Konzert des Silk Road Symphony Orchestra

Worin besteht unser gemeinsames kulturelles Erbe?

 

30.03.2017 | Daniel Gerlach | Europa und die neuen Gestaltungsmächte

Inspiriert vom 5th BMW Foundation Global Table in Tansania hat der Dirigent Jan Moritz Onken das Silk Road Symphony Orchestra ins Leben gerufen. Die Initiative will die Beziehungen zwischen den Menschen entlang der Seidenstraße, von China über Zentralasien und Russland bis nach Spanien, mittels klassischer Musik verbessern.

China hat vor zwei Jahren die Initiative „Neue Seidenstraße“ ausgerufen, diese soll über Zentralasien bis nach Spanien führen. Das Vorhaben ist weit mehr als ein Infrastrukturprojekt. Vielmehr soll Chinas geostrategische Rolle neu definiert werden. Der aufstrebenden Macht geht es um ein Gegengewicht zur Dominanz des Dollar sowie des starken Euro.
Chinas Wachstum hängt vom Export ab und Wohlstand kann nur durch stabile Absatzmärkte entstehen. Durch Infrastrukturprojekte in den Ländern entlang der Seidenstraßen-Route sollen diese etabliert und Chinas Einfluss politisch sowie wirtschaftlich gestärkt werden.

Am 20. Januar 2017 fand im Botanischen Garten in Berlin ein Konzert des Silk Road Symphony Orchestra statt. Warum die Botschaft des Orchesters wichtiger denn je ist, erläuterte Responsible Leader Daniel Gerlach in seiner Auftaktrede.

Daniel Gerlachs Rede im Botanischen Garten

Gold, Jade, Porzellan, Gewürze und natürlich Seide – das waren die Güter, mit denen furchtlose Handelsreisende auf einer über 6000 Kilometer langen Strecke unterwegs waren, quer über den eurasischen Kontinent und das Mittelmeer bis nach Europa. Jedes Handelsunternehmen deckte nur einen begrenzten Abschnitt der Seidenstraße ab; vielen erwuchs daraus großer Nutzen. Die meisten gingen große Risiken ein, um ihre Ziele zu erreichen.

Heute will der Silk Road Cultural Belt, der Seidenstraßen-Kulturgürtel, nicht nur die Menschen entlang dieser Route miteinander verbinden, sondern auch zu kultureller Interaktion und gegenseitiger Inspiration anregen; es soll von Grund auf neu definiert werden, worin unser gemeinsames kulturelles Erbe besteht.

Wie würden Sie eine Seidenstraße komponieren? Das war die Frage, welche die Silk-Road-Cultural-Belt-Initiative dank einer Förderung von 100.000 Euro von Google AD Grants Hunderttausenden von Internetnutzern 2016 gestellt hatte.

Das Konzert des Silk Road Symphony Orchestra auf Flickr

Aus der ganzen Welt gingen Musikempfehlungen und Lieblingsmusikstücke ein, die Impulse gaben für die Initiative – und auch für die Veranstaltung des heutigen Abends. Diese schwarm-ähnliche, “crowd-sourced” Inspiration nannte Jan Moritz Onken, der Dirigent und künstlerische Leiter des Orchesters, die “Conference of the Birds”, die Konferenz der Vögel.

Die Länder entlang der Seidenstraße kommen sich immer näher, zumindest was die Reisezeit angeht. Und es entstehen neue Seidenstraßen, wie z.B. die maritime Seidenstraße über den Indischen Ozean. Die Ankündigung von billionenschweren Investitionen in ganz Eurasien, hauptsächlich von chinesischer Seite, weckt große Erwartungen. Aber ohne eine kulturelle Antwort auf dieses Projekt, ohne einen kulturellen Dialog könnten diese Bestrebungen nur von begrenztem Nutzen sein.

Länder und Staaten, die früher einmal Dreh- und Angelpunkte des interkulturellen Handels und Austauschs waren, wie beispielsweise Syrien, liegen in Trümmern. Brutalität regiert, und mit der Verachtung für das menschliche Leben geht auch tiefste Verachtung für das kulturelle Erbe einher.

Eine neue kulturelle Allianz

Ich wollte heute Abend nicht politisch werden. Es ließe sich argumentieren, dass man an diesem Freitag, den 20. Januar entweder zynisch oder naiv sein muss, um die gesellschaftliche Wirkung von Kunst und Kultur herauszustreichen. Und ich spiele damit nicht auf die Amtseinführung des 45. US-Präsidenten an, der auch unter Künstlern und Musikern äußerst umstritten ist.

Heute haben die internationalen Medien Beweise erhalten, dass eins der Wunder der Antike, ein Ort namens Tadmor, oder Palmyra, eins der fantastischsten Zeugnisse kultureller Interaktion und ein Knotenpunkt der Seidenstraße, erneut zerstört wurde.

Der sogenannte Islamische Staat, der sich so gern als Nemesis der Zivilisation sieht, scheint Teile des römischen Tetrapylon und des römischen Theaters in Palmyra in die Luft gesprengt zu haben, nachdem sie die Stätte von den russischen Streitkräften und dem syrischen Regime zurückerobert hatten.

Welch bittere Ironie, welch eitle Machtdemonstration, welch widerliche Instrumentalisierung von Kultur und Musik, wenn wir bedenken, dass es noch keine acht Monate her ist, dass einer der berühmtesten Dirigenten der Welt mit einem Symphonieorchester nach Palmyra gekommen war, um dort den Sieg über just diese Terrororganisation zu feiern.

Die Art kulturelle Allianz, wie sie dem Silk Road Cultural Belt vorschwebt, wird nicht die Welt verändern. ... Aber sie bereitet Freude, sie bereichert unsere Identitäten, und sie ist, offen gesagt, das Einzige, das wir haben!

Daniel Gerlach

Nun, wie es aussieht, haben sich die Prioritäten nach der weltweiten Ausstrahlung dieser Siegesfeier wieder anderswohin verlagert. Und Palmyra wurde seinem unheilvollen Schicksal überlassen.

Liebe Freunde, die Art kulturelle Allianz, die dem Silk Road Cultural Belt vorschwebt, wird nicht die Welt verändern. Sie wird nicht den Zorn der Dschihadisten besänftigen, und sie wird nicht, jedenfalls nicht unmittelbar, Fanatismus oder brutale Regimes stürzen.

Aber sie bereitet Freude, bereichert unsere Identitäten, und sie ist, offen gesagt, das Einzige, das wir haben. Kunst und Musik von der Art, wie wir sie heute, heute Abend, hören werden, verdient unsere Bewunderung, und sie kann Tausenden von Menschen entlang dieser neuen Seidenstraße Trost spenden.

Sehen wir die Seide als eine Metapher für die kreativen Beiträge jedes Einzelnen, so ist die Seidenstraße nach wie vor eine Abfolge von „Sehnsuchtsorten“, wie wir im Deutschen sagen.

Das Silk Road Symphony Orchestra

Das Silk Road Symphony Orchestra, ein unabhängiges Projekt, das sich dieser Idee verschrieben hat, wurde von der Callias Foundation gegründet und feierte sein Debüt im Juni 2016 in Berlin mit einer Aufführung von Werken von Strauss, Stravinsky und dem chinesischen Komponisten Qigang.

Das Orchester wird bald auf Reisen gehen und zusammen mit gleichgesinnten Musikern in Istanbul, Teheran, Taschkent und anderen Orten spielen.

Deshalb – kommen wir also zur Sache – braucht es finanzielle Unterstützung. Es will in diesem Jahr 1,3 Millionen Euro aufbringen, damit die ersten Glieder des Silk Road Cultural Belt geknüpft werden können.

Die Idee für das Orchester entstand 2015 beim BMW Foundation Global Table in Tansania, einem Land, das nun auch mehr oder weniger Teil dieser Seidenstraße ist. Dafür, sowie auch für die großzügige Unterstützung des heutigen Abends, möchte die Callias Foundation der BMW Foundation herzlich danken.

Heute Abend können Sie Kunst und Musik kostenfrei genießen. Aber wir sind dankbar für jede Spende – im Kleinen, damit wir die künstlerischen Beiträge des heutigen Abends entlohnen können. Aber auch im Großen, wie Sie in dem Brief, den wir Ihnen am Eingang ausgehändigt haben, nachlesen können.

Die musikalische Zusammenstellung des heutigen Abends wurde von Teilnehmern aus dem Silk Road Cultural Belt inspiriert.

Jan Moritz Onken, der führende Kopf der ganzen Sache, hat als Dirigent bereits mit vielen Orchestern im Ausland gearbeitet. Er hat die Klänge von Bach, Mozart und Wagner in die Steppen Kasachstans, die Berge Tadschikistans und ins südafrikanische Transvaal gebracht. Er hat sein Handwerk am St. Petersburger Konservatorium gelernt und mit erstklassigen klassischen Musikern in Südkorea gearbeitet, aber sein besonderes Talent bestand schon immer darin, Rohdiamanten zu schleifen, in Umständen, die den Künsten nicht gerade wohlgesonnen sind.

Moritz, es dreht sich vielleicht nicht immer alles um Musik. Aber ganz sicher machst du alles für die Musik.

Wie hätten wir Mitteleuropäer jemals die Gewürze der Seidenstraße kosten und Seide berühren können, wenn da nicht die Italiener wären, lieber Flavio de Marco, und nicht zu vergessen das unermüdliche Team der Pizzeria Papa Pane. Grazie, amici, für das Catering des heutigen Abends!

Das Fenster der heutigen Zeit

In wenigen Wochen wird Flavio seine Werke fast zeitgleich in vier italienischen Städten in renommierten Museen ausstellen. Folglich sind wir nicht nur dankbar, dass wir Flavio heute Abend, als Gastgeber, bei uns begrüßen dürfen, sondern auch dafür, dass er diese Arbeit speziell für die heutige Veranstaltung geschaffen hat.

Flavio de Marco reflektiert darüber, durch welche Fenster die Künstler heutzutage die Welt betrachten und was sie dadurch sehen können.

Für ihn ist der Computerbildschirm das Fenster der heutigen Zeit, das Sujet seiner bildhaften Erkundungen dieses neuen, virtuellen Raums. Im Laufe der Jahre begannen Bilder von „klassischen“ Landschaften in den von ihm abgebildeten Computerbildschirmen aufzutauchen, inspiriert von den schematischen Repräsentationen, die uns dank Tourismus und Werbung allseits umgeben. Der Computer symbolisiert eine globalisierte Welt, in der die schrumpfenden Entfernungen zur Folge haben, dass wir unsere Fähigkeit verlieren, eine emotionale Beziehung zur Natur einzugehen und mit dem umzugehen, was vor uns ist.

In der Fortführung seiner Überlegungen ging Flavio immer öfter hinaus aus dem Studio, um sich der Landschaft direkt auszusetzen, ohne den Filter des Bildschirms. Nur mit farbigen Markern begann er im Freien zu arbeiten und fertigte eine Reihe von Zeichnungen an, während er klassischer Musik lauschte.

Die Zeichnungen, die Sie heute Abend sehen werden, folgen demselben Prinzip: Der Maler wählte drei Musikstücke, deren Bewegungen er in seinen Zeichnungen nachverfolgt: „Sechs Bagatelle“ von György Ligeti, ein Stück von Debussy, und als drittes ein Stück von Mozart.

Und das sind auch genau die Werke, die Sie nach dieser etwas längeren Rede nun hören werden. Bitte begrüßen Sie mit mir die Solisten des Silk Road Symphony Orchestra. Und bitte lassen sie dem Orchester königliche Unterstützung zuteil werden. Herzlichen Dank und ich wünsche Ihnen einen schönen Abend!