Im Interview: Mehemed Bougsea

„Es ist äußerst wichtig, in der Türkei präsent zu sein“

 

20.09.2016 | BMW Stiftung | Europa und die neuen Gestaltungsmächte

Mit finanzieller Unterstützung der BMW Stiftung Herbert Quandt absolvierte Mehemed Bougsea ein Praktikum bei unserem Partner Kiron Open Higher Education in Istanbul. Sein Ziel: sich dafür einzusetzen, dass mehr als 120.000 Syrer Zugang zu universitärer Bildung bekommen. Mehemed kehrt diesen Herbst zum Start der ersten Kiron-Studenten zurück in die Türkei.

Warum wolltest du Kiron Open Higher Education gerade in Istanbul unterstützen – einer Stadt, um die viele momentan lieber einen großen Bogen machen?

Da ich ursprünglich aus Libyen komme und mich im Studium auf den Nahen und Mittleren Osten konzentriere, hat mich speziell die Arbeit von Kiron in der Türkei und in Jordanien interessiert. Ich lebe seit einiger Zeit in der Region und habe mich deshalb persönlich nicht unsicher gefühlt. Mein Praktikum begann im Mai, und es war Teil meiner Aufgabe, ein Team aus Entrepreneurs zusammenzustellen und beim strategischen Aufbau des türkischen Standorts von Kiron mitzuhelfen.

Dann bist du aber schon bald befördert worden…

Ja, als der Projektkoordinator in die Niederlande zurückbeordert wurde, übernahm ich die Stelle als Türkei-Koordinator für Kiron. Das Team in Istanbul besteht aus 5 Vollzeitangestellten und 12 ehrenamtlichen Mitarbeitern, von denen viele selbst Flüchtlinge aus Syrien sind.

Wie würdest du das Arbeitsumfeld für Ausländer beschreiben?

Das Land erfährt momentan offenkundig eine Reihe politischer Veränderungen, von denen NGOs genauso betroffen sind wie andere Institutionen – viele Prozesse dauern jetzt unter Umständen länger, manche Partner, die zu schnellem Handeln bereit waren, zögern jetzt, neue Partnerschaften einzugehen. Da Kiron aber ein einzigartiges Konzept anbietet, das das Potenzial hat, viele Entwicklungsherausforderungen des Landes zu lösen, wird das Unterfangen von NGOs, Institutionen und Regierungen unterstützt, damit es skalieren kann und die Menschen erreicht, die Hilfe brauchen. Die türkische Regierung ist natürlich daran interessiert, den Frieden aufrechtzuerhalten und weiterhin Dienstleistungen bereitzustellen, und deshalb ist Kiron optimistisch, dass es auch in Zukunft Unterstützung vonseiten der Regierung erhält.

Ich möchte alle NGOs, die in diesem Umfeld tätig sind, ermutigen, ihre Aktivitäten fortzusetzen. Sie werden heute mehr gebraucht denn je.

Mehemed Bougsea

Viele internationale Organisationen haben das Land bereits verlassen. Warum bleibt Kiron?

Kiron ist eine internationale Organisation, die in der Türkei und in Jordanien tätig ist. Natürlich muss das Sicherheitsrisiko von Zeit zu Zeit neu evaluiert werden. Aber für eine Organisation, die einer marginalisierten Bevölkerungsgruppe hilft, die von zentralen Dienstleistungen und Chancen ausgeschlossen ist, ist die Verantwortung zu bleiben noch größer. Nach Ansicht von Kiron ist es trotz der politischen Veränderungen äußerst wichtig, in der Türkei präsent zu sein. Momentan ist dort die Unterstützung für diese marginalisierten Gruppen sehr mangelhaft. Deshalb möchte ich alle NGOs, die in diesem Umfeld tätig sind, ermutigen, ihre Aktivitäten fortzusetzen. Sie werden heute mehr gebraucht denn je.

Den Menschen in Not unmittelbare Hilfe zukommen zu lassen war also auch die Hauptmotivation, warum Kiron einen Standort in Istanbul eröffnet hat?

Auf jeden Fall! Kiron startete in Berlin und hat das Konzept erfolgreich in ganz Deutschland skaliert. Aber bald wurde deutlich, dass die Herausforderungen außerhalb Deutschlands – namentlich in der Türkei und in Jordanien – riesig sind. Und wenn uns wirklich daran liegt, mithilfe von Technologie Flüchtlingen den Zugang zu universitärer Bildung zu ermöglichen, warum dann nicht die Lösung direkt in diese Länder bringen? Also beschloss Kiron innerhalb weniger Monate, sich auch in diesen Ländern zu engagieren. In der Türkei gibt es schätzungsweise drei Millionen Flüchtlinge, von denen über hunderttausend studieren wollen, an Kiron oder an einer anderen Universität.

Welchen Hintergrund haben diese Menschen?

Das ist sehr unterschiedlich. Die meisten haben bereits in irgendeiner Form in Syrien studiert oder andere Qualifikationen erworben. Andere kommen frisch von der Schule und sind auf der Suche nach Qualifikationen, um in der Türkei Arbeit zu finden. In jedem Fall ist das Potenzial für Fachkräfte in den Bereichen Geschäftsentwicklung, IT und Webentwicklung sehr groß. Nicht alle Flüchtlinge sind aus Syrien; es kommen auch viele aus Afghanistan, Irak und Palästina. Vor allem im IT- und BWL-Bereich kennen sie die Möglichkeiten, selbstständig zu arbeiten.

Sie alle scheinen ein gemeinsames Problem zu haben: ihnen fehlen die Qualifikationen für den türkischen Arbeitsmarkt.

Viele Syrer sprechen zwei oder drei Sprachen. Sie sind hochqualifiziert und haben ausreichend praktische Arbeitserfahrung, aber ihnen fehlt das Verständnis dafür, wie man einen Fuß in den türkischen Arbeitsmarkt bekommt. Sie wissen nicht, wie man einen Lebenslauf so gestaltet, dass er für türkische Arbeitgeber attraktiv ist, oder sie haben kein Talent für Eigenwerbung. Das funktioniert hier oft ganz anders als in Syrien. Die türkische Sprache ist eine weitere Hürde. Die Flüchtlinge tun sich schwer, Stellenangebote zu lesen, und deshalb bietet Kiron nun als Teil seines Programms auch Sprachunterricht an. Ziel ist es, den Studenten dabei zu helfen, Kontakte zu türkischen Arbeitgebern und Fachkräften aufzubauen.

Kiron braucht einen Machbarkeitsnachweis, um türkische mittelständische Unternehmen davon zu überzeugen, dass der Technologie- und Lernprozess funktioniert.

Mehemed Bougsea

Was ist für Kiron momentan die größte Herausforderung?

Wir können nicht sofort mit der Anzahl von Studenten beginnen, die wir im Idealfall akzeptieren möchten. Anstatt mit 100.000 Studenten starten wir mit einer Gruppe von 300 Studenten. Kiron braucht einen Machbarkeitsnachweis, um türkische mittelständische Unternehmen davon zu überzeugen, dass der Technologie- und Lernprozess funktioniert. Darüber hinaus analysiert Kiron, was auf dem Arbeitsmarkt gebraucht wird. Momentan wollen sich 60.000 hochmotivierte Syrier für das Zertifikatsprogramm immatrikulieren. Kiron möchte in Erfahrung bringen, wonach die türkischen Arbeitgeber suchen, damit sie diese mit qualifizierten Fachkräften vernetzen können, die der Sprache kundig sind und über die türkische Gesellschaft und das Arbeitsleben in der Türkei Bescheid wissen.

Für viele Flüchtlinge ist die Türkei nur eine Durchgangsstation. Sie träumen davon, in ein anderes Land zu gehen. Wie überzeugt man sie, dass diese Träume womöglich nicht in Erfüllung gehen werden und es sich stattdessen lohnt zu bleiben?

Kiron hat gelernt, dass man den Studenten mit Flüchtlingsstatus, wenn man direkt mit ihnen zusammenarbeitet und sie in Länderteams zusammenbringt, die Gelegenheit gibt, ihre Motivationshemmnisse zu verstehen. Meist fehlen ihnen nur ganz alltägliche Erfahrungen: in einem Team zu arbeiten, an Diskussionen oder Freizeitveranstaltungen teilzunehmen. Womöglich können sie in Istanbul ein neues Instrument lernen oder in einen Sportverein eintreten – diese Dinge sind genauso wichtig wie ihnen den Zugang zur universitären Ausbildung zu ermöglichen. Je mehr Menschen, Organisationen und Regierungen dies begreifen und entsprechend handeln, umso größer ist die Motivation für die Flüchtlinge und Studenten zu bleiben.

Interview: Maja Heinrich.