometerweit umsonst laufen müssen, sondern schon vorher auf elektronischem Wege informiert werden. Auch für die Menschen oder Nonprofit Organisationen, die den Bau eines Brunnens finanziell unterstützt haben, würde dann sehr transparent, ob ihre Spende auch wirkungsvoll eingesetzt wurde. In New York trägt das Projekt Don’t flush me mit Hilfe einer IoT- Anwendung dazu bei, die innerstädtischen Wasserkanäle vor Verschmutzung zu bewahren. Wann immer die Abwasserkanalstände – per Sensor gemessen – eine kritische Höhe überschreiten, wird direkt die Nachbarschaft gewarnt, damit sie vorerst kein weiteres Abwasser in den Kanal leitet.

Warnungen im Katastrophenfall

Sensoren können zwar keine Katastrophe abwenden, sie können aber bei der Früherkennung helfen, um Betroffene rechtzeitig in Sicherheit zu bringen. So werden in Spanien mithilfe von Libelium Sensoren Waldbrände und Überschwemmungen erkannt. Die Sensoren erfassen Parameter an Bäumen, die sich bei Waldbränden verändern (Temperatur, Luftfeuchtigkeit, CO2 und CO). Bei kritischen Wertkombinationen wird sofort die Feuerwehr verständigt. Mithilfe der Sensoren erhält sie die konkreten GPS-Koordinaten, um den Brand direkt lokalisieren zu können. Ähnlich wird in Flüssen oder an Dämmen mit Hilfe von Sensoren der Wasserstand und Wasserbewegungen erfasst und im kritischen Bereich frühzeitig kommuniziert.

Rio de Janeiro wurde vor einigen Jahren von einem schlimmen Unwetter heimgesucht, das viele Menschen das Leben kostete. Daraufhin gründete die Stadt in Kooperation mit IBM Smarter Cities das Rio Operations Centre. Kontrollstationen erfassen Daten zur Wasserversorgung, dem Stromnetz, Wetter und Verkehr und senden sie direkt in das Zentrum weiter.

Im Ernstfall – der kann von Verkehrsbehinderungen bis hin zu schweren Unwettern reichen – informiert das Operations Center via Twitter seine über 50.000 Follower und sendet Benachrichtigungen via SMS oder Email.

Fazit

Unsere Welt wird von Tag zu Tag vernetzter. Das Internet of Things bietet vor allem für Designer, Entwickler und Unternehmer eine Spielwiese für Produkte und Anwendungen, die es so vorher noch nie gegeben hat. Dabei sollten wir festhalten: Wir stehen eigentlich erst am Anfang. Noch braucht es für viele, auch der hier beschriebenen Beispiele, noch immer an einem Punkt einen Menschen, der die Verwendung der übermittelten Daten zur weiteren Nutzung koordiniert. Erst wenn Geräte und Maschinen ganz ohne unser Zutun Handlungen in Gang bringen oder ausführen, ist das Internet of Things laut Definition voll entwickelt.

Für manche verheißungsvoll, wirft dieser Prozess für viele andere Fragen darüber auf, wie wir neuen, uns bisher noch unbekannten Herausforderungen begegnen wollen. Diese Skepsis trifft vor allem – aber nicht nur – auf den sozialen Sektor zu. Profitieren sollen hier vor allem schwache, benachteiligte Bevölkerungsgruppen – können und wollen wir die Verantwortung für ihr Wohlbefinden komplett Daten, Algorithmen und Maschinen überlassen?

Einige Experten, die im Bereich Internet of Things arbeiten, haben aus diesem Grund beschlossen, ein Manifest aufzusetzen, in dem sie für sich und andere einen Code of Conduct festgelegt haben. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit und immer willkommen für Anmerkungen oder Erweiterungen, verpflichten sie sich zum Beispiel nur Produkte zu entwickeln, die einen wirklichen Nutzen für den Menschen haben, die allen beteiligten Stakeholdern zu Gute kommen und die gewissen Sicherheits-und Datenschutzrichtlinien entsprechen.