Soziale Dienstleister

Tausche Paletten gegen Möbel

 

09.05.2016 | BMW Stiftung | Gesellschaftliche Innovation

Die Lernwerkstatt in der größten Flüchtlingsunterkunft Münchens gibt Asylsuchenden einen Einblick in Handwerksberufe. Profitieren können davon auf Dauer beide Seiten. Die BMW Stiftung Herbert Quandt unterstützte das Projekt auf eine ganz eigene Weise.

Der Weg in eine neue Zukunft, er scheint ganz kurz: Gleich nach dem Eingang in die Bayernkaserne am sogenannten „Lighthouse“, der von Ehrenamtlichen betriebenen Willkommens-Station, vorbei, einmal links um die Ecke an dem Wachmann mit dem strengen Blick vorbei. Schon steht man vor der Halle 36, einer ehemaligen Fahrzeughalle der Bundeswehr. An olivgrünen Lastwagen wird hier schon seit einigen Jahren nicht mehr gebastelt, stattdessen an gebrochenen Lebensläufen, an Hoffnungen auf eine bessere Zukunft, auf eine gute Arbeit vor allem. Der Verein Lernwerkstatt lässt hier Asylbewerber in zweitägigen bis zweiwöchigen Workshops in Handwerksberufe hineinschnuppern.

„Arbeit stoppt das Kopfkino der Sorgen“

Wer an der Tür zur riesigen Halle klingelt, kommt erst einmal ins Büro der Lernwerkstatt, das eher der Wohnküche einer WG ähnelt: eine kleine Küchenzeile mit benutzten Tassen in der Spüle, eine Sitzgruppe, zwei Schreibtische und auffallend viele Produkte der hauseigenen Werkstatt. Hier ein aus Heizungsrohren gelötetes Tassengestell, dort ein Regal aus Holz-Palletten. Den Weg hier hinein zu Martina Gerum und ihrer syrischen Hospitantin Badeea finden viele junge Männer – bislang leider nur Männer, obwohl Frauen genauso eingeladen sind. Ein knappes Jahr nach dem Start der Kurse spricht sich herum, was der Verein zu bieten hat: Jeden Tag eine Stunde fachspezifischen Sprachunterricht, danach eben Hand-Werk. Endlich nicht mehr nur warten. Und am Ende des Kurses sehen, was man geschafft hat. Ein Zertifikat gibt es noch dazu. Im Idealfall sollen die Teilnehmer später in Praktika oder andere Projekte weitervermittelt werden. „Die Männer wollen ja unbedingt etwas tun, die wollen Teil der Gesellschaft sein. Und die Arbeit hier stoppt das Kopfkino der Sorgen und Erinnerungen wenigstens für ein paar Stunden“, erklärt Martina Gerum, die seit Anfang des Jahres das Büro der Lernwerkstatt organisiert. Mittlerweile führen sie eine Warteliste, zu groß ist die Nachfrage. Mehrere Preise hat der Verein bereits bekommen, rund 60.000 Euro Spenden gesammelt. Auch Martin Nell von der Regierung von Oberbayern sagt: „Wir freuen uns über dieses wertvolle Projekt.“

Flüchtlinge zimmern Möbel für die BMW Stiftung

Genauso wie die vielen Männer aus Syrien oder Afghanistan, Togo oder Mali ist Ende letzten Jahres auch Carmen Leszynsky einfach in die Lernwerkstatt hineinmarschiert. Sie hilft in ihrer Freizeit in der Kleiderkammer der Flüchtlingsunterkunft. Ihre vorsichtige Hoffnung: Eine Verknüpfung mit ihrer Arbeit bei der BMW Stiftung Herbert Quandt. Dort organisiert sie seit fünf Jahren Veranstaltungen. „Bei der BMW Stiftung suchen wir möglichst immer Lieferanten, die sich sozial engagieren“, erklärt die 37-jährige Projektmanagerin. Nur bei den Möbeln für die Party zum 5th World Responsible Leaders Forum Ende Mai in München war sie noch nicht fündig geworden.

In der Lernwerkstatt war sie zur richtigen Zeit am richtigen Ort, denn dort wollten die Organisatoren gerade Kurse in Holzbearbeitung einführen und suchten dafür nach einem sinnvollen Projekt. Schnell war klar: „Die Flüchtlinge bauen Möbel, die sie für das Gelände der Unterkunft brauchen können. Die leihen wir dann für den Abend der Party aus“, erklärt Carmen Leszynsky mit wenigen Sätzen die Win-Win-Situation.

Mit dem Stichwort Palettenmöbel war sie beim Werkstattleiter Roberto Reinmann genau richtig. Der 30-jährige Ingolstädter – ein echter Allroundhandwerker – hat für Festivals schon öfter solche angesagten Sitzgelegenheiten und Tische mit Industrie-Charme gebaut. Jetzt aber war das schon fast ein Großauftrag: Zehn größere Sofas in L-Form, zehn kleinere, zehn Doppelsitzer, zehn Stehtische, dazu noch ein paar kleinere Beistelltische. Würde er das mit ein paar jungen Männern, denen er erst einige Tage zuvor zum ersten Mal Akkuschrauber, Zollstock und Säge in die Hand gedrückt hat, schaffen?

„Das Gute an den Paletten ist: Sie verzeihen viele Fehler, die Arbeit ist nicht so filigran. Man kann aber trotzdem alle wichtigen Arbeitsschritte daran üben“, erklärt der junge Mann mit dem dunkelblonden Dutt. Also besorgte Carmen Leszynsky 250 Euro-Paletten, „von einem BMW-Zulieferer zum halben Marktpreis“, wie sie betont. Die Hilfs- und Spendenbereitschaft vieler Firmen hat sie überrascht. Und Roberto Reinmann legte los mit acht seiner „Jungs“.

Drei Wochen lang haben sie gesägt, geschraubt, geschliffen und lackiert. Das Ergebnis steht jetzt in einem abgetrennten Teil der großen Halle: Einige Dutzend fertig lackierte Lounge-Möbel. „Die Jungs sind mächtig stolz, wenn sie das hier so sehen“, erzählt Reinmann. „Schon das Wissen, für die Marke BMW zu arbeiten, brachte nochmal eine extra Portion Motivation.“ In einer Ecke der Halle sitzt der syrische Schneider Imad und näht Polsterbezüge für die Holz-Gestelle. Eigentlich – denn heute wird in der Flüchtlingsunterkunft das Taschengeld ausgezahlt, da heißt es: Schlange stehen.

Die Bayernkaserne wird zur Werkstatt

Die Bayernkaserne ist ein riesiges Areal, etwa 67 Fußballfelder groß, auf dem zur Zeit rund 1350 Flüchtlinge untergebracht sind – die meisten in der Erstaufnahmeeinrichtung, andere aber auch länger. Die Idee zur Lernwerkstatt kam tatsächlich von den Handwerkern, die sich um den Unterhalt der Unterkünfte kümmern. Kaum packte einer von ihnen Werkzeug und Material aus, stand sofort eine Traube junger Männer um ihn herum. Gleichzeitig suchen immer mehr deutsche Handwerks-Betrieben vergeblich Lehrlinge. „Die haben gemerkt: Hier fehlt etwas und nicht lang herumgeredet, sondern einfach gemacht“, sagt Martina Gerum. Einige Meister gründeten gemeinsam mit Innungen und weiteren Unterstützern Mitte vergangenen Jahres die Lernwerkstatt.

Heizung und Sanitär, Elektrotechnik, Metall- und Trockenbau, Maler und Holzbearbeitung – die verschiedensten Gewerke haben jeweils eigene Ausbildungsstationen. Werkbänke, Lötstationen, Akkuschrauber, Sägen haben die Betriebe gespendet. Mohamed aus Syrien und Jude aus Nigeria zerlegen gerade Paletten und ziehen Nägel heraus. Aus den Materialresten bauen sie in den nächsten Tagen noch 60 Besteck- und Servietten-Kästen für die Party-Tische. Mohamed, der in Syrien Sozialarbeit studiert hat, kehrt Holzreste und Nägel zusammen. Die Lernwerkstatt? „Großartig“, strahlt der 25-Jährige. „Ich habe verschiedene Sachen ausprobiert, aber das Möbel bauen hat mir am meisten Spaß gemacht. Am besten finde ich diese Z-Sofas, in denen man sich gegenübersitzt.“ Am 21. Mai wird eine Gruppe des Responsible Leader Forums zu Besuch in die Werkstatt kommen. Einen Tag später dürfen Mohamed und sieben weitere Flüchtlinge mit Roberto Reinmann und Martina Gerum die Party besuchen und die Premiere ihrer Möbel erleben.

Die kommen schon jetzt so gut an, dass es Carmen Leszynsky fast Sorgen – nein: Arbeit macht. Dem Möbelverleiher, der das restliche Mobiliar für das Forum liefert, hat sie nämlich Fotos von den Tischen und Sofas gezeigt. Der war so begeistert, dass er gleich ordern wollte. Nur ist das nicht so einfach bei einem gemeinnützigen Verein und Flüchtlingen, die nicht gegen Bezahlung arbeiten dürfen. „Ich war fast ein bisschen erschrocken, was wir da losgetreten haben“, sagt die Stiftungsmitarbeiterin. „Das Projekt werde ich jedenfalls sicher weiter begleiten, unterstützen und beraten.“

Text: Iris Röll