Jobchancen in Tunesien schaffen

„Das Bildungssystem ist losgelöst von der ökonomischen Realität."

 

15.08.2016 | Ines Amri | Tunesien

Viele Länder im Nahen und Mittleren Osten, darunter auch Tunesien, leiden unter fragilen demokratischen Institutionen, wirtschaftlichem Abschwung und hoher Arbeitslosigkeit. In diesem Essay schildert Ines Amri, welche Bildungs- und Wirtschaftsreformen sie für Tunesien für unerlässlich hält.

Tunesien sollte drei wichtige Maßnahmen ergreifen, um die hohe Jugendarbeitslosigkeit zu bekämpfen und seine Wirtschaft sowohl kurz- als auch langfristig umzustrukturieren und wieder in Gang zu bringen: die Rahmenbedingungen für unternehmerisches Handeln verbessern, sich den Möglichkeiten und Chancen der digitalen Ökonomie öffnen und Jugendliche auf dem Bildungsweg integrieren.

Der 7th BMW Foundation Global Table findet vom 29. September bis 2. Oktober in Sidi Bou Said, Tunesien statt. Die Veranstaltung organisieren wir in Zusammenarbeit mit unserem Partner, dem Maghreb Economic Forum (MEF). Im Fokus der Diskussion werden die unausgeglichenen Machtstrukturen in vielen Ländern des Nahen und Mittleren Ostens am Beispiel Tunesiens stehen.


Auch wenn es eine Reihe kurzfristiger Maßnahmen gab, um die Situation zu verbessern, sind die Regierungen seit der Revolution nicht in der Lage gewesen, grundlegende wirtschaftliche Veränderungen herbeizuführen. Der Staat sollte sich daher zurückziehen und das Feld der Innovations- und Expansionskraft des privaten Sektors überlassen. Der Anteil des privaten Sektors am Bruttoinlandsprodukt ist von über 70% vor der Revolution auf 63% im Jahr 2015 gesunken. Wir haben es also mit einer eher staatlich gelenkten bzw. stark staatsabhängigen Wirtschaft zu tun, die von der Dynamik der globalen Wirtschaft abgekoppelt ist.

Notwendigkeit eines strukturellen Wandels in Tunesien

Der Regierung ist es nicht gelungen, die wachsenden gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Missstände zu beseitigen und die rechtlichen und finanziellen Rahmenbedingungen anzugehen, die sich für den privaten Sektor in vielen Bereichen als hinderlich erweisen. Man zögert, auf nationaler Ebene Strategien und Ansätze für einen Strukturwandel der tunesischen Wirtschaft zu entwickeln.

Die Arbeitslosenquote, die im Jahr 2011 mit 18,3 Prozent ihren höchsten Wert erreicht hatte, fiel 2013 auf 15,9% und 2014 auf 14,8%, bevor sie im ersten Quartal des Jahres 2016 wieder leicht auf 15,4% anstieg. 2014 betrug die Jugendarbeitslosigkeit gar 31,8%. Der Mangel an Erwerbschancen erhöhte das Risiko für soziale Unruhen und war letztendlich einer der Faktoren, die Jugendliche in den gewalttätigen Extremismus trieben.

Akademische Abschlüsse sind nicht länger Garant für einen guten Arbeitsplatz.

Ines Amri

Darüber hinaus entspricht das Bildungssystem einfach nicht der ökonomischen Realität. Akademische Abschlüsse sind nicht länger Garant für einen guten Arbeitsplatz. Die Humanressourcen, die der Arbeitsmarkt braucht, sind nicht diejenigen, die das Bildungs- und Ausbildungssystem hervorbringt. Um die erwerbstätige Bevölkerung der Zukunft mit den für diese erforderlichen Fähigkeiten auszustatten, müssen die Lehr- und Ausbildungspläne überarbeitet werden. Soft Skills wie Kommunikationsfähigkeit, kreatives Schreiben, Führungsqualitäten, strategisches Denken, Selbstvermarktung und öffentliches Reden sollten unterrichtet und stärker gefördert werden.  

Parallel dazu leidet Tunesien unter einem Braindrain, d.h. der Abwanderung von akademisch gebildeten bzw. hoch qualifizierten Arbeitskräften. Im Global Competitiveness Index 2015-2016 des Weltwirtschaftsforums lag Tunesien im Bereich “Arbeitsmarkteffizienz” auf Platz 133 von insgesamt 140 Ländern. Das Land schneidet ebenfalls schlecht ab, wenn es darum geht, qualifizierte Leute im Land zu halten (Platz 118) oder anzulocken (Platz 124). Diese Zahlen zeigen, dass beträchtliche Investitionen nötig sind, um unternehmerische Initiative zu fördern und die Barrieren speziell für mittelständische Unternehmen abzubauen. Um einen Paradigmenwandel zu erzielen, muss das wirtschaftliche Umfeld in Tunesien wettbewerbsfreundlicher und unbürokratischer werden, es bedarf eines gerechten Steuersystems, und der Zugang zu Märkten und Kapital muss erleichtert werden.

Neue Märkte und Wirtschaftspartner für Tunesien

Dazu ist es nicht nötig, neue Industrien zu schaffen. Der Ausbau und die Verbesserung bereits existierender, traditioneller Sektoren wie Landwirtschaft, Agroindustrie und erneuerbare Energien werden der tunesischen Wirtschaft Auftrieb geben. Aber Tunesien muss sich vor allem auch neue Märkte und Wirtschaftspartner außerhalb Europas erschließen. Wachsende Exporte in asiatische Länder wie beispielsweise China oder Indien und nach Nord- und Südamerika werden langfristig wirtschaftliche Wirkung zeigen. 

Der Schlüssel zur Schaffung eines dynamischeren Arbeitsmarkts sind Handelsbeziehungen und Wissensaustausch innerhalb der Maghrebstaaten.

Ines Amri

Am relevantesten und dringlichsten ist allerdings, dass Tunesien das wirtschaftliche Potential seiner Nachbarländer nutzt: Mit einer Gesamtbevölkerung von 95,6 Millionen (Stand 2015) können Algerien, Libyen, Mauretanien, Marokko und Tunesien gemeinsam florieren und trotz der schwächelnden Weltwirtschaft gesellschaftliche und ökonomische Chancen schaffen. Indem sie untereinander kooperieren, könnten die Maghrebstaaten zu einer politisch und wirtschaftlich wichtigen und einflussreichen Region werden. So würde es zum Beispiel die tunesische Wirtschaft ankurbeln, wenn Tunesien seine Grenzen für Produkte aus dem Maghreb öffnen würde. Tatsächlich könnten derartige neue Abkommen im Falle zukünftiger Wirtschaftskrisen eine Art Sicherheitspolster darstellen.

Da Wirtschaft und Bildung eng miteinander verknüpft sind, sollte die tunesische Regierung darüber nachdenken, in beiden Bereichen weitblickende Reformen auszuarbeiten und umzusetzen, um die rechtlichen, personellen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen günstiger zu gestalten. Gleichzeitig liegt der Schlüssel zur Schaffung eines dynamischeren Arbeitsmarkts darin, die Handelsbeziehungen und den Wissensaustausch innerhalb der Maghrebstaaten – in erster Linie zwischen Algerien, Marokko und Tunesien – zu intensivieren.

Eine etwas längere Originalfassung dieses Aufsatzes mit allen Quellenangaben wurde am 4. August 2016 auf dem Arab Development Portal veröffentlicht:

Englische Version

Arabische Version